Comicszene

„Übersetzungen müssen besser werden als das Original!“ – Comic-Übersetzer und das Übersetzen von Comics

Eine Kunstform, die Text und Bild zu einer Einheit verschmilzt, stellt besondere Herausforderungen an die Übersetzer. In welcher Publikationsform sonst wäre der Platz, den der fremdsprachige Text einnehmen darf, genau vorgegeben? Da ist ein gewisser Stolz durchaus angebracht.

Als man den deutschen Manga-Übersetzer Jürgen Seebeck 2008 auf der Frankfurter Buchmesse nach seinem Credo fragte, hat er geantwortet: „Übersetzungen müssen besser werden als das Original! Ob dieses Ziel immer zu erreichen ist, ist natürlich eine ganz andere Frage.“ Trotz der Einschränkung artikuliert sich in dieser Antwort ein Selbstverständnis, das Jürgen Seebeck als Übersetzer von Comics ausweist, denn Kollegen, die auf dem Feld der Literatur tätig sind, würden einen solchen Anspruch kaum erheben: Zu sehr ist ihnen von der Literaturwissenschaft immer wieder verkündet worden, dass in einer fremden Sprache bestenfalls eine Annäherung an den Originaltext möglich wäre.

Eigene Kreativität entfalten

Comic-Übersetzer hingegen treten offensiv auf, weil sie wissen, dass ihre Arbeit im Verhältnis zu Kollegen, die Literatur übertragen, meist gering bewertet wird. Das liegt daran, dass der Comic die Textebene um die des Bildes ergänzt und deshalb an Worten spart, weil das, was sichtbar ist, nicht noch einmal erzählt werden muss. Außerdem hält sich das Vorurteil, dass der Text in Comics gegenüber den Bildern zweitrangig wäre und deshalb auch nicht viel Sorgfalt auf seine Formulierung verwendet werden müsste – geschweige denn auf die Übersetzung. Dass aber gerade in einer Kunstform, die Text und Bild zu einer Einheit verschmilzt, besondere Herausforderungen an den Übersetzer gestellt werden, macht man sich selten bewusst. In welcher Publikationsform wäre denn sonst der Platz, den der fremdsprachige Text einnehmen darf, genau vorgegeben? Bei Comics aber ist das so. Sprechblasen und Textkästen sind vom Zeichner festgelegt und können nicht erweitert oder verkleinert werden, ohne den ästhetischen Gesamteindruck des Bildes zu beeinträchtigen. Und das Gleiche gilt für die Größe des Letterings, also die im Regelfall per Hand von einem Kalligrafen eingesetzten Textpassagen.

Deshalb müssen Comic-Übersetzer eigene Kreativität entfalten, wenn es darum geht, Formulierungen zu finden, die einerseits dem Original inhaltlich entsprechen, andererseits aber auch den Platz ausfüllen, den das Original grafisch vorgibt. In einer Sprache wie dem Deutschen, das gegenüber dem Englischen im Durchschnitt etwa ein Viertel mehr an Text erfordert, um dasselbe auszudrücken, ist das ein Problem, das den Übersetzer zwangsweise zu einem Mitschöpfer macht. Und deshalb ist ein gewisser Stolz durchaus angebracht.

Liebe über Umwege

Nur die wenigsten deutschen Verlage leisten sich festangestellte Übersetzer. Einer der derzeit meistbeschäftigten Übersetzer aus dem Französischen zum Beispiel, Kai Wilkens, ist eigentlich Comic-Importeur. Das Übersetzen ermöglicht ihm die Finanzierung seines Online-Comicladens, aber von Übersetzungen allein könnte er auch nicht leben. Uli Pröfrock, ein regelmäßiger Partner von Wilkens bei umfangreicheren Projekten, ist gleichfalls Comic-Händler. Viele namhafte deutsche Übersetzer haben über Umwege zu ihrer Tätigkeit gefunden. Und über die Liebe zum Comic.

Für die bekannteste aller deutschen Comic-Übersetzerinnen gilt das nicht. Als die 1906 geborene Erika Fuchs 1951 damit begann, Disney-Hefte zu übersetzen, hatte sie zuvor noch nie einen Comic gelesen. Sie suchte in der Nachkriegszeit nach einem Zusatzverdienst für ihre Familie und hatte sich als Übersetzerin für Reader’s Digest beworben, doch es gab nur Bedarf bei dem damals im selben Verlag angesiedelten Micky Maus-Heft. Erika Fuchs willigte ein und übte ihre Tätigkeit für fast ein halbes Jahrhundert aus. Ihre Texte wurden berühmt, weil sie eigene deutsche Namen für viele Figuren erfand (Dagobert Duck für Scrooge McDuck, Panzerknacker für Beagle Boys, Daniel Düsentrieb für Gyro Gearloose) und sich häufig ganz vom Original löste und Anspielungen oder Wortwitze einbaute, die im Amerikanischen nicht zu finden waren.

„Grübel, grübel“, „klimper, klimper“

Außerdem entwickelte Fuchs die Idee, die comictypischen Lautmalereien dadurch zu ergänzen, dass sie etwa Denkvorgänge mit „grübel, grübel“ oder einen Augenaufschlag mit „klimper, klimper“ lesbar werden ließ. Diese Beispiele machten Schule, ja, das Prinzip wurde sogar zum Inbegriff von Comicsprache in Deutschland und trieb bei anderen Textern seltsame Blüten: „freu, freu“ für Begeisterung oder „staun, staun“ für Überraschung. Für diese neue grammatikalische Form führten Bewunderer von Erika Fuchs die Bezeichnung „Erikativ“ ein.

Erika Fuchs bekam im hohen Alter zwei Literaturpreise verliehen, die noch nie an Comictexter gegangen waren (und es seitdem auch nicht mehr sind): den Kölner Heimito-von-Doderer-Preis und den Roswitha-Preis der Stadt Gandersheim. Sie war sich aber auch schon zuvor bewusst, wie hoch ihre Leistung von den Lesern geschätzt wurde. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Gudrun Penndorf, die gemeinsam mit Adolf Kabatek Asterix übersetzt hatte, strengte sie keinen Rechtsstreit an, um an den Erträgen der zahlreichen Nachauflagen beteiligt zu werden. Gudrun Penndorf siegte vor Gericht, bekam danach aber keine Aufträge als Comic-Übersetzerin mehr.

Noch eine dritte Frau muss genannt werden: Gerlinde Althoff, die zahlreiche amerikanische Comics ins Deutsche übersetzte. Sie hat auf diesem Feld dieselbe Bedeutung inne wie Jürgen Seebeck bei den japanischen Manga. Althoff versuchte sich aber auch als Szenaristin, also eigenständige Autorin von Comics, als eine Adaption von Klaus Kordons Jugendbuch Der erste Frühling erarbeitet wurde. Doch dieser Wechsel vom Übersetzen zum Texten ist eine Ausnahme, weil in Deutschland Comicautoren meist schlechter bezahlt werden als Übersetzer, die immerhin feste Honorarsätze pro Seite beziehen. Dafür wirken viele von ihnen im Verborgenen; die genannten Personen sind darin Ausnahmen, dass ihre Arbeit eigenständige Beachtung fand. Das verdankt sich der Qualität ihrer Übersetzungen, die in der Tat den Publikationen gegenüber den Originalsprachen noch eine Nuance hinzugefügt haben. Oder bisweilen auch deutlich mehr.

Andreas Platthaus
arbeitet als Feuilleton-Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion 
Januar 2011

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