Avantgarde

Fünf Fragen an Marijpol

Copyright: MarijpolMarijpol, 1982 in Berlin geboren, studierte Kommunikation und Illustration an der Hochschule für bildende Kunst, an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und an der Bezalel Academy in Jerusalem, unter anderem bei Anke Feuchtenberger und Stefano Ricci. Ihre Comics erscheinen in Magazinen und Anthologien wie Canicola, Orang und Spring. Für ihre erste Graphic Novel Trommelfels, die 2011 im avant-verlag erschien, wurde sie 2012 mit dem ICOM-Preis für das Beste Szenario geehrt. Marijpol lebt und arbeitet in Hamburg. 2013 wurde das Erscheinen Ihres zweiten Buches Eremit mit einer Ausstellung auf dem Schweizer Comicfestival Fumetto gewürdigt.

In deinen Comics geht es um Tod, Sterben, Isolation – und um die Erfahrung des Menschseins. Wie entstehen die Geschichten?

Oft steht ein einziges Motiv am Anfang einer Geschichte. Im Fall von Eremit war es ein gespaltener Kopf. Die Geschichte, die ich um dieses Motiv herum webe, speist sich aus persönlicher Erfahrung und der Absicht, das Motiv in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen. Auf eine verschlüsselte Art behandle ich in den Geschichten, was mich im Leben gerade beschäftigt. Manchmal verstehe ich selbst erst mit zeitlichem Abstand alle Ebenen, die ich in den Zeichnungen angesprochen habe.

Deine Figuren bewegen sich zwischen Fantasy, Esoterik und Surrealismus – wie entstehen sie?

Meine Ideen entstehen aus einem Konglomerat aus Eindrücken, die ich im Halbschlaf, im Alltagsleben, in Filmen und Büchern sammele. Am Anfang eines Bildfindungsprozesses steht immer zeichnerisches Interesse – also die Faszination, einen Gegenstand zeichnerisch zu ergründen. Dass die Charaktere in meinen Geschichten selten aussehen wie „normale“ Menschen hat damit zu tun, dass ich mich für Körpersymbolik interessiere: Wie beeinflusst das Äußerliche den Charakter und umgekehrt? Wie fühlt sich mein Körper in bestimmten Gefühlslagen an? Ich versuche, diese subjektiven und unterbewussten Gefühle sichtbar zu machen.

Marijpol: Eremit
Diashow

Wie war dein Studienaufenthalt an der Bezalel Academy in Jerusalem?

Während meines Aufenthalts konnte ich meine kreativen Vorhaben kaum durchführen; ich musste die Komplexität der Situation in Jerusalem erst einmal auf mich wirken lassen. Der Alltag an der Kunsthochschule hat sich von dem in Hamburg nicht groß unterschieden, außer dass ich mich noch mehr so fühlte, als säße ich in einer Blase. Es war viel spannender, Jerusalem zu erkunden, als meine Zeit in der Universität zu verbringen. So habe ich viele Eindrücke gesammelt, die ich später kreativ verarbeitet habe.

Wie entstehen deine Kontakte zu Verlagen oder Zeitschriftenredaktionen?

Anthologien wie Orang oder Spring kommen aus Hamburg, und die Macher waren zum Teil meine Kommilitonen. Ich habe mitten in der regen Hamburger Comicszene studiert. Der Kontakt zu den Herausgebern der italienischen Anthologien entstand über meine damaligen Lehrer an der HAW, Stefano Ricci und Anke Feuchtenberger. Andere Kontakte entstehen im Netz oder auf Comicfestivals.

Du hast in Paris oder Luzern ausgestellt: Wie erlebst du die Comicszene anderer Länder?

Comicfestivals oder Ausstellungen in anderen Ländern, wo sich ja hauptsächlich comicbegeisterte Menschen zusammenfinden, haben meistens eine sehr motivierende Wirkung auf mich. Ich setze mich erfüllt und voller Tatendrang an den Zeichentisch zurück, endlich wieder gewiss, dass es doch ein Publikum für meine Geschichten gibt. Die Comicszene in Frankreich oder Belgien ist viel größer und deshalb differenzierter als in Deutschland. Ich habe den Eindruck, dass ungewöhnliche, weniger eingängige künstlerische Haltungen deshalb mit mehr Selbstverständlichkeit aufgenommen werden.

Rieke Harmsen führte das Interview.


Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolinternet-redaktion@goethe.de

    Facebook

    Werden Sie ein Fan der „Deutsch-sprachigen Comics“ und erhalten Sie regelmäßig aktuelle Meldungen zur deutschen Comicszene!

    Literaturliste

    Tipps für den Ankauf von deutschsprachigen Comics für Bibliotheken