Comicszene

E-Comics – auf in die dritte Dimension!

Comics | © macrovector - Fotolia.com

Die digitale Revolution in der Buchbranche macht auch vor Comics nicht halt. E-Comics sind eine besondere Herausforderung, weil Text und Bild kreativ und interaktiv ins Netz gebracht werden müssen. In Deutschland stehen viele Verleger dieser Entwicklung noch skeptisch gegenüber.

„Wir sind in einer spannenden Phase, in der neue Codes für digitales und grafisches Lesen entwickelt werden. Das ist eine andere Form der Comic-Kunst“, verkündet Samuel Petit, der zusammen mit französischen Verlegern neue Formate für E-Comics im Internet entwickelt. Doch so offen die Begeisterung, so wenig auskunftsfreudig sind Verleger, was den Umsatz der digitalen Comics anbelangt. Und das ist auch in Deutschland nicht anders. Statistiken sucht man in Europa vergebens. Die Entwicklung des europäischen E-Book-Marktes ist eher eine Evolution als eine Revolution: 2,4 Prozent trugen E-Books 2012 in Deutschland zum Buchumsatz des Publikumsmarktes bei; der Anteil der E-Comics wurde dabei noch nicht einmal erfasst. Selbst in den USA – neben Japan der größte Markt für Comics – machten digitale Comicbücher 2012 lediglich zwischen einem und 1,4 Prozent des Umsatzes aus.

E-Comic-Szene in Deutschland

Auch wenn die Umsatzzahlen bei E-Comics noch niedrig sind gilt: je kleiner die Nische, desto größer der Ehrgeiz und die künstlerische Freiheit. Digitale Comic-Experimente gibt es bereits seit 15 Jahren. Den Anfang machten US-Amerikaner, dann kamen die Franzosen. In Deutschland begann der Trend 2005. Gewagt haben die Experimente nicht die Verleger, sondern die Autoren selbst mit ihren autofiktiven Comic-Blogs, wie zum Beispiel der Berliner Zeichner Flix mit Held. „Die Comictagebücher waren interessant, weil dort persönliche Themen auf poetische Weise illustriert wurden, und sich die Leser darüber austauschen konnten“, erinnert sich Josefin Svenske vom schwedischen Comicverlag Kolik. Schnell wagten die Autoren im Netz auch formal etwas Neues, indem sie das klassische Buchseitenformat aufbrachen. Non-stop, ohne umzublättern, kann sich der Leser seitdem am Bildschirm vertikal oder horizontal durch Geschichten scrollen, die ihren ganz eigenen Sog entwickeln.

Doch in Deutschland fremdelten große Verlage wie Carlsen oder Egmont lange mit dem Digitalmarkt. Den Anfang machte 2012 der Marktführer Panini. Der Stuttgarter Verlag hatte zunächst versucht, E-Comics über seine eigene Plattform zu vertreiben. Aber ohne Erfolg, der Shop musste schließen. Im April 2014 startete der Verlag dann eine neue E-Comic-Offensive. Seit April 2014 stehen rund 150 Comic-Titel für den Download bereit. Im zweiten Halbjahr 2014 sollen monatlich sechs bis acht Titel hinzukommen.

Frankreich wirft den Turbo an

Mithilfe von Animationen geht es für E-Comics in die dritte Dimension. Sie wollen die Touchscreens erobern, und das verlangt eine Technik, die Geschichten auf kleinstem Raum erzählbar macht. Vorreiter im Austüfteln dieser Technik sind die Franzosen. Auf der Suche nach einer eigenen Comic-Ästhetik im Netz entwickelten französische Zeichner den „Turbomedia-Modus“, für den sich mittlerweile auch Comic-Verleger und Zeichner in Japan und den USA interessieren. Mit dieser Technik muss sich der Leser nicht mehr von Bild zu Bild klicken. Die Handlung entwickelt sich vielmehr interaktiv, innerhalb einer einzigen Zeichnung. Man stelle sich etwa ein Panel, ein Einzelbild, mit einem Gewitterhimmel vor. Klickt der Leser, erscheinen auf dem Bildschirm animierte Regentropfen. Beim nächsten Klick taucht eine Sprechblase auf und dann erst die Figur. Was auf dem Papier drei Panels braucht, passiert hier nacheinander alles in einem einzigen Bild. Der Leser bestimmt durch sein Klicken das Tempo, in dem sich die Handlung weiterentwickelt und behält so die Kontrolle über die Lektüre.

Aktuelle E-Comics gibt es im Online-Magazin Professor Zyklop, das vom deutsch-französischen Fernsehsender Arte ins Leben gerufen wurde.

Skepsis bei unabhängigen Comic-Verlegern

Für die deutsche Sprachfassung von Professor Zyklop ist Michael Grönewald vom Berliner Reprodukt-Verlag verantwortlich. Doch auch wenn er sich an diesem Projekt beteiligt, blickt er skeptisch auf die digitalen Comic-Formate. In seinem Verlag hat er bisher ein einziges E-Comic verlegt. „Da werden jetzt Stoffe speziell fürs Internet generiert, bei denen ich das Gefühl habe, eine Mischung aus Comic und Animation vor mir zu haben. Doch eine Kombination aus schlechtem Comic und schlechtem Film – braucht es das wirklich?“, fragt er sich und spricht damit vielen unabhängigen Comic-Verlegern in Deutschland und anderen europäischen Ländern aus der Seele. Zudem schreckt der wirtschaftliche Aspekt viele Kleinverleger ab. „Ich würde die Turbomedia-Technik höchstens zu Werbezwecken einsetzen, anders lässt sich damit kein Geld verdienen“, meint César Sánchez vom spanischen Comic-Verlag Fulgencio Pimentel.

„Halbanimierte Bilder sind vielleicht etwas für Kinderbücher, aber nichts für unsere Comics“, meint Johann Ulrich, Verleger des für seine künstlerisch und thematisch anspruchsvollen Graphic Novels bekannten Avant-Verlags aus Berlin. Auch Josefin Svenske aus Schweden betont, ihr als Verlegerin gehe es vor allem um gutes Geschichtenerzählen. Die Qualität muss stimmen, darin sind sich die europäischen Comicverleger also einig. Ob die Comics animiert oder nicht animiert sind, und ob vertikal oder horizontal gescrollt wird, ist am Ende nebensächlich.

Katja Petrovic
arbeitet als freie Journalistin in Paris für verschiedene Print-, Radio- und Fernsehen-Medien, unter anderem für Arte, Deutschlandradio und „Courrier International“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2014

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