Kindercomics

Obskure Sensationen und liebenswerte Freaks – Henning Wagenbreth

Copyright: Henning WagenbrethAls Mitglied der unmittelbar vor dem Mauerfall gegründeten Produktionsgenossenschaft des Handwerks, abgekürzt PGH Glühende Zukunft, experimentierte Henning Wagenbreth mit Anke Feuchtenberger, Holger Fickelscherer und Detlef Beck an der Amalgamierung von artverwandten Bilderzählungen und Darstellungsweisen. Man inspirierte sich gegenseitig und arbeitete mit Holz-, Linol- und Siebdruck und entwarf Grafiken, Illustrationen und Comics, ob als Auftragsarbeit für Theater und Verlage oder aus eigenem Interesse.

Für seine Plakate wurde der studierte Gebrauchsgrafiker Wagenbreth mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und das von ihm illustrierte Kinderbuch Mond und Morgenstern (1999), mit einer Erzählung von Wolfram Frommlet, wurde als „Schönstes Buch der Welt“ geehrt. In Aufmachung und Stil gleicht keine Publikation der anderen, ob er T. C. Boyles Kurzgeschichte Der Polarforscher (1995) bebildert, mit Das Geheimnis der Insel St. Helena (2002) eine fantastische Geschichte um den Tod Napoleons spinnt, die Gedichtbände Fallende Groschen (1993) von Uli Becker oder Die große Mausefalle (1996) von Alfred Lichtenstein illustriert.

Wie bei allen Vertretern der deutschen Comic-Avantgarde gab der Kontakt mit Art Spiegelmans RAW-Magazine die Initialzündung für sein Interesse an dem Medium. Ausnahmekünstler wie Mark Beyer, Rory Hayes, Jeunet und Caro, die im Zuge des Punk anfingen, Comics zu zeichnen, hatten und haben maßgeblichen Einfluss auf Wagenbreths grafischen und narrativen Stil. Parallel dazu weiß er die Expressivität des Underground mit der osteuropäischen Illustrationskunst, den Holzdrucken eines Frans Masereel und der Computergrafik kongenial zu bündeln.

Mit seinen Studenten an der Universität der Künste in Berlin, wo er als Professor für den Studiengang Visuelle Kommunikation lehrt, entwickelte er eine Möglichkeit, auf gängigen Taschencomputern Bildergeschichten zu programmieren. Die Pixelillustrationen können per Infrarot oder via Internet auf die Displays der digitalen Notizbücher heruntergeladen werden. Mit seiner automatisierten Illustrationsmaschine, Tobot genannt, laboriert er an einem standardisierten Zeichensystem für Computer.

Zur Illustrierung eines kriminellen Phänomens des digitalen Zeitalters griff Wagenbreth wiederum auf die traditionelle Drucktechnik des Linolschnitts zurück. Sogenannte „Scam-E-Mails“ werden von der nigerianischen Mafia gezielt an Geschäftsleute und Unternehmer gesendet. Bei der Vorstreckung eines Geldbetrags, die den Auslandstransfer einer angeblichen Bargeldsumme in Millionenhöhe ermöglicht wird dem Scam-E-Mail-Empfänger eine Gewinnbeteiligung in Aussicht gestellt. In seinem Buch Cry For Help hat Wagenbreth 36 dieser Scam-E-Mails vor dem Mülleimer des Internets bewahrt. Seine farbenprächtigen Linolschnittdrucke reduzieren die fantasievoll arrangierten Dramen auf ihre maßlos übertriebenen Hauptmotive. Denn was die „Scam-Artists“ produzieren, sind moderne Märchen, die vom immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse und von verborgenen Schätzen handeln. Genauer betrachtet, machen sich die Autoren zudem der im Ausland vorherrschenden Klischees zunutze und inszenieren Afrika als ein Eldorado der politischen Korruption und Wirtschaftsintrigen. Allein der Abdruck der Original-E-Mails führt dem Leser die medial geprägte Naivität des Westens deutlich vor Augen. Darüber hinaus ist Cry For Help ein prachtvoll ausgestattetes Bilderbuch, das auf mehreren Ebenen raffiniert mit dem Medium der Bildschriftlichkeit experimentiert.

Wagenbreth ist ein neugieriger und spielerischer Gestalter. Aus einem reichlichen Fundus an gestalterischen Ideen schöpft er die Kraft für seine mannigfaltigen Projekte. Mit dem Verleger Armin Abmeier hat er einen Wegbegleiter und Förderer für seine aufwendig gedruckten Bilderzählungen gefunden, die sie gemeinsam in liebevoll gestalteten bibliophilen Kleinstauflagen publizieren. Das Werk von Henning Wagenbreth gleicht einer Wunderkammer und Kuriositätenschau, in der man mechanischen Installationen, obskuren Sensationen und liebenswerten Freaks vom Fin de siècle bis zum heutigen digitalen Zeitalter begegnet.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Januar 2009

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