Comicszene

Comics zum Mauerfall – Deutsche Geschichte in Bildern

Erinnerung in Bild und Wort: Comics zum Mauerfall; © Carlsen-Verlag


Die Mauer teilte Deutschland 28 Jahre lang in zwei Teile. An den SED-Unrechtsstaat und das friedliche Ende der DDR erinnern zahlreiche Comics und Graphic-Novels. Sie erzählen von den Menschen und Ereignissen, die zur kollektiven Erinnerung einer ganzen Generation gehören.

Mawil: „Kinderland“

„Ich melde, die Klasse 7a ist zum Unterricht bereit. Es fehlt Peggy Kachelsky“, verkündet Angela zu Stundenbeginn mit erhobener Hand dem Klassenlehrer. „Ich war bei ihr, um die Hausaufgaben zu bringen, aber es ist nie jemand zu Hause“, fährt eine andere Schülerin fort. Schulunterricht in der DDR. An der Wand hängt ein Foto von Erich Honecker. Der Linoleumboden quietscht unter den Füßen. Mitschüler Mirko Watzke ahnt, dass Peggy nicht mehr zurückkommen wird.

Kinderland heißt die Graphic Novel des Berliner Zeichners Mawil (Markus Witzel). Auf knapp 300 Seiten schildert er eine Kindheit in der DDR kurz vor dem Mauerfall. Mit leichtem Strich zeichnet er ein dichtes Panorama dieser Epoche. Hier die Russischlehrerin, die lauthals sozialistische Parolen verkündet, während sie zu Hause heimlich Westfernsehen schaut. Dort der Außenseiter aus der Parallelklasse, mit dem sich Mirko anfreundet und ihn schließlich – als Zeichen des Vertrauens – in seine katholische Kirchengemeinde mitnimmt. Schließlich die Eltern, die sich flüsternd über Fluchtversuche von Freunden unterhalten und Mirko am Abend der Maueröffnung in den Westen zerren, obwohl er viel lieber beim Tischtennisturnier mitmachen würde.

Es ist eine mitreißende Geschichte, die Mawil erzählt, berührend und spannend, humorvoll und tiefsinnig. Zeichnungen, Dialoge, Tempo – alles stimmt in diesem Comic bis hin zu den Details: der typische Berliner Dialekt, das paramilitärisch organisierte Ferienlager und die vorsichtige Annäherung zwischen den beiden Protagonisten. Ein Lesevergnügen, befand auch die Jury des Erlanger Max-und-Moritz-Preises und kürte das Buch zum besten deutschen Comic des Jahres 2014.

Peter M. Hoffmann und Bernd Lindner: „Herbst der Entscheidung“

Leipzig im Herbst 1989. Der 17 Jahre alte Daniel steht kurz vor dem Abitur. Er soll sich zu drei Jahren Armeedienst verpflichten, um studieren zu können. „Drei Jahre Uniform und Kaserne, das kann ich nicht … und wenn sie mich an die Grenze schicken, muss ich vielleicht noch auf Flüchtlinge schießen“, denkt er, doch sein Lehrer ist eindeutig: „Entweder Sie unterschreiben die Verpflichtungserklärung, oder Sie können Ihren Studienplatz vergessen.“ Abends beobachtet Daniel vom Fenster aus, wie im Nachbarhaus Plakate gemalt werden. Rasch freundet er sich mit den Bürgerrechtlern an und beginnt, Flugblätter zu verteilen und die Andachten von Pfarrer Führer in der evangelischen Nikolaikirche zu besuchen. Bei einer friedlichen Demonstration wird seine Freundin Katrin verhaftet. Jetzt will Daniel erst recht um seine Freiheit kämpfen.

Das Buch Herbst der Entscheidung entstand als Gemeinschaftswerk. Der Autor Bernd Lindner, Historiker am zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, ist profunder Kenner der DDR-Geschichte. Er sorgte für die dokumentarisch-exakte Erzählung – leider auf Kosten der Dramaturgie. Der Leipziger Zeichner Peter M. Hoffmann illustriert die Geschichte mit schroffen schwarz-weißen Pinsel- und Federzeichnungen, die besonders wirkungsvoll bei den Massenszenen und den Porträtzeichnungen eingesetzt werden. Auch historische Persönlichkeiten werden in Wort und Bild zitiert, unter ihnen der Leipziger Pfarrer Christian Führer, die Schriftstellerin Christa Wolf oder Marianne Birthler, die spätere Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.

