Comicszene

Migrationsspuren – fünf spanische Illustratoren in Berlin

Illustration für das Buch „La asombrosa y verdadera historia de un ratón llamado Pérez“, Siruela, Madrid, 2010. Text von Ana Cristina Herreros. | © Violeta Lópiz
Sie kamen nach Berlin und blieben. In der deutschen Hauptstadt fanden sie alles, wovon ein Künstler am Anfang träumt. Eine preiswerte und weltoffene Stadt, in der es möglich ist, das zu tun, was sie am besten können: Zeichnen. Die Erfahrungen fünf spanischer Illustratoren, die in Berlin leben.

Violeta Lópiz (Ibiza,1980) lädt uns ein in ihr Kreuzberger Studio Lelo Books. Es ist genau das richtige Umfeld für ihre Arbeit, der eigenen Veröffentlichung ihrer Bücher über den direkten Kontakt mit ihren Lesern. Violeta steht mit ganzem Herzen hinter ihrer Arbeit, ohne sich selbst zu verraten. Unter dieser Prämisse stehen ihre Illustrationen. Ihre Arbeiten veröffentlicht sie in verschiedenen Verlagen und Zeitschriften auf der ganzen Welt. Sie ist perfektionistisch, aufmerksam, minuziös. Für die Illustration eines Buches benötigt sie im Durchschnitt ein Jahr. „Das ruiniert mich“, sagt sie. „Um ein Buch zu illustrieren, muss man alle Grundlagen miteinander in Einklang bringen, auf denen man aufbaut: Technik, Bildsprache, Perspektive und Bilddiskurs”. Für die Zukunft ist sie gerüstet. Ihre Waffen sind: Buntstifte, Temperafarben, bemalte Acetatfolie und der berüchtigte Filzstift. Dieser begleitete sie letzten Winter nach Lissabon, als sie an den Illustrationen für das Gedicht Amigos do Peito von Cláudio Thebas (Bruaá, 2014) arbeitete, ermutigt durch den Illustrator Valerio Vidali (der im selben Atelier zum Teil auch an gemeinsamen Projekten arbeitet). Sie träumt davon, ein Wohnmobil in ein mobiles Atelier zu verwandeln und damit durch die Welt zu reisen auf der Suche nach Geschichten. Erst einmal ist sie aber mit ihrem neuen Projekt La Foresta beschäftig. Und für die Arbeit an ihrem nächsten Buch will sie nach Südkorea reisen.

Endlich Angekommen | © Jorge LiqueteIn der Nähe des Ateliers von Violeta stoßen wir einen Häuserblock weiter auf Jorge Liquete (Madrid,1973). Er ist ausgebildeter Grafikdesigner, der aus der Welt der Werbung kommt. Illustrator ist er als Autodidakt.
Jorge erstellt Grafikanimationen, Storyboards, Videos und entwirft Figuren. Illustration ist für ihn eine Möglichkeit, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Die Werbung verließ er fluchtartig. Danach nahm er Kontakt auf zu spanischen Schulbuchverlagen, für die er bis heute arbeitet, und illustrierte die Buchreihe Batracio Frogger, in der es um einen Detektiv in Gestalt eines Froschs geht.
Nach Berlin kam er 2009. Zu seinen interessantesten Projekten zählt ein Comic für das Musiklabel Mokoh Music. Von Deutschland hat er viel gelernt und das Land eröffnete ihm viele Möglichkeiten. „Eine gelungene Arbeit wird hier sehr geschätzt, man erhält mehr Anerkennung als anderswo“. Im September kehrt er jedoch mit neuen Projekten im Gepäck zurück nach Spanien, offen für alles und ohne sich eingrenzen zu lassen.

