Avantgarde

Alltäglichkeit und Groteske – BECK

BeckBeckWährend am Horizont Häuser, Fahrradfahrer, Möbel, Tiere und Dixie-Klos durch die Luft wirbeln, schleppt ein Mann einen großen Stein über den Strand. Auf einem Badetuch liegt seine Frau, deren Arme und Beine er mit Felsbrocken beschwert. Am Strand bei Windstärke 12 ist der Titel des Cartoons von BECK sowie des gleichnamigen Sammelbandes. Es ist ein bezeichnendes Szenario für BECKs Humor, denn der Leipziger Cartoonist liebt das Absurde und wirbelt Dinge gerne durcheinander. In seiner Signatur schreibt er das „e“ in BECK stets entgegen der Leserichtung oder stellt seinen Namenszug komplett auf den Kopf.

Alltäglichkeit und Groteske reichen sich bei BECK die Hände, so auch bei seinem Strandszenen-Cartoon. Denn selbstverständlich hilft es, Gegenstände zu beschweren, damit sie der Wind nicht wegweht. Doch macht man dies mit seiner Frau? Bei näherer Betrachtung des Cartoons fragt man sich unweigerlich, wen oder was BECK denn eigentlich karikiert? Ist es der Wahn der Strandbesucher, bei Wind und Wetter ihren Urlaub genießen zu müssen, oder ist es die Art, wie Männer mit Frauen umgehen und sie wie Gegenstände behandeln? Spinnt man den Cartoon weiter, kommt man zu der Erkenntnis, dass der Mann als nächstes vom Winde verweht wird, sobald er mit dem letzten Stein seine Frau fixiert hat. Doch BECK platziert seine Pointen nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der zeichnerischen Ebene, indem er mit kulturgeschichtlicher Symbolik arbeitet. Die Darstellungsweise der Frau, die alle Extremitäten von sich streckt, erinnert an das Bild einer Kreuzigung und mit den Felsen assoziiert man unweigerlich eine Steinigung. Vielleicht will der Mann seiner Frau überhaupt nicht helfen, sondern viel mehr die Gunst der Stunde nutzen, um vor ihr zu fliehen?

Der Mann, der hinter diesen vielschichtigen Cartoons steckt, ist 1958 in Leipzig geboren, macht sich in jungen Jahren auf den Weg nach Berlin und studiert Architektur und Gebrauchsgrafik, ohne jedoch die Studien abzuschließen. Er schlägt sich mit diversen Jobs durch, arbeitet als Zeitungsverkäufer, Werbegestalter, Grafiker oder Illustrator. Gemeinsam mit Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth und Holger Fickelscherer ist er zeitweilig Mitglied der Grafiker- und Illustratorengruppe „PGH Glühende Zukunft“. 1997 entscheidet sich BECK fortan als Cartoonist zu arbeiten und zieht ein paar Jahre später zurück nach Leipzig. Seine Nachbarin Yvonne Kuschel beschreibt den Künstler, der 2012 den zweiten Platz beim „Deutschen Cartoonpreis“ erhält, mit den lakonischen Worten: „im zimmer nebenan arbeitet ein humorist. er liebt das alleinsein mit seinen gedanken und einer kanne tee. ein stift, ein stapel papier und ein großer gestreifter kater begleiten ihn durch den tag und die wechselnden räumlichkeiten. seit er des öfteren auf dem außensitz denkt, benutzt er lieber skizzenbücher. manchmal spielt er tischtennis, täglich füttert er kleine und größere vögel und kümmert sich rührend um seine blumen.“ Seine schwarzweißen oder pastellfarbig kolorierten Karikaturen finden sich regelmäßig in Zeitungen und Zeitschriften wie Die Zeit, natur, Eulenspiegel, Gesundheit & Gesellschaft, Reader's Digest, im schweizer Magazin K-Tipp und im britischen Magazin The Oldie.

Zu BECKs Kunstgriffen gehört, möglichst weit voneinander entfernte und scheinbar unvereinbare Sachverhalte miteinander in Verbindung zu setzen. Dies gelingt ihm vor allem bei seinen Cartoons zu tagespolitischen Ereignissen und Themen. BECK bricht komplexe Sachverhalte auf eine alltägliche Ebene herunter und dekonstruiert sie darüber hinaus mit Hilfe von Wortspielereien. Das Phänomen der „Parallelgesellschaft“ spiegelt er am Beispiel einer Ehe wider, der kleinsten Form der Gesellschaft. Während der Mann mit dem Rücken zu seiner Frau aus der Zeitung zitiert: „Parallelgesellschaft war das Wort im letzten Jahr“, erwidert sie von ihm abgewendet: „Hab’ ich gar nix mitbekommen von.“ Und so versteht der Leser: Es ist einfacher, Politik und Gesellschaft für Fehler verantwortlich zu machen, anstatt diese bei sich selbst, im direkten Umfeld und Alltag zu erkennen und anzugehen.

BECK ist ein präziser Beobachter der einfachen Leute. Er schnappt ihre Äußerungen auf, ob auf der Straße oder am Stammtisch in der Kneipe, und setzt sie visuell um. Durch BECKs Cartoons spricht die Stimme des Volkes, die teilweise banal, aber dennoch unübertrefflich demaskierend ist und den Aberwitz unseres Daseins persifliert.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2012

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