Kitty Kahane, Alexander Lahl, Max Mönch: „Treibsand“

Aus der Perspektive eines US-Amerikaners erzählt das Berliner Autorenkollektiv Max Mönch, Alexander Lahl und Kitty Kahane die Geschichte des Mauerfalls: Der New Yorker Journalist Tom Sandmann soll aus Berlin berichten. Doch als am 9. November 1989 tausende Berliner zum Grenzübergang am Potsdamer Platz strömen, liegt der Journalist mit einer Kieferentzündung im Krankenhaus.

Treibsand erklärt, warum sich die DDR schon lange vor der Wende in Auflösung befand. Das Buch erzählt von Oppositionellen, Flüchtlingen und Funktionären; es richtet seinen Blick vor allem auf das Geschehen innerhalb des Systems: auf die Sitzungen und Machtkämpfe im bröckelnden SED-Regime. Für die Geschichte haben die Historiker Alexander Lahl und Max Mönch viel recherchiert. Die Autoren, die unter dem Label „Kulturingenieure“ arbeiten, wollten wissen, was in den Ministerien geschah, nachdem Regierungssprecher Günter Schabowski die Öffnung der Grenze verkündete. Ihre Erkenntnisse ließen sie in den Comic einfließen. Für Zeichnerin Kitty Kahane bedeutete die Arbeit auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit: Sie ist 1960 in Ostberlin geboren und erlebte die Wende als Kunststudentin. Ihre krakeligen, schrägen Zeichnungen und Figuren wirken immer ein wenig kindlich – ein spannungsreicher Kontrast zu den spröden historischen Fakten.

Simon Schwartz: „Drüben“

„Für Verräter gibt es kein Wiedersehen“: Mit diesen Worten entlässt der DDR-Beamte Familie Schwartz in die Freiheit. Als das Ehepaar mit Kleinkind in West-Berlin bei Freunden ankommt, wird erst einmal gefeiert. Die Flucht in den Westen bildet die erste bewusste Erinnerung von Simon Schwartz, 1982 in Erfurt geboren. Er zeichnet in seinem Comic Drüben eindrücklich die Ausreise-Geschichte seiner Familie nach.

In lakonischen schwarz-weißen Bildern schildert er rückblickend, wie seine Eltern aufwachsen, studieren und leben, wie sie zunehmend am DDR-System zweifeln und sich entschließen, einen Ausreiseantrag zu stellen. Schwartz ist ein präziser Beobachter: Mit wenigen Strichen und prägnanten Szenen lässt er Zweifel und Ängste der Eltern spürbar werden, ohne jemals weinerlich oder anklagend zu sein. Der Entschluss, die DDR zu verlassen, führt zu Überwachung und Schikane. Und als die Familie endlich im Westen ist, gestaltet sich der Neuanfang auch nicht einfach.

Comic-Tipps:
Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: „Tunnel 57. Eine Fluchtgeschichte als Comic“, Ch. Links Verlag 2013

Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: „Berlin. Geteilte Stadt“, Avant-Verlag 2012

Flix: „Da war mal etwas“, Carlsen-Verlag 2009

Peter M. Hoffmann, Bernd Lindner: „Herbst der Entscheidung. Eine Geschichte aus der Friedlichen Revolution 1989“, Ch. Links Verlag 2014

Olivier Jouvray, Nicolas Brachet: „Fluchttunnel nach West-Berlin“, Avant-Verlag 2014

Kitty Kahane, Alexander Lahl, Max Mönch:„ Treibsand. Eine Graphic Novel aus den letzten Tagen der DDR“, Metrolit Verlag 2014

Claire Lenkova: „Grenzgebiete. Eine Kindheit zwischen Ost und West“, Gerstenberg-Verlag 2009

Mawil: „Kinderland“, Reprodukt Verlag 2014

Simon Schwartz: „Drüben!“, Avant Verlag 2009
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2014

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