Comicszene

Was sind Graphic Novels? – Deutsche und internationale Comic-Produktionen im Überblick

© Edition Moderne & Marjane SatrapiIn den Feuilletons deutscher Zeitungen sind Graphic Novels mittlerweile ein fester Begriff und neben anderen Verlagen gibt auch Suhrkamp bekannt, in diesem Bereich expandieren zu wollen. Doch ist häufig unklar, wie der Begriff Graphic Novel überhaupt zu verwenden ist. Deshalb die vielleicht etwas unpopuläre Feststellung gleich vorweg: Graphic Novels sind Comics. Aber eben nicht die lustigen, von einem Hauch des Trivialen umgebenen Geschichten von Donald Duck, Asterix und Fix und Foxi, wie man sie noch aus der eigenen Kindheit kennt: meist in Heftchen- oder Albenform erschienen, am Kiosk erstanden und vielleicht verschämt vor Eltern und Lehrern versteckt.

Comics sind eindeutig mehr und – ohne zu sehr in die Theorie einzusteigen – sind sie der Definition nach zuallererst zu Sequenzen angeordnete Einzelbilder, meist mit Text versehen, der in Sprechblasen steht. Ein vollständiges Verständnis der Geschichte nur über den Text bzw. nur über die Bilder ist kaum möglich. Beim Lesen werden die Einzelbilder mit dem Text zu Handlungen und Bewegungen verknüpft, Bild und Text dabei gleichzeitig erfasst. Woher also das neuerwachte Interesse am Comic? Weshalb also der neue Begriff für Altbekanntes oder zumindest Ähnliches? Vermutlich, weil sich die mit dem Begriff Comic verbundenen Vorurteile immer noch hartnäckig halten. Comics werden häufig gleichgesetzt mit lustigen Geschichten, Knollennasen, Disney-Figuren und sprachlicher Schlichtheit.

„Die anderen Comics“

© ReproduktEine wörtliche Übersetzung von Graphic Novel als grafischer Roman geht durch den Verweis auf das Literarische, der beim Begriff Comic eben nicht mitschwingt, in die richtige Richtung. Zu einer trennscharfen Begriffsdefinition führt aber auch das nicht. So bezeichnen die Zeichner selbst zum Beispiel auch Kurzgeschichtensammlungen als Graphic Novels. Man könnte Graphic Novels auch als die anderen Comics charakterisieren. Das Format ist buchähnlich, oft auch im Hardcover, immer sind es mehr Seiten als die im amerikanischen Heftchen- und im frankobelgischen Albenbereich üblichen 22 bzw. 48 Seiten. Meist aus Kostengründen, aber nicht nur deswegen, sind sie in schwarzweiß gehalten.

Einen anderen Weg wählt Eddie Campbell, der Zeichner der Graphic Novel From Hell über die Jack-the-Ripper-Morde Ende des 19. Jahrhunderts in London (dt. bei Cross Cult), in seinem Graphic-Novel-Manifest, in dem er Graphic Novels eher als eine Art (Comic-) Bewegung charakterisiert, der bestimmte Zeichner und Autoren angehören, denn als eine eigenständige Form. In den Graphic Novels wird der Anspruch und in den besonders gelungenen Werken auch die Wirklichkeit von Comics deutlich, mehr als nur ein Genre zu sein, nämlich ein dem Film und der Literatur gleichberechtigtes Medium. Viele der Zeichner und Autoren sind oder waren unzufrieden mit dem allgemeinen Niveau des Mediums. Sie stören sich an der Dominanz der auf den rein wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten „normalen“ Comics, dem Großteil der in den USA erscheinenden Superhelden-Heftchen und den in Frankreich erscheinenden Fantasy- oder Abenteuer-Standardalben, die sich kaum um eine Weiterentwicklung oder auch nur um eine intelligente Ausnutzung der Möglichkeiten des Mediums bemühen.

Größtmögliche Authentizität

© ReproduktDas Anliegen der Zeichner ist es, das Medium Comic auf eine neue Ebene zu heben. Deshalb entstehen die meisten Graphic Novels auch eher aus dem Bedürfnis heraus, Geschichten zu erzählen, als aus marktwirtschaftlichen Erwägungen – und gerade das macht den Reiz dieser Spielart des Mediums Comic aus. Wo beispielsweise beim Film viele Menschen am kreativen Prozess beteiligt sind und bei der belletristischen Literatur ein vergleichsweise großer Verlagsapparat den Entstehungsprozess eines Buches begleitet, ist an der Entwicklung und Gestaltung einer Graphic Novel nur der Autor oder ein Duo aus Autor und Zeichner beteiligt. Weil – zumindest zurzeit – bis auf wenige Ausnahmen kaum Geld mit der Veröffentlichung von Graphic Novels verdient werden kann, lassen sich die Autoren erst gar nicht auf Kompromisse ein und sind stattdessen um größtmögliche Authentizität bemüht.

