Comicszene

Illustration – Zeichnen gegen Neonazis

Als Neonazis offen an der Realschule für Rechtsextremismus werben, stellt Nils Oskamp sich ihnen in der Graphic Novel „Drei Steine“ in den Weg – alle anderen schauen weg; © Panini Comics

Nils Oskamp und David Schraven setzen sich in Graphic Novels mit Rechtsextremismus auseinander. Die Illustratoren geben einen tiefen Einblick in die von Gewalt und Hass beherrschte Szene.

In einer dunklen Gasse schlagen Neonazis einen jungen Mann zusammen. Sie geben erst Ruhe, als sich der Körper nicht mehr bewegt. „Papa, steh auf!“ – ein kleiner Junge weckt seinen Vater. Die Schläger – nur ein Albtraum. „Puhh. Alles ist gut.“, denkt der Vater, doch die Erinnerung an die Vergangenheit ist wach. Mit dieser Szene beginnt die autobiografische Graphic Novel Drei Steine von Nils Oskamp.

Oskamp, 1969 in Bochum geboren, hat gelernt, zu kämpfen. Als Schüler wehrte er sich mit Fäusten gegen die Neonazis in seiner Schule. Heute prangert er Missstände mit Hilfe des Zeichenstiftes an. In Drei Steine schildert er seine Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung und erzählt in Rückblenden von seiner Schulzeit an der Wilhelm-Busch-Realschule in Dortmund-Dorstfeld.

Alle schauen weg

Die Erinnerungen sind alles andere als sentimental. Ein neuer Mitschüler verbreitet seine rechtsextreme und faschistische Ideologie. Oskamp wehrt sich – und wird verprügelt und gedemütigt. Die Lehrer schauen weg, die Eltern sind überfordert. Die Spirale der Gewalt eskaliert. Eines Tages wird Oskamp so massiv angegriffen, dass er erst im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein kommt. Daraufhin erstattet er Anzeige. Es kommt zur Gerichtsverhandlung. Die Schläger werden wegen versuchten Totschlags zu 20 Sozialstunden verurteilt. Oskamp verlässt die Stadt.

Auch der Journalist David Schraven beschäftigt sich mit der Neonazi-Szene. In seiner Graphic Novel Weiße Wölfe geht es um den Neonazi Albert S., der einer sogenannten Combat 18-Zelle in Dortmund angehört. So nennt sich der militante Arm des Neonazi-Netzwerkes „Blood & Honour“. Das Buch beruht auf der Arbeit des Recherchebüros Correctiv, das David Schraven als inhaltlicher Geschäftsführer leitet. Mit investigativen Recherchen hat Schraven das Leben von Albert S. rekonstruiert. Gezeichnet wurde die Geschichte von Jan Feindt.

David Schraven hat sich bewusst dafür entschieden, seine Rechercheergebnisse als grafische Reportage zu veröffentlichen und kostenlos im Internet zur Verfügung zu stellen, um junge Leser zu erreichen. „Es macht keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken und zu glauben, das Böse verschwindet, wenn man es lange genug ignoriert. Wir müssen uns dem Horror stellen, um ihn zu bekämpfen“, schreibt er auf der Website von Correctiv.

Die Spirale der Gewalt durchbrechen

Nils Oskamp ist einen anderen Weg gegangen. Anders als David Schraven, der Investigativjournalist, ist er nicht immer tiefer in die rechte Szene eingetaucht. Sein Einsatz bleibt im Privaten. Er wehrt sich, kämpft – und sieht dann ein, dass er die Spirale der Gewalt durchbrechen muss. Eine zentrale Rolle in der Geschichte spielen die drei titelgebenden Steine, die er bei seinem Besuch des Jüdischen Friedhofs in Dortmund-Dorstfeld aufnimmt, der von Neonazis geschändet wird. Die Arbeit am Comic habe für ihn auch einen therapeutischen Effekt gehabt, sagt er: „Ich habe die Dämonen und die Wut meiner Vergangenheit in die Comicseiten verbannt.“

Sein Handwerk hat Oskamp früh gelernt: Nach der Schule studiert er Illustration an der Kunstakademie Schloss Haus Ruhr in Bochum, arbeitet als Grafiker und Art-Director und macht sich als Werbegrafiker selbstständig. Alle zwei Jahre besucht er deutsch-französische Comicseminare in Erlangen. Die Dozenten ermutigen ihn, an seiner Karriere als Zeichner weiterzuarbeiten. Also besucht er die Hamburger Animation School. Für seinen Abschlussfilm Voodee, eine Parabel über Gefangenschaft und Ausgrenzung, erhält er 2003 den Hamburger Animation Award. Heute zeichnet Oskamp medizinische Anleitungen und Storyboards, entwickelt Icons und Logos, illustriert Magazintexte und Werbebroschüren.

2002 gründet er gemeinsam mit Kollegen den deutschen Illustratoren-Verband „Illustratoren Organisation e.V.“ mit inzwischen mehr als 1.200 Mitgliedern. 2003 startet er die internationale Kunstaktion „Art Against Female Genital Mutilation“ für das Europäische Parlament in Brüssel. Und er gründet die deutsch-französische Arbeitsgemeinschaft „Atelier sans Frontières“. Mit dem Projekt Drei Steine beschäftigte sich Oskamp schon seit 2007. Erste Entwürfe und vorbereitende Arbeiten präsentierte er bereits 2008 auf dem Comicsalon in Erlangen, dem bedeutendsten Comic-Festival im deutschsprachigen Raum. 2015 erschien sein Buch in einer kürzeren Schulausgabe bei der Amadeu Antonio Stiftung, 2016 kommt es als Gesamtausgabe im Panini Verlag heraus. Comics sind nach Ansicht des Zeichners ein gutes Mittel, um die „Kids der Computerspiel-Generation“ zum Lesen zu bewegen.

Rechtsextremen „auf die Stiefel treten“

Auch bei David Schraven geht das Projekt über die reine Graphic Novel hinaus. Auf der Website zum Buch benennt er konkrete Maßnahmen im Kampf gegen Neonazis: Geldströme müssten blockiert, Polizisten besser ausgebildet und verdeckte Ermittler eingesetzt werden. Vor allem müsse man den Rechtsextremisten „auf die Stiefel treten“: „Wenn man die Nazibanden effektiv bekämpfen will, darf der Staat sich nicht lumpen lassen. Er muss jedes Hakenkreuz, jedes Propagandadelikt, jede noch so kleine Straftat verfolgen“, schreibt Schraven und gibt seinen Lesern eine konkrete Handlungsanweisung mit: Wer den Forderungskatalog unterstütze, könne selbst aktiv werden – und unter dem Hashtag #AufDieStiefelTreten twittern.
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V.
Internet-Redaktion
Dezember 2015

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