Comicszene

Ansichten vor Ort: die weltweite Protestkultur in Reportagezeichnungen

(c) Enrique Flores(c) Enrique FloresOb Comic, Einzelzeichnung oder Karikatur – immer öfter trifft man in Online-Medien auf gezeichnete Bilder, die die weltweiten Proteste der letzten zwei Jahre in subjektiven Geschichten wiedergeben.

Zeugen unterschiedlicher Proteste: Enrique Flores und Viktoria Lomasko

Unmittelbarkeit in der Berichterstattung erreichen Künstlerinnen und Künstler, die persönlich zu den Protesten gehen, sich einmischen und ihre künstlerischen Dokumentationen vor Ort erstellen: Sie halten fest, was sie sehen, fühlen und hören, um spätestens am nächsten Tag darüber online zu berichten. So arbeiten beispielsweise Enrique Flores in Madrid und Viktoria Lomasko in Moskau.
Demonstrationen und Kundgebungen finden in den russischen Metropolen nach wie vor regelmäßig statt. Oppositionelle, Anarchisten, Nationalisten oder Anhänger der Jugendbewegung „Naschi“ – sie äußern ihre ganz unterschiedlichen Positionen auf öffentlichen Plätzen. In ihrem langfristig angelegten Projekt „Chronik des Widerstands“ dokumentiert Viktoria Lomasko den zeitgenössischen Protest in Moskau in seiner ganzen Bandbreite. Bei ihrer Arbeit interessiert sie vor allem, wie man eine Masse zeichnet, wenn sie in Bewegung ist, oder wie man das individuelle Gesicht jeder Kundgebung zeigen kann.

Viktoria Lomasko
TV SymbolBildergalerie von Viktoria Lomasko aus Moskau


Der Protest in Spanien, das „Moviemento 15M“ (Bewegung 15. Mai), findet zwar gleichzeitig mit dem russischen statt, ist aber ganz anders motiviert. Es handelt sich um eine einheitliche Bewegung, die die ökonomischen und politischen Missstände kritisiert und in bunten, friedlichen Demonstrationen und Versammlungen die Besorgnis über die Zukunft Spaniens in Europa äußert. Enrique Flores versucht, keine Demonstration in Madrid zu verpassen. Seine Bilder entstehen wie die von Lomasko vor Ort. Er formuliert seinen Ansatz so: „Ich versuche das zu zeichnen, was ich sehe, und das zu notieren, was ich höre. Ich möchte Augenzeuge sein.“

Enrique Flores
TV SymbolBildergalerie von Enrique Flores aus Madrid

Comic-Journalismus: Reportagezeichnung versus Fotografie

Die wachsende Popularität der dokumentarischen Zeichnung wird oft mit dem Fälschungsverdacht der Fotografie in Verbindung gesetzt. Die Frage, ob künstlerischen Bildern, die eine subjektive Wahrnehmung formulieren, heutzutage mehr Glaubwürdigkeit zukommt als der Fotografie, die doch seit Anfang des 20. Jahrhunderts das gezeichnete Nachrichtenbild sukzessive ersetzte, war einer der Ausgangspunkte für die Ausstellung „Tauchfahrten – Zeichnung als Reportage“. Diese Ausstellung war ein wichtiger Meilenstein für das Genre der Reportagezeichnung im deutschsprachigen Raum. Im Anschluss an sie riefen die Ausstellungsmacher, der Künstler Alexander Roob und der Kunsthistoriker und Kurator Clemens Krümmel, das Melton Prior Institut ins Leben, das die internationale Geschichte der Reportagezeichnung erforscht.

(c) Edition Moderne/Joe SaccoAls Vorreiter des Comic-Journalismus gilt der Amerikaner Joe Sacco, der in seinen gezeichneten Geschichten wie Palästina, Bosnien oder Gaza seit den 1990er-Jahren über Kriege und Konflikte weltweit berichtet. Sacco, der Journalismus studiert hat, arbeitet wie ein Korrespondent: Er recherchiert Geschichten, macht Interviews, beobachtet vor Ort und … zeichnet alles auf. Nicht zuletzt durch die stete Anwesenheit seiner Figur im Bild betont er den Filter seiner subjektiven Wahrnehmung. In seinem Buch Reportagen kommt er zu dem Schluss, dass das Medium Comic die beste journalistische Form sei: Der Comic erlaube es nicht, unparteiisch zu berichten – der Autor müsse immer eine Position beziehen und diese sei auch Bestandteil der Nachricht.

Comics im Netz

Das internationale Projekt The Cartoon Movement hat sich zur Aufgabe gemacht, die redaktionelle Arbeit für qualitative politische Karikaturen und Comics im Internet zu leisten. Auf der Website findet man unter anderem künstlerische Dokumentationen, die den „Internet-Comic“ entwickeln. In solchen Geschichten kann der Nutzer eigene Parcours durch die Informationen finden – auf diese Art erzählt beispielsweise Luke Rasls Comic Chicago is My Kind of Town von den Protesten, die im Sommer 2012 in Chicago während des NATO-Gipfeltreffens stattfanden. Traditionelle Dokumentationsmethoden wie Video, Foto oder Audio machen das Internet-Comic zu einem neuen, hybriden Format der Berichterstattung. In Deutschland erforscht der Berliner Künstler Bo Soremsky, wie man die Möglichkeiten des Internets für Reportagezeichnung effektiv nutzen und diese neue Art der journalistisch-künstlerischen Darstellungsform anwenden kann.

Möglicherweise liegt die Zukunft des politischen Comics und insbesondere von Comic-Journalismus und Reportagezeichnung im Internet, denn es erlaubt den Künstlerinnen und Künstlern spontan, unabhängig von jeglicher Zensur und subjektiv über ein Geschehen zu berichten. Offen und spannend bleiben aber viele Fragen, beispielsweise, wie man durch das Medium Internet einen Mehrwert für den künstlerischen Schaffensprozess erzeugen kann oder auch, wie solche hochwertigen Arbeiten in der Informationsflut ihre Öffentlichkeit finden. Wer leistet die Redaktionsarbeit? Wie sollen im Internet veröffentliche Kunstwerke angemessen vergütet werden? Nach wie vor wird Präsenz in erster Linie durch physische Anwesenheit erzeugt. Das beweisen nicht zuletzt auch die Protestbewegungen von heute: Sie werden im Internet und durch soziale Netzwerke organisiert, aber wie vor hundert Jahren gehen die Menschen auf die zentralen öffentlichen Plätzen der Metropolen, und mitten unter ihnen sind die dokumentierenden Künstlerinnen und Künstler.
Olga Vostretsova,
geboren in Nowosibirsk, war mehrere Jahre lang Mitarbeiterin der Kulturabteilung des Goethe-Instituts in Moskau. Zurzeit arbeitet sie in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig. Darüber hinaus nimmt sie am Masterstudiengang Kulturen des Kuratorischen der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig teil.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

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