Comicszene

„Zeichnen ist Forschen“

Barbara Yelin © Martin Friedrich Barbara Yelin © Martin Friedrich Die Zeichnerin Barbara Yelin war als Gast des Goethe-Instituts bereits in Kairo, in Delhi, in Surabaya und auf Bali. In ihrer neuen Graphic Novel Irmina erzählt sie, wie eine emanzipierte junge Deutsche, die in London die Handelsschule besucht und einen schwarzen Oxford-Stipendiaten aus Barbados liebt, zur Profiteurin des Nazi-Regimes wird – und wirft Fragen auf, die bis in unsere Gegenwart reichen.

Ihre Arbeit an Irmina begann mit Briefen und Dokumenten aus dem Nachlass Ihrer Großmutter. Was hat Sie dazu bewegt, deren Geschichte zur Grundlage eines Romans zu machen?

Das war vor allem eine Frage: Wie konnte aus dieser jungen Frau, die so sehr die Freiheit gesucht hat, eine Mitläuferin im nationalsozialistischen System werden? Irmina ist inspiriert von widersprüchlichen Fundstücken aus ihrer Biografie, die ich wie Puzzleteile verwendet habe. Zusätzlich habe ich meinen Spielraum als Erzählerin genutzt.

Wie haben Sie weiter recherchiert?

Ich habe mich an anderen Lebensläufen und historischen Hintergründen orientiert. Ich habe viel Fachliteratur historischer Art gelesen, in Tagebüchern von Zeitgenossen, in Romanen, Archiven und Online-Archiven. Außerdem habe ich mich von einem Historiker beraten lassen, Dr. Alexander Korb. Ich habe versucht, herauszufinden, wo der Alltag dieser Frau aus dem Mittelstand, die in Berlin lebt und deren Mann in der SS ist, mit der Politik zusammentrifft. Was kann sie von den Verbrechen der Nazis gesehen haben? Was muss sie gewusst haben?

Als Juden auf der Straße gedemütigt werden, schaut sie weg.

Ich stelle die Frage, wann Irmina ihr Schicksal lenken kann. Das Zeitgeschehen durchbricht immer wieder ihre Pläne. Aber sie hat eben auch Entscheidungsspielräume. Für sie geht es, scheinbar unpolitisch, um die Entscheidung zwischen gesellschaftlichem Aufstieg und Freiheit. Dass viele persönliche Handlungen auch politische Konsequenzen haben, macht man sich im Alltag gar nicht so klar.

Welche Handlungen sind das heute?

Das kann man natürlich nicht vergleichen. Aber nehmen wir zum Beispiel unser Konsumverhalten: Kaufe ich Billigklamotten oder nicht? Wir wissen, dass Menschen auf anderen Kontinenten ausgebeutet werden und dass das auch durch unsere Ignoranz ermöglicht wird.

Irmina und Howard, der Oxford-Stipendiat aus Barbados, lernen einander kennen, weil sie beide als „anders“ betrachtet werden – sie gilt als „Blaustrumpf“ und „deutsches Fräulein“, er wird abfällig „Darkie“ genannt. Wie haben Sie diese beiden Figuren entwickelt?

Außer den biografischen Vorgaben habe ich mir überlegt: Wie sind die Leute den beiden gegenübergetreten? Wie reagiert jemand mit Irminas Naturell darauf und was hat das für Konsequenzen? Irmina hat diese Strenge und Ruppigkeit, sie ist von Anfang an eine schwierige Figur. Howard ist deutlich weitsichtiger. Ich lerne meine Figuren auch dadurch kennen, dass ich sie zeichne und Dialoge schreibe. Zeichnen ist für mich Forschen. Ich finde heraus, wie sie gucken, was sie sagen und wann sie eben nichts sagen.

Unkonventionelle Figuren wie Irmina sind in Romanen über die Zeit des Nationalsozialismus normalerweise für die Rolle des Widerstandskämpfers vorgesehen. Durchbrechen Sie dieses Erzählmuster bewusst?

Tatsächlich wollte ich solche Schablonen vermeiden. Es geht immer auch um die Frage, wie man selbst gehandelt hätte. Das ist eine quälende Frage. Man entlastet sich schnell, indem man sich mit einem bestimmten Typ Mensch identifiziert. Diese Distanz wollte ich aufheben, die Widersprüchlichkeit meiner Figur zulassen. Das war nicht angenehm.

Irmina by Barbara Yelin © Reprodukt Verlag Wie haben Sie die Farbigkeit und den Stil für diese Geschichte gefunden?

Das war ein langes Ausprobieren. Im ersten Teil habe ich Hellblau als Akzentfarbe gesetzt, im zweiten Teil, in dem alle Farben dunkler werden, ein Signalrot. Am Anfang stehen die Figuren oft noch frei, später setze ich sie immer stärker in Rahmen, gehe näher an sie heran, um Irminas verengten Blick erfahrbar zu machen. Am Ende, als Irmina Howard als alte Frau auf Barbados besucht, habe ich noch einmal eine andere Farbe benutzt, um die zeitliche Distanz zu zeigen. Dunkelheit ist ein wichtiges Stilmittel für mich. Je weniger man erkennen kann, desto mehr muss der Betrachter sich selbst einbringen.

2012 und 2014 haben Sie in Kairo unterrichtet. Welchen Eindruck hatten Sie von der ägyptischen Comicszene?

Im Vergleich zur deutschen oder französischen Szene ist sie sehr klein und jung, aber da ist großes Potenzial. Die Künstler haben große Lust, etwas zu machen und dringende Fragen. Es geht um die politischen Ereignisse der letzten Jahre, um die unfassbare Unsicherheit und die Frustration nach dem Scheitern der Revolution, aber auch darum, wie man mit dem Zeichnen Geld verdienen kann.

Im Oktober und November 2012 haben Sie während der Indo German Urban Mela in Delhi ein Comic-Tagebuch geführt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Gebäude zeigt, das in jedem Reiseführer abgebildet ist, oder nur fünfzig Meter daran vorbei schaut. So ist zum Beispiel ein Bild entstanden, auf dem jugendliche Moslems Kricket spielen. Um sie herum findet ein hinduistisches Götterfest statt, da explodieren riesige geschmückte Dämonen, und mittendrin spielen diese Jungs Kricket, als wäre nichts. In der Rolle des Zeichners wird einem viel Interesse und Respekt zuteil. Nur einmal, als ich zwei Straßenkinder zeichnete, hat mich jemand verscheucht. Hat gesagt, das seien Unberührbare, die hätten die Aufmerksamkeit nicht verdient. Was ich toll finde, ist, wenn Leute näher kommen und sich mit mir unterhalten. An jeder Straßenecke ist eine Geschichte zu finden. Man muss nur hinschauen und zuhören.

Elisabeth Dietz
arbeitet als Redakteurin und Social Media Manager für das Literaturmagazin BÜCHER. Sie lebt in Berlin.

Übersetzung: Elisabeth Dietz
© Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi
November 2014

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