Carnaval | © Cristina Sitja

Mit Grenzenlosigkeit ist auch Cristina Sitja (Caracas, 1972) vertraut. Sie ist halb Spanierin, halb Venezolanerin. Nach einem Kunststudium in Montreal spezialisierte sie sich in San Francisco auf Lochkamerafotografie. Danach ging sie nach Barcelona, die Hälfte ihrer Familie stammt von dort. Und sie entschied sich dort für einen Richtungswechsel. Sie stellte fest, dass sie das Zeichnen noch nicht verlernt hatte und widmete sich der Illustration. 2006 landete sie in Berlin. Geplant waren nur einige Wochen, aber sie ist geblieben. Wir haben uns in der Buchhandlung Mundo Azul verabredet, die spezialisiert ist auf Kinder- und Jugendbücher. Cristina zeigt uns ihre Veröffentlichungen in Europa und Lateinamerika und erzählt von einem Termin einmal im Jahr, den sie auf keinen Fall verpassen darf: die Kinderbuchmesse in Bologna. Zwei mal konnte sie dort bereits ihre Arbeiten zeigen. „Ich beginne direkt zu zeichnen, Fehler werden mit eingearbeitet, meinem Stil merkt man das an“, erklärt sie. Sie beklagt, dass man keine besondere Rücksicht nimmt auf Illustratoren und beschwert sich über ausbeuterische Verträge einiger Verlage. Aber sie nimmt es mit Humor: „Bisher konnte ich Bücher nicht essen.“

Los amos ocults del totxo | © Raúl Soria

„Bei schlecht bezahlten Aufträgen muss man lernen, nein zu sagen. Am Anfang ist das schwierig. Man nutzt es aus, dass man keine Arbeiten vorzuweisen hat und die Möglichkeit erhält, dass andere auf einen aufmerksam werden“, sagt Raúl Soria (Zaragoza, 1983). Er kam vor elf Jahren nach Berlin. Er wollte Deutsch lernen. Am Ende studierte er an der Universität der Künste und spezialisierte sich auf Illustration. „Die Arbeit ist zwar etwas unsicher, aber es gibt nichts, was mich glücklicher macht, als mit Illustration meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Er arbeitet vor allem für Zeitungen. Zu Beginn hatte seine Arbeit viel zu tun mit der Krise in Spanien und der Bewegung 15M. In dieser Zeit interessierte er sich zunehmend für Politik und verband dies mit seiner Tätigkeit als Illustrator. Er arbeitet für La Directa und Neues Deutschland. Außerdem hat er Buchdeckel und CD-Cover gestaltet und wirkte mit an einem Dokumentarfilm über die Berliner Kultkneipe Bar 25. Was Deutschland seiner Meinung nach besonders auszeichnet ist die finanzielle Unterstützung, die Künstler erhalten, etwa durch die Künstlersozialkasse (KSK). Er will aber wieder zurückkehren: „Meinen Traum, nach London oder New York zu gehen, habe ich aufgegeben, jetzt will ich nach Madrid“.

Dança dos tres elementos naturais e banana | © Irene Fernández Arcas Einen ähnlichen Weg hat Irene Fernández Arcas (Granada, 1987) hinter sich. Sie studiert Visuelle Kommunikation an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Sie hat Bücher geschrieben und illustriert, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden und arbeitet für Zeitschriften, Kollektive und Universitätsprojekte, fast immer kostenlos. Musik ist ihre größte Inspiration und am liebsten bringt sie Musik in Bildern zum Ausdruck. Sie träumt davon, als Illustratorin zu arbeiten und dass ein Kind eines Tages zu ihr sagt, dass es eines ihrer Bücher gelesen hat. Berlin ist für sie eine Chance und „der Ort, an dem man nicht lange warten muss, dass etwas passiert, denn irgend etwas passiert immer.“

Diese Künstler träumen weiter von Bildern, mit denen sie ihren fortlaufenden Werdegang illustrieren.

María Manrique Gil
lebt als freie Journalistin in Berlin, sie ist Mitglied von Bisual Studio.

Übersetzung: Thomas Pauly
Copyright: Goethe-Institut Madrid
Juli 2015

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