Avantgarde

Keine klassische Comiczeichnerin – Moki

Copyright: MokiEigentlich ist Moki keine klassische Comiczeichnerin. Sie ist Malerin, animiert Filme, baut Installationen und war schon bei Performances in selbstgenähten Kostümen als Affe oder Ungeheuer zu sehen. Den Schwerpunkt ihrer Arbeit bilden Acrylbilder – oft von abwesend wirkenden, schlafenden und träumenden Menschen, Tieren und Fantasiewesen in melancholischen, einsamen Landschaften.

Diashow Moki
Diashow

Seit 2004 zeichnet Moki neben ihren Illustrationen und Bildern auch Comics, regelmäßig für die Comic-Anthologie Orang sowie bis 2007 als Teil des Illustratorinnen-Kollektivs Spring. Für ihren Comic Borderland wurde sie 2006 vom Interessenverband Comic e. V. (ICOM) für das beste Artwork ausgezeichnet – obwohl die Jury sich fragte, ob diese Arbeit wirklich als „Comic“ zu bezeichnen sei.

Tatsächlich lebt Mokis Bildsprache davon, dass sie weder auf eine bestimmte Technik noch ein fest umrissenes Genre festzulegen ist – mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der die Künstlerin comichafte Figuren in viele ihrer Malereien integriert, überschreitet sie auch die Grenzen des klassischen Comics.

Borderland etwa reiht in Acryl gemalte Bilder aneinander, in denen oft wiederkehrende Schattenwesen direkt neben niedlichen Figuren aus anderen Comics auftauchen. Nebeneinander gestellt erzählen diese Bilder keine klare Handlung. Vielmehr ist jedes Bild eine Szene für sich, zu der im Kopf des Betrachters eine eigene Geschichte entsteht.

Erzeugen einer Stimmung

Auch in anderen Comics experimentiert Moki mit dem Genre der Bildgeschichte: Ihre Comics Landstreicher, Popov und Piezke oder Greenland ähneln in ihrer Dichte Wimmelbildern. Die Charaktere bewegen sich durch eine als Gesamtbild kontinuierliche Landschaft und die einzelnen Szenen sind nicht durch Panels getrennt. Der Betrachter selbst muss diese Trennung durch seinen Blick herstellen. Wieder andere Comics sind wortlose Begebenheiten, kurze Bildabfolgen ohne einen klaren Plot – wie die Kunst von Moki zielen sie eher auf das Erzeugen einer Stimmung als auf die Abbildung einer Handlung ab.

Das Motiv der Reise, der Entdeckung und des unverstellten Zugangs zur Natur zieht sich durch fast alle Geschichten. Mokis Charaktere sind niedliche Pelztiere, skurrile Wesen, versteinerte Kolosse, selten Menschen. Sie streifen in verschlungenen, überbordenden Landschaften oder fantastischen Szenerien umher; entdecken, betrachten, erklimmen sie; dann wieder rollen sie sich zusammen, versinken und erträumen sich neue Welten.

Das kindliche Urvertrauen, das die Beziehung dieser Figuren zur Natur prägt, ist kennzeichnend. Die Künstlerin lässt sich dabei von den Mumins der finnlandschwedischen Schriftstellerin Tove Jansson und dem japanischen Mangazeichner Hayao Miyazaki inspirieren und integriert sogar Mumins-Figuren wie die Hattifnatten in ihre Bilder und Comics.

Heilsame Begegnung

Ein weiteres Motiv ist die Begegnung zwischen Andersartigen und Gleichgesinnten. So auch in Wandering Ghost, Mokis erstem Comicalbum. Gezeichnet mit einem japanischen Kalligrafiepinsel-Stift, konzentriert sich Moki hier auf die reine Linie, arbeitet nur selten mit Schraffuren und Flächen und durchbricht die klassische Erzählweise des Comics immer wieder mit der ihr eigenen Wimmelbild-Technik. Wandering Ghost beginnt als Kindergeschichte: Ein kulleräugiges Äffchen mit Segelohren streift durch eine idyllische, von japanischen Landschaftszeichnungen inspirierte Umgebung. Eines Nachts hat es einen Albtraum und ist am nächsten Morgen verwandelt. Aus dem putzigen Tierchen ist ein großes Tier mit pelzigem Körper, spitzer Nase, klobigen Armen und einem buschigen Schwanz geworden. Äußerlich erwachsen, trauert das Wesen seinem kindlichen Ich nach. Ich-Bewusstsein und Erscheinung des Wesens klaffen schmerzhaft auseinander. Man kann Wandering Ghost als Coming-of-Age-Geschichte lesen; oder als die Geschichte einer Entfremdung von Körper und Ich-Bewusstsein. Am Ende steht eine heilsame Begegnung, die zu einer Versöhnung des Erwachsenen mit sich selbst führt.

Als Kind interessierte sich Moki überhaupt nicht für Comics, weil sie die Comic-Hefte ihres Bruders zu konventionell gezeichnet fand. Heute ist sie mit ihren rätselhaften Bildergeschichten eine feste Größe in der Hamburger Comicszene.
Lu Yen Roloff
ist freie Journalistin und arbeitet trimedial als Autorin für Print, Radio und Fernsehen aus Hamburg.

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Januar 2013

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