Kindercomics

Wort und Illustration als Einheit – Nadia Budde

Die Illustratorin Nadia Budde denkt Wort und Illustration als Einheit. Kein Wunder, dass ihre Bilder-Geschichten für Kinder und Jugendliche ebenso mit Comic- wie mit Literaturpreisen ausgezeichnet werden.

Für ein typisches Kinderbuch sind ihre Illustrationen etwas zu düster. Vieles ist matschfarben, grau und blau in Nadia Buddes aktuellem Buch Such dir was aus, aber beeil dich! Kindsein in zehn Kapiteln. Vielleicht ist diese Farbgebung aber auch dem Thema geschuldet: Denn die Erinnerungen von Nadia Budde spielen in der DDR der 1980er und 1990er-Jahre, zwischen blaubekittelten Arbeiterinnen, dem Landleben mit ihren Großeltern und einer neugebauten Plattenbausiedlung mit Hauswart und politischen Parolen.

Kindsein in zehn Kapiteln  – Kindercomic oder Bilderbuch?

Doch Nadia Budde macht das politische System nicht zum Hauptthema ihres Buches. Die zehn Kapitel speisen sich aus den privaten Erinnerungen der 1967 in Berlin geborenen Illustratorin: Opas Haare vor dem Fernseher kämmen, im Fahrstuhl alle Knöpfe drücken, Nasenblutspuren wie ein Detektiv folgen. Mal von einer konkreten Begebenheit, mal von einem philosophischen Thema wie der Zeit ausgehend, entwickelt Budde kurze Bildergeschichten.

Dass die Illustratorin für dieses Buch sowohl den Max- und Moritz-Preis für den besten Kindercomic als auch den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 bekam, ist bezeichnend. Such dir was aus, aber beeil dich! funktioniert ebenso als Comic wie als Literatur.

Bildergalerie Nadia Budde
Bildergalerie


Wort und Illustration als Einheit

Zwar hat das Buch auf den ersten Blick viele Elemente eines klassischen Comics: Da sind die groben, mit schwarzen Strichen auf Papier gebannten Figuren, die Budde am Computer nachkoloriert. Sie ähneln Karikaturen und stehen oft auf einfarbiger Fläche frei. Es tauchen mit Paneln strukturierte Handlungssequenzen auf, prägnante Zeichnungen fangen Situationen ein. Doch nur selten erzählt Budde die Geschichte vorrangig über das Bild. Meist folgt die Geschichte den assoziativen Schlenkern der geschriebenen Sprache und wird von dieser vorangetrieben.

Wort und Illustration als Einheit zu denken, lernte Budde bereits in ihrem Studium bei der Professorin Nanne Meyer an der Berliner Kunsthochschule Weißensee. 2000 veröffentlichte sie ihr erstes, mehrfach ausgezeichnetes Kinderbuch Eins zwei drei Tier. Es zeigt lustige Tiere, die nach dem Prinzip: „Glatt, Lockig, Kraus – Maus; Mit Hut, mit Maske, mit Fratze – Katze“ nebeneinander stehen.

Auch in den Folgewerken Trauriger Tiger toastet Tomaten, Kurz nach Sechs kommt die Echs und Flosse, Fell und Federbett bilden Wörter die Grundlage für das, was zu sehen ist: Etwa einen „lila Laubfrosch mit Lollipop, Limonade und leichter Literatur“ oder einen „launischen Leguan mit Langeweile, Lackschuhen und lila Lederarmbanduhr“. Komisch sind diese Bücher; vor allem, weil sie Sprache auf eine ungewohnte Weise sichtbar machen.

Auf Einladung des Comicmagazins Strapazin entwickelte Nadia Budde 2007 eine erste episodisch erzählte Geschichte. Anstoß für sie, sich an komplexere Bildergeschichten heranzutrauen – bis schließlich das Buch Kindsein in zehn Kapiteln vorlag. Such dir was aus, aber beeil Dich! markiert den vorläufigen Höhepunkt im Werk der Sprachillustratorin Nadia Budde. Indem sie Illustration und Sprache jeweils mehr eigenständigen Spielraum gab, haben sich beide untrennbar zu neuen, teils komplexen Erzählsträngen verwoben.

Assoziatives Universum der Erinnerung

Diese Erzählweise zeigt sich beispielsweise, wenn die Autorin im Kapitel Zeit einen ereignislosen, „nach Lappen riechenden“ Moment am Küchentisch bildlich einfängt. Auf monochrom weißer Fläche ist das kleine Mädchen Nadia am Tisch zu sehen. Mit einer Schere schneidet es aus Papier Figuren. Fliegen kreisen um eine Lampe. Dazu der Satz „Zeit ist ein Schwarm Stubenfliegen“. Aus diesem schnappschussartig festgehaltenen Moment entspinnt sich eine kurze, komplexe Geschichte über das Zeitempfinden des Kindes in der Erinnerung des Erwachsenen. Auf den folgenden Seiten wird die geschriebene Sprache buchstäblich zum Bild, windet sich wie die so beschriebene Zeit zwischen den Bäumen eines Pilzwaldes umher, fliegt am Rande einer Autobahn vorbei und füllt andernorts auch mal als Textblock eine ganze Doppelseite. Dann wiederholt sich der Küchentischmoment, ein Fliegenpatschenschlag beendet diese Episode – und Budde schreibt: „Dann ist es Abend, dann ist die Woche herum, dann ist der Sommer vorbei – und alle Kindheitssommer sind wie ein Sommer.“

Mit dieser Technik schafft Budde in zehn Kapiteln ein assoziatives Universum der Erinnerung; verbindet konkrete Episoden, kindliche Fantasie und erwachsene Nachdenklichkeit zu einem mehrbödigen Lese- und Guckerlebnis. Dieser Ausflug in das Wesen der Kindheit ist mal amüsant, mal melancholisch, oft poetisch – und stets fernab der bonbonbunten Kindheitklischees, wie wir sie aus der Werbung kennen.

Ihre Geschichten, so sagt Nadia Budde selbst, seien eben auch unbewusst mit ihrem Sohn mitgewachsen. Eins zwei drei Tier zeichnete sie für ihn, als er noch ein Kleinkind war. Heute ist er 15 Jahre alt. Und Budde kann sich in Zukunft vorstellen, mehr Geschichten für Jugendliche und Erwachsene zu erzählen.

Lu Yen Roloff
ist freie Journalistin und arbeitet trimedial als Autorin für Print, Radio und Fernsehen aus Hamburg.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolonline-redaktion@goethe.de
Links zum Thema