Comicszene

Comics zum Zweiten Weltkrieg – die Normalität des Terrors

Comicroman „Irmina“ von Barbara Yelin; © Reprodukt


Aus Deutschland gibt es bisher nur wenige Comics zum Zweiten Weltkrieg. Zwei neuere Veröffentlichungen tragen dazu bei, die Erinnerungskultur auch in diesem Medium zu erweitern.

Die Bandbreite deutscher Comics zum Zweiten Weltkrieg ist überschaubar: Sie reicht von Beschreibungen der letzten Kriegstage aus ziviler Sicht (Die Entdeckung der Currywurst von Isabel Kreitz, 1996, oder Der erste Frühling von Christoph Heuer, 2007), über die Biografie von Holocaustüberlebenden (Der Boxer von Reinhard Kleist, 2011) und Adolf Hitler (Hitler von Friedemann Bedürftig und Dieter Kalenbach, 1989) bis hin zur Reflektion der Kriegsauswirkungen auf die Nachkriegsgeneration (Kiesgrubennacht von Volker Reiche, 2013). Mit dem Comicroman Irmina von Barbara Yelin (2014) und der von Ulli Lust gezeichneten Graphic Novel Flughunde (2013) ist der Diskurs um zwei wichtige Stimmen reicher – denn neu ist in beiden Titeln der Versuch einer Annäherung an die Täterperspektive.

Assoziative Bilder des Terrors

Flughunde ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Marcel Beyer aus dem Jahr 1995 und folgt einerseits dem fiktiven Akustiker Hermann Karnau, andererseits den Kindern von Joseph Goebbels, von 1933 bis 1945 deutscher „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“. Ihre Wege kreuzen sich mehrmals, da Karnau Tonaufzeichnungen für Goebbels anfertigt und schließlich auch die letzten Kriegstage im Führerbunker in Berlin verbringt. Zunächst wird Karnau als leicht verschrobener, aber sympathischer Sonderling dargestellt. Er widmet sich hingebungsvoll seinem Fach und stellt sein Können eher zufällig den Nationalsozialisten zur Verfügung. Als er aber an die Front einberufen werden soll, rettet er seinen Hals mit der Umsetzung von Experimenten für die SS. Er wird von einem reinen Mitläufer zu einem aktiven Kollaborateur und Profiteur des Systems.

Graphic Novel „Flughunde“ von Ulli Lust | © Suhrkamp Verlag


Die Zeichnungen von Ulli Lust konzentrieren sich auf die Visualisierung von Geräuschen: Dargestellt werden Bombenangriffe oder Stadionreden, die grausamen Stimmexperimente an Häftlingen oder auch einfache Atemgeräusche: Die überwiegend abstrakte, assoziative Illustration dieser Geräusche bewirkt eine Unmittelbarkeit, die das Dargestellte lebendig macht. Auch aus Disney-Comics bekannte Lautmalereien wie „Ächz“ oder „Seufz“ werden mit einer neuen Tiefe besetzt, wenn sie etwa von Goebbels’ Ehefrau ausgehen.

Querdenkerin wird zur Mitläuferin

Irmina ist Titelfigur des gleichnamigen Comicromans von Barbara Yelin. Die Autorin hat ihrer Geschichte die Biografie der eigenen Großmutter zugrunde gelegt. Zu Beginn wird sie als unkonventionelle junge Deutsche dargestellt, die 1934 als Auszubildende in London lebt. Hier geht sie eine Liebelei mit dem dunkelhäutigen Studenten Howard aus Barbados ein. Durch eine Reihe widriger Umstände kehrt sie nach Deutschland zurück, wo sie schließlich den Architekten Gregor, ein Mitglied der SS, heiratet. Während des Kriegs unterstützt sie Gregor, wo sie nur kann. Auch in ihrem Umfeld gibt sie verbissen die Durchhalteparolen der Nationalsozialisten wieder. So wird aus der Querdenkerin, die Fremdenfeindlichkeit am eigenen Leib erfahren hatte, eine Mitläuferin. Aus ihrer Sicht sind die Juden für ihr Übel verantwortlich, und von den Taten ihres Mannes an der Ostfront möchte sie nichts hören.

Anders als in Flughunde ist die Bildsprache in Irmina sehr direkt. Sie dient deutlicher dazu, die Geschichte zu veranschaulichen. Die Zeichnungen sind oft sehr nahe an der Protagonistin und lassen den Betrachter an ihren verschiedenen Lebensphasen teilhaben.. Zugleich werden Szenen, wie etwa der Brand einer Synagoge, doppelseitig und damit äußerst präsent gestaltet. Mit diesem Mittel unterstreicht Yelin auch, wie unübersehbar derartige Ereignisse waren.

Der Holocaust als Randerscheinung

In der Populärkultur sind die Nationalsozialisten oft als diabolischen „Übermenschen“ präsent. Doch weder Irmina noch Hermann Karnau wurden dergestalt entworfen. Diese Normalisierung schlägt eine emotionale Brücke und erlaubt den Lesern eine Identifikation. Der Holocaust bleibt dabei jedoch eine schemenhafte Randerscheinung, die von den Charakteren entweder bewusst ignoriert – oder, wie im Falle Karnaus – aktiv mitbegangen wird. Mit der gängigen Schutzbehauptung „Davon haben wir nichts gewusst“ wird aber in beiden Veröffentlichungen unmissverständlich aufgeräumt.

Einen ausführlichen Überblick zum Thema aus verschiedenen Blickwinkeln bietet der Sammelband „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics“ des Archivs der Jugendkulturen (herausgegeben von Ralf Palandt, 2011). Viel beachtete neuere internationale Comics zum Thema sind etwa „Die zweite Generation“ von Michel Kichka oder „Das versteckte Kind“ von Dauvillier/Lizano/Salsedo (beide 2014).
Dario Radišić
arbeitet als Kulturwissenschaftler in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2015

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