Avantgarde

Spagat zwischen Kunst und Comic – M. S. Bastian

Copyright: M. S. Bastian
Diashow

Der Schweizer M. S. Bastian gehört zu den wenigen Comic-Künstlern, die den Spagat zwischen Kunst und Comic wagen. Mit seinen überbordenden Wimmelbildern und kraftvollen Grafiken ist er inzwischen genauso in Galerien und Museen vertreten wie auf Comic-Festivals. Den Auslöser für eine Auseinandersetzung mit dem Comic als Kunstform kam ihm, als er während seines Studiums an der Bieler Schule für Gestaltung auf das Schweizer Comic-Magazin Strapazin stieß. Es ist die erste deutschsprachige Publikation, die sich ganz im Stil von Art Spiegelmans RAW-Magazin den künstlerisch anspruchsvollen Comics für Erwachsene widmet.

Als M. S. Bastian seine Comics im Strapazin und später auch in diversen Tageszeitungen veröffentlichte, war er zur gleichen Zeit in seinem Heimatort als Künstler und Mitbegründer der Galerie Polstergruppe, einer Lokalität, in der Ausstellungen, Konzerte und ein Barbetrieb stattfanden, aktiv. Er formte Objekte und Skulpturen aus Karton, Blech, Alteisen und Holz und malte überdimensionale Wandbilder. Inspiriert von den amerikanischen Comic-Künstlern Gary Panter und David Sandlin und von Malern und Graffiti-Künstlern wie Keith Harring und Basquiat, begann M. S. Bastian mit Zitaten und Fragmenten aus der Popkultur und Kunstwelt, die er als eigenständige visuelle Sprache einsetzte, zu experimentieren. Von der Cut-Up-Technik eines William S. Burroughs und den Collagen aus der Modernen Kunst angeregt, manipuliert und verfremdet er Bilder und Wörter, die er aus Comics, Literatur, Werbung und Malerei generiert.

Päng heißt ein Album und dementsprechend energiegeladen hat er die Texte von Bukowski bearbeitet, indem er sie zerstückelt, neu zusammensetzt oder um eigene Worte erweitert hat. In seinen folgenden Arbeiten Squeeze (1997) und Peep Trash Bubbles (2000) sprengt er die beengenden Panels eines Comics und lässt seinen exorbitanten Interpretationen der Comic-Ikonen Micky Maus, Tintin, Bart Simpson und Jimbo freien Lauf. Einmal losgelassen, wirbeln sie die gesamte Comic-Welt durcheinander und hinterlassen ein chaotisches Tohuwabohu. Oder sie schauen bei ihrem liebsten Freund vorbei, M. S. Bastians eigener Figur, dem freundlichen Pulp (2004).

M. S. Bastians Comics haben weniger eine Handlung, als dass sie aus Einzelszenen und -bildern bestehen, die einem geläufigen Zeichensystems entstammen und die ein grandioses Tableau bilden, das gedeutet werden will. Völlige Freiheit findet er in seinen künstlerischen Arbeiten, die in den wunderbaren Katalogen CoMIXart (1996), It’s A Wonderful World (2001) und 100 Ansichten von Bastropolis (2007) dokumentiert sind, sowie in dem Heft Päng 2 (2008, Edition Fästing Plockare), die inzwischen in Zusammenarbeit mit der Bieler Grafikerin Isabelle L. entstehen.

Für das Comicfestival Fumetto 2010 schufen die beiden Künstler den Comic Bastokalypse. Das Monumentalwerk befasste sich auf einer Länge von 52 Metern mit der Geschichte der Apokalypse – eine furiose Arbeit, gespickt mit expressiven Figuren und Zitaten aus Kunstgeschichte und Popkultur.

M. S. Bastian provoziert als Grenzgänger und reibt sich an den Widersprüchen und Gemeinsamkeiten von Kunst und Comics. Seine Arbeit gleicht einer subversiven Gegeninitiative, außerhalb der offiziellen Kultur, welche keine Eingrenzung akzeptiert. So war es nur eine Frage der Zeit, bis er mit seinen Installationen in den dreidimensionalen Raum vorgestoßen ist, mit der legendären „Bastian-Bar“.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Dezember 2012

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