Avantgarde

Der große Verlust für den Comic – Kat Menschiks Illustrationskunst

Kat Menschik. Kissmedeadly: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Fernsehprogramm. Copyright: Kat Menschik

Kat Menschik. Kissmedeadly: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Fernsehprogramm. Copyright: Kat Menschik
Diashow


Wer einen Verlag gründet, der den Namen Millionen trägt, muss ehrgeizig sein. Oder witzig. „Kann man sich gut merken, und jeder fragt nach: Meint ihr die Schulden?“ So erzählte es die Verlagsgründerin Kat Menschik 1996 der Tageszeitung (taz). Da war die Berliner Zeichnerin 28 Jahre alt und vollkommen unbekannt. Aber sie hatte gemeinsam mit Jan Hülpüsch schon zwei Ausgaben des Magazins A.O.C. herausgegeben, das die beiden Grafikstudenten in der Druckerwerkstatt der Kunsthochschule Berlin-Weißensee in einer Miniauflage von jeweils 100 Exemplaren herstellten. A.O.C. ist heute eine Legende, weil darin die damals stilprägenden Comiczeichner wie Atak, Anke Feuchtenberger, M. S. Bastian, Henning Wagenbreth, Beck, Fickelscherer oder CX Huth ebenso mit exklusiven Beiträgen zu finden waren wie die Illustratoren Nadia Budde, Moritz Götze, Burkhard Neie oder Heinz Emigholz, die erst später bekannt werden sollten.

A.O.C. – Versuchslabor für Bildergeschichten

Drei Jahre lang hatte die Berliner Avantgarde für Bildergeschichten hier ein Forum in bester Siebdruckqualität, und Kat Menschik war zwar wie Jan Hülpüsch auch in jedem Heft mit eigenen Arbeiten vertreten, doch die beiden Millionen-Verleger wollten vor allem anderen Künstlern Comic-Experimente ermöglichen: „Zu jedem Heft gibt es ein Thema“, erläuterte Kat Menschik 1997, „womit dann jeder mit gewohnter Freiheit umgeht. Eine einzige Bedingung stellen wir: Text und Bild sollen auf jeder Seite vorhanden sein.“ A.O.C war also kein Kunstmagazin, sondern ein Versuchslabor für Bildergeschichten.

An diesen Anfang der Zeichnerin Kat Menschik muss man erinnern, wenn man verstehen will, wie sie zu einer der gefragtesten deutschen Illustratorinnen werden konnte. Ein einjähriger Aufenthalt in Paris, wo sie unter anderem mit dem Oberhausener Comiczeichner Ulf K. zusammen studierte, hatte sie für den Reichtum an Ausdrucksformen begeistert, den die französischen Comics entwickelt haben. Kat Menschik lernte dort ein Qualitätsbewusstsein beim grafischen Erzählen kennen, das in Deutschland noch unterentwickelt war, und diesen Anspruch brachte sie in A.O.C. ein. Ihr profundes Verständnis für den Zusammenhang von Text und Bild, das sich in ihren Illustrationen zeigt und das deshalb etliche Schriftsteller, darunter als Prominentesten den Japaner Haruki Murakami, fasziniert, ist das Resultat ihrer Erfahrungen als Autorin eigener Bildergeschichten.

Berühmt, aber für den Comic verloren

1999 debütierte Menschik als Comiczeichnerin mit der täglichen Fortsetzungsgeschichte Weltempfänger in den damals gleichfalls ganz neuen „Berliner Seiten“, einer nur in Berlin erhältlichen Zeitungsbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). In den vier Monaten Laufzeit schuf Menschik das Porträt eines großstädtischen Boheme-Lebens, und es ist noch viel Autobiografisches in diese Geschichte eingeflossen. Als sie jedoch zwei Jahre später abermals als Comiczeichnerin für die „Berliner Seiten“ tätig wurde, hatte Menschik sich bereits einen literarischen Text als Vorlage ausgesucht: das fiktionale Sachbuch Die Nixen von Estland von Enn Vetemaa. Aus diesem Klassiker der osteuropäischen fantastischen Literatur machte sie eine Art illustrierte Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Nixen, und das Ergebnis begeisterte den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger dermaßen, dass er diese Bildergeschichte in seine Buchreihe „Die andere Bibliothek“ aufnahm. Von da an war Kat Menschik berühmt – und für den Comic verloren. Denn im selben Jahr begann sie ihr bis heute anhaltendes Engagement als Hausillustratorin des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Bald kamen die Illustrierten Stern und Mare dazu, und daneben blieb keine Zeit mehr für Comics, aber das kompensierte Menschik durch ihre Tätigkeit als Bilderbuchzeichnerin, die unter anderem Hans Christian Andersen oder griechische Sagen illustrierte. Ihre 2009 publizierten Bilder zu der Murakami-Kurzgeschichte Schlaf des Japaners waren so erfolgreich, dass sie mittlerweile auch in zahlreichen Buchausgaben anderer Länder Verwendung finden.

Bilderbuchzeichnerin, Zeitungsillustratorin, Künstlerin

Was macht die Bildersprache von Kat Menschik aus, dass sie internationale derartige Beachtung findet? Sie steht in der Tradition des Holzschnitts, einer für die deutsche Kunstgeschichte höchst wichtigen grafischen Technik, die über die Expressivität der Linien zu höchster Ausdrucksstärke findet. Menschik ist als 1968 in Ost-Berlin Geborene noch Nutznießerin der klassisch geprägten Kunsterziehung in der DDR gewesen, und ihr Stil ist anfangs oft mit dem der etwas älteren Anke Feuchtenberger verglichen worden. Doch von diesem Einfluss hat sich Menschik schnell gelöst, und gegen die eher psychologisch aufgeladenen Zeichnungen Feuchtenbergers setzt sie Illustrationen, die bewusst an der Oberfläche bleiben, um möglichst verständlich zu sein. Für die Zeitungsillustratorin zählt vor allem Unmittelbarkeit; die Verrätselung von Bildern ist ihre Sache nicht. Dabei setzt sie auf eine Palette, die überwiegend gedämpfte fahle Farben benutzt, aus denen dann aber Rot oder Gold besonders hervorstechen, sofern Kat Menschik daran interessiert ist, bestimmte Bildpartien zu akzentuieren. Doch zugrunde liegt ihrer spezifischen Ästhetik immer noch der am Expressionismus geschulte Linien- und Schwarzflächeneinsatz, den sie in ihrem für ein Jahr im Feuilleton der F.A.Z. veröffentlichten „Variablen Kalendarium“ zu einem Höhepunkt geführt hat.

Kat Menschik ist eine der wenigen deutschen Zeichnerinnen, die den Nutzwert ihrer Bilder nie von dem getrennt sehen will, was sie selbst daran interessiert. Kunst um der Kunst willen lehnt sie ab. Und gerade deshalb schafft sie Kunst, auch wenn sie selbst von ihren Illustrationen nur als Dienstleistungen spricht.

Andreas Platthaus
arbeitet als Feuilleton-Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion 
März 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolonline-redaktion@goethe.de
Links zum Thema