Comicszene

Grübel, kicher, klatsch – Deutsch lernen mit Comics

Früher galten Comics als minderwertig und sogar gefährlich.  Foto: Stephen Giordano © iStockphotoFrüher galten Comics als minderwertig und sogar gefährlich.  Foto: Stephen Giordano © iStockphotoAls Micky Maus und Donald Duck populär wurden, waren sie unter Deutschlehrern wegen ihrer vulgären und einfachen Sprache verpönt. Heute werden Comics gerade wegen ihrer sprachlichen Besonderheiten im Fremdsprachenunterricht eingesetzt.

Unter dem Titel Comics, Manga & Co. widmet sich das Goethe-Institut in einer Wanderausstellung der neuen deutschen Comic-Kultur. Seit Mai 2010 können Besucher die Werke der Comic-Avantgarde und der Generation jüngerer deutscher Comic-Zeichner bestaunen. Mit der Ausstellung reagiert das Goethe-Institut auf die großen Veränderungen in der deutschen Comicszene seit dem Mauerfall, die nicht zuletzt bekannten ostdeutschen Künstlergruppen zu verdanken ist. Aber nicht nur die Comics selbst haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland verändert, sondern auch ihr gesellschaftliches Image.

Ich bin so unglücklich verliebt, seufz!

Als die ersten Comicübersetzungen in den 1950er-Jahren den deutschen Markt eroberten, lösten sie unter Pädagogen und Bildungsbürgern große Empörung aus. Comics galten als minderwertig und sogar gefährlich, die behandelten Themen als oberflächlich oder obszön und die verwendete Sprache als verarmt und vulgär. Tatsächlich unterscheidet sich gerade die Comicsprache ganz erheblich von der klassischen Literatursprache: Um auf wenig Platz eine Geschichte erzählen zu können, werden hier Bildfolgen mit Text kombiniert. Weil es sich bei dem Text vor allem um Dialoge handelt, wird in den Sprechblasen ein mündlicher Sprachstil verwendet. Und der zeichnet sich nicht nur durch Alltagsbegriffe, sondern auch durch Verkürzungen aus.

Typisch für die Comicsprache sind auch Wortneuschöpfungen durch Lautmalereien und verkürzte Infinitive wie „ächz“, „kratz“ oder „stink“, die nach der berühmten Comicübersetzerin Erika Fuchs auch scherzhaft als Erikative bezeichnet werden. Weitere Informationen werden durch Piktogramme und Formatierungen geliefert: Da stehen zum Beispiel Herzen für Verliebtheit, Glühbirnen für eine plötzliche Erkenntnis und Fragezeichen für Verständnislosigkeit, während eine gezackte Sprechblase der Wut eines Sprechers Ausdruck verleiht.

Sequenzielle Kunst im Deutschunterricht

Typisch für die Comicsprache: Lautmalereien  Foto: © Barbara PolzerHeute ernten Comics aufgrund dieser Besonderheiten eine positive Anerkennung: Sie haben sich unter der Bezeichnung „sequenzielle Kunst“ als eigenständige Kunstform einen Namen gemacht, die stilistisch von Malerei, Fotografie und Video inspiriert ist und von der Politik über die Autobiografie bis hin zur Reportage viele Genres erobert hat. Comics werden heute sogar zur Bildungsvermittlung eingesetzt, zum Beispiel im Fremdsprachenunterricht.

„Die Sprache der Comics ist zwar nicht immer einfacher und für Anfänger im Sprachunterricht geeigneter“, meint Dr. Manuela Beck aus der Abteilung Sprache des Goethe-Instituts, „aber weil Bilder und Wortmalereien darin so eine wichtige Rolle spielen, sind Comics Deutschlernern als Gesamtwerk relativ schnell zugänglich.“ Aber auch weil sie Alltagsthemen aufgreifen und dabei viel kreatives Potenzial bieten, eignen sich Comics in Becks Augen für den Sprachunterricht: „Künstler wie Sascha Homer oder Arne Bellstdorf nehmen auch gerne Alltagsthemen auf, die nah am Erleben der Lernerklientel sind, so dass sich gerade jüngere Lerner gerne mit ihnen beschäftigen.“

Holterdipolter, stöhn, wumm, päng

Comics haben sich heute als eigenständige Kunstform einen Namen gemacht.  Foto: © Goethe Institut e. V.Für den Sprachunterricht haben die Mitarbeiter des Goethe-Instituts deshalb Didaktisierungen entworfen, die teilweise schon im Anfängerunterricht eingesetzt werden können. Das Goethe-Institut Schweden bietet Vorschläge für den Grammatikunterricht mit Comics an, die heruntergeladen werden können. Und in Deutschland haben Frau Beck und ihre Kollegen Unterrichtsmaterial entwickelt, dass auf die Wanderausstellung Bezug nimmt. Darin werden die Lerner zum Beispiel aufgefordert, Assoziationen zu lautmalerischen Wörtern zu sammeln oder sich selbst in der kreativen Übersetzung auszuprobieren.

Die Arbeit mit Comicsprache stellt aber nur eine Möglichkeit des Einsatzes von Comics im Unterricht dar: Comics eignen sich auch besonders gut für Bildbeschreibungen und als Anlass für Erzählungen, denn aus ihnen lassen sich leicht komplexere Vor- und Nachgeschichten entwickeln. Eine andere Möglichkeit ist, eigene Comics zu gestalten oder sich in Rechercheprojekten mit dem Comic als Kunstgenre oder der deutschen Comicszene zu beschäftigen. Und wer dafür schon nicht persönlich die Wanderausstellung im Goethe-Institut besuchen kann, der findet auf der Webseite in zehn verschiedenen Sprachen eine Fülle an Informationen zur neuen deutschen Comicszene.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

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