Comicszene

Blick zurück nach vorn – der 16. Internationale Comic-Salon Erlangen

Der 16. Internationale Comic-Salon in Erlangen; ©Internationaler Comic-Salon Erlangen/Erich Malter


Das Interesse an der grafischen Literatur in Deutschland ist ungebrochen: Mehr als 25.000 Besucher strömten zum Internationalen Comic-Salon 2014 nach Erlangen.

Vor 30 Jahren galten Comics noch als „Kinderkram“, so Florian Janik, Oberbürgermeister der Stadt Erlangen. Heute sei die inhaltliche Relevanz der zeitgenössischen Comics „kaum mehr zu übersehen“. Das bewies einmal mehr der Internationale Comic-Salon. Alle zwei Jahre findet er in Erlangen statt – im Juni 2014 nun schon zum 16. Mal. Neben dem großen Erfolg der grafischen Literatur in Deutschland gab es noch etwas anderes zu feiern: das 30-jährige Bestehen des Salons. Was als kleine Initiative begann, ist inzwischen zu einer wichtigen Institution des gesamten Genres geworden.

Der Erste Weltkrieg in Bildern

Im Jubiläumsjahr bot der 16. Internationale Comic-Salon einen Blick zurück nach vorn – etwa in einer zentralen Ausstellung zum Thema Krieg. Im Mittelpunkt stand dabei das Werk des französischen Künstlers Jacques Tardi. Die „Grande Guerre“, wie der Erste Weltkrieg in Frankreich genannt wird, ist sein Lebensthema. Mit seinen Graphic Novels fasst er den Alltag des Grauens in Bilder und Texte.

Flankiert wurde die Ausstellung von Werken namhafter Künstler wie Otto Dix, George Grosz, Olaf Gulbransson, Charles Martin oder Gus Bofa. In ihren Grafiken, Illustrationen und Radierungen machen sie deutlich, wie intensiv sich die künstlerische Avantgarde seit jeher mit dem Krieg beschäftigt hat – und wie unterschiedlich die Positionen waren, die in Kriegszeitschriften oder Satire-Magazinen abgedruckt wurden.

Die Trends der Comic-Szene

Natürlich bot der Comicsalon auch einen Blick auf aktuelle Entwicklungen der Comic-Szene. Gezeigt wurden Werke der Comic-Zeichner Anke Feuchtenberger und Atak sowie Fußball-Comics oder Graphic Novels zum Thema Toleranz.

In einer Ausstellung ehrte das Festival den seit 2002 bestehenden einzigen Berufsverband für Illustratoren in Deutschland, die Illustratoren-Organisation, sowie das vor zehn Jahren initiierte Künstlerinnenmagazin Spring. Ein Jubiläum feierte auch das 1984 gegründete Fachmagazin Reddition, das Werke aus den vergangenen 30 Jahren zeigte. Und im Stadtmuseum wurde an 150 Jahre Max und Moritz erinnert. Kleinere Ausstellungen widmeten sich dem französischen Comiczeichner Émile Bravo, dem US-amerikanischen Zeichner Walt Kelly und der Finnin Tove Jansson.

Comics im Zeitalter der Digitalisierung

Im Mittelpunkt der zahlreichen Vorträge, Workshops und Seminare stand eine Veranstaltungsreihe zum Thema Web-Comics. Dabei wurde deutlich, dass der grundlegende Wandel der Medienwelt auch das Genre Comic verändert. Die Digitalisierung bietet eine Vielzahl von neuen technischen und gestalterischen Möglichkeiten: Figuren und Szenen lassen sich animieren, Textelemente und Sprachen können ausgewählt und der Lesefluss anders gesteuert werden.

Ein Durchbruch im digitalen Comic-Geschäft ist so schnell nicht zu erwarten. Aber es gibt immer mehr Verlage, die Online-Ausgaben ihrer Bücher anbieten oder daran arbeiten. Immer häufiger werden Zeichner für multimediale Projekte angefragt. Der Zeichenkünstler und Maler Felix Mertikat etwa hat an einer interaktiven dokumentarischen Webserie zum Cyberkrieg mitgewirkt (netwars-project.com), der Comic-Autor Daniel Lieske zeichnete den Webcomic Wormworld-Saga (wormworldsaga.com) und die Berliner Produktionsfirma Filmtank arbeitet an der Umsetzung von Mozarts Oper Die Zauberflöte.

Solche Projekte bilden allerdings in Deutschland noch eine Ausnahme, viel zu kostspielig und ungewiss sind ihre Erfolgschancen. Dass Webcomics bei den Lesern längst angekommen sind, bewies der diesjährige Max und Moritz-Preis: Der Publikumspreis ging an den Webcomic Schisslaweng von Marvin Clifford (schisslaweng.net). Als beste Künstlerin wurde in diesem Jahr Ulli Lust gefeiert. Den Kölner Zeichner Ralf König zeichnete die Stadt Erlangen für sein herausragendes Lebenswerk aus. Und der französische Meister Jacques Tardi, der unermüdlich Bücher signierte, beeindruckte mit einer Installation seiner Schützengraben-Bilder, die von Antikriegs-Chansons seiner Eherfrau Dominique Grange untermalt wurde.
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2014

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