© Art SpiegelmanDie entscheidenden Unterschiede zu den marktdominierenden Comics liegen zum einen in der Art der Geschichten und zum anderen im Ausnutzen der graphischen Möglichkeiten des Mediums durch verschiedenartige Zeichenstile. In der wahrscheinlich berühmtesten und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Graphic Novel Maus (dt. im S. Fischer Verlag) setzt Art Spiegelman die Holocaust-Erfahrungen seines Vaters und deren Auswirkungen auf das Leben von Vater und Sohn im Medium des Comic um. Spiegelmans spezifische Herangehensweise besteht darin, dass er seine Geschichte mit Hilfe anthropomorpher Tierfiguren erzählt. Juden sind als Mäuse, die Deutschen als Katzen und die französische Ehefrau ist als Frosch dargestellt – eine Herangehensweise, die so wohl nur im Comic vorstellbar ist.

Eine junge Erzähler-Generation

© Edition Moderne & Marjane SatrapiMarjane Satrapi erzählt in der auch als Zeichentrickfilm adaptierten Graphic Novel Persepolis (dt. in zwei Bänden bei Edition Moderne) vom Aufwachsen im Iran nach der Islamischen Revolution. Und der Franko-Kanadier Guy Delisle entführt den Leser mit seinen besonderen Reiseberichten Shenzhen, Pjöngjang oder Aufzeichnungen aus Birma (alle dt. bei Reprodukt) in Länder, von denen man meist nur aus den Nachrichten hört.

Neben diesen beiden Titeln existiert eine Vielzahl weiterer, großartiger Graphic Novels, nicht nur von ausländischen Autoren. Haben deutsche Comic-Autoren wie Anke Feuchtenberger, Martin tom Dieck und ATAK in den 1990er-Jahren wegen ihrer neuartigen zeichnerischen Herangehensweise international wegweisend gewirkt, ist in den letzten Jahren eine Generation junger Autoren und Autorinnen als Erzähler hervorgetreten und findet, analog zum wachsenden Erfolg deutscher Romanautoren, auch im Ausland regen Zuspruch. Beispiele für diese neue Generation deutscher bzw. deutschsprachiger Comic-Erzähler sind zum Beispiel Held, Sag was und Da war mal was (alle dt. bei Carlsen) von Flix, Wir können ja Freunde bleiben von Mawil, Acht, neun, zehn von Arne Bellstorf, Insekt von Sascha Hommer, Liebe schaut weg von Line Hoven (alle dt. bei Reprodukt), Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens von Ulli Lust und Die 6 Schüsse von Philadelphia von Ulrich Scheel (beide dt. avant-verlag).

Neuerwachtes Interesse

© CarlsenDeutlich ist bei den meisten dieser Titel der autobiografische Bezug. So erzählt Flix in seiner ersten Graphic Novel Held gleich sein ganzes Leben von der Geburt bis zum Tod, Mawil berichtet charmant von scheiternden (eigenen) Liebschaften, Arne Bellstorf zeigt das Aufwachsen in einer norddeutschen Kleinstadttristesse und Line Hoven setzt sich in detaillierten und ausdrucksstarken Schabkarton-Bildern mit der Geschichte ihrer deutsch-amerikanischen Familie auseinander. Die Österreicherin Ulli Lust legt die mit 450 Seiten bisher umfangreichste und beeindruckende Graphic Novel vor, in der sie von ihrer eigenen Reise als junge Punkerin in den 1980er-Jahren nach Sizilien und furchtbaren Erfahrungen erzählt. Die meisten der hier vorgestellten deutschen Titel sind als Diplomarbeiten an Hochschulen entstanden, und auch im theoretischen Bereich finden sich vermehrt Diplomarbeiten, Dissertationen und Habilitationsschriften, die sich mit dem Medium Comic beschäftigen.

Comics und Graphic Novels können also sehr wohl interessante, authentische Geschichten für ein anspruchsvolles Publikum erzählen, und vielleicht liegt der Grund für das neuerwachte Interesse zu einem Teil auch in der Tatsache begründet, dass man genau das diesem Medium so nicht zugetraut hat und von der Vielfalt und Einzigartigkeit guter Comics oder Graphic Novels positiv überrascht ist.

© ReproduktWem dieser Artikel Lust auf mehr gemacht hat, der findet weiterführende, aktuelle Informationen auf www.graphic-novel.info, einer Website der Verlage Reprodukt (www.reprodukt.com), Edition Moderne (www.editionmoderne.de), Avant Verlag (www.avant-verlag.de), Edition 52 (www.edition52.de) und Carlsen (www.carlsen.de), die regelmäßig Neuigkeiten und Wissenswertes zum Thema Graphic Novel bietet. Interessante Berichte, Interviews, Comics und Rezensionen lassen sich auch auf den Comicseiten des Berliner Tagesspiegel unter www.tagesspiegel.de/kultur/comics/ finden. Täglich neue autobiografische Tagebuch-Comicstrips von Flix werden auf www.der-flix.de veröffentlicht. Wer sich für englischsprachige Comics interessiert, der wird am Blog www.comicsreporter.com von Tom Spurgeon kaum vorbeikommen. Optisch leider etwas unübersichtlich geraten ist die Website des Comic-Journals www.tcj.com. Das wichtigste Magazin über Comics bietet aber auch online eine kaum zu übertreffende Auswahl an Berichten, Rezensionen und Analysen über Comics und die Comicszene sowie sehr ausführliche Interviews mit Comiczeichnern und -autoren.

Sebastian Oehler
arbeitet seit mehreren Jahren in den unterschiedlichsten Funktionen für verschiedene deutsche Comicverlage.

Copyright: Goethe-Institut e. V., litrix.de
August 2010

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