Avantgarde

„Es ist so viel Poesie um uns herum“ – die Künstlerin Moki im Gespräch

Copyright: MokiCopyright: MokiIn erster Linie beschäftigt sich moki mit Malerei. 2006 erschien ihr erstes Buch Asleep in a foreign place, ihr zweites Buch How to disappear 2010. Moki zeichnet aber auch Comics, die in internationalen Anthologien wie dem Orang-Magazin veröffentlicht werden. Im Interview spricht sie über ihre Arbeitsweise, die Motivsuche und ihr Verhältnis zu Bildergeschichten.

Du arbeitest in vielen Disziplinen und Formaten, machst Rauminstallationen, textile Skulpturen, Zeichnungen, Bilder und Fotografien. Wonach entscheidest du, welche Form angemessen ist?

Ich glaube, das hängt davon ab, was ich ausdrücken möchte. Ich wünschte, ich könnte mehr räumlich arbeiten – ich genieße es sehr, Installationen und Skulpturen zu machen weil ich das mit meinem ganzen Körper fühlen kann. Wenn ich eine Geschichte erzählen möchte, ist die schriftliche Form oder eine Bildergeschichte natürlich naheliegend. Wenn es mir um ein Gefühl oder eine Stimmung geht, liegt die Wahl der Malerei näher.

Betreibst du für deine Bilder intensive Naturstudien?

Ja, in meinen Arbeiten sind selten urbane Szenen zu finden. Ich sammle stetig Bilder: ausgeschnitten aus Zeitungen oder Zeitschriften, Bilder aus dem Internet oder Fotos, die ich selber mache. Ich bin aufmerksam, was kleine Dinge angeht. Wenn ich spazieren gehe, könnte ich überall stehen bleiben, um einen Käfer zu beobachten oder die Struktur eines Steins anzusehen. Es ist so viel Poesie um uns herum.

Wofür stehen deine Landschaften – symbolisieren sie etwas oder eben gerade nicht?

Ich entscheide meist intuitiv, was ich malen möchte. Es ist oft interessant, die Interpretationen der Betrachter zu den Bildern zu hören. Ich selbst bekomme meist erst im Nachhinein eine Ahnung davon, was mich möglicherweise beschäftigt oder berührt. Kurzgeschichte 'doppelpunkt' 2007 - Acryl auf Papier DIN A3, Copyright: Moki

Welche Funktion haben die Menschen, die in deinen Landschaften zu sehen sind?

Ich male zumeist Menschen aus meinem Freundeskreis. Ich versuche, sie mit ihrer Kleidung in Bezug auf die Farbwahl des Bildes zu integrieren. Die Menschen in meinen Bildern fungieren als mentale Tür: Im Kontrast zu Landschaften ohne Lebewesen erleichtern sie dem Betrachter die Identifikation mit dem Bild. Mir gefallen allerdings die leeren Landschaften besser, weil ich mich künstlerisch freier in ihnen bewegen kann.

In vielen deiner Arbeiten sind Referenzen an Japan oder asiatische Landschaften zu entdecken, was bedeuten die?

Es gibt so viele atemberaubend schöne Landschaften. In China gibt es ein Gebirge namens Huang Shan (Gelber Berg), das mich sehr beeindruckt hat. Viele Menschen finden Elemente aus skandinavischen Ländern in meinen Bildern. Grundsätzlich beziehe ich aber Fragmente aus allen Teilen der Welt ein. Als westlich geprägter Mensch empfinde ich die östliche Philosophie als extrem bereichernd. Ich freue mich sehr über Bücher und Filme aus Japan oder China, in denen keine „Schwarzweißmalerei“ stattfindet; Filme von Hayao Miyazaki, in denen Charaktere gleichzeitig gut und böse sind, abhängig vom Standpunkt des Betrachters, wirken wie ein Quantensprung im Vergleich zu den bekannten Disneystrickmustern oder zu Harry Potter.

Wie stehst du zu Comics, liest du selbst welche?

Ich bin in der Comicszene wohl eher eine Außenseiterin, weil ich nicht mit Comics groß geworden bin. Mein älterer Bruder Thomas wollte Comiczeichner werden, und ich habe manchmal in seinem Zimmer gesessen und seine Comics gelesen. Ich bin sehr wählerisch, was Comics angeht. Ich mag die Mumins von Tove Jansson, die Geschichten und Zeichnungen von Genevieve Elverum, Gipi, Marijpol, Amanda Vähämäki und Martina Lenzin. Es ist sehr inspirierend, mit den Künstlern vom Orang-Magazin oder Spring zu arbeiten. Den Zugang zu Comics haben mir Haina und Marcus Schäfer verschafft.

Es scheint mir, dass du vor allem Lust hast, Geschichten zu erzählen; sei es tatsächlich in Comics, wie im „Orang“ immer wieder, oder auch in deinen Bildern, die oft sehr spannungsreich sind. Man kann eine Geschichte darin vermuten, es bleibt allerdings dem Betrachter überlassen, sich die selbst auszudenken.

Ja, genau. Im Gegensatz zu Bildern muss man, wenn man eine Geschichte erzählen will, vorher genau wissen, was passiert. Ich arbeite daran, mehr Leichtigkeit in die abstrakten Konzepte zu bringen, wenn dies auch häufig auf visueller Ebene leichter gelingt.

Moki, geboren 1982 in Brilon, lebt und arbeitet seit 2001 in Hamburg. Seit 2009 ist sie dort Meisterschülerin an der Hochschule für Bildende Künste, ihr Diplom in Freier Kunst hat sie 2007 abgelegt.
Jutta Harms stellte die Fragen.
Sie ist PR-Agentin, Herausgeberin und Übersetzerin von Comics. Sie ist in Berlin ansässig und arbeitet mit Verlagen wie Reprodukt, Edition Moderne und dem Avant-Verlag.

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November 2010

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