Comicszene

Import schlägt Export: Der Comic-Markt in Deutschland

Manga-Ecke in der Dresdner Medien@age | Foto: © Verena Hütter


Asterix und Tim und Struppi, One Piece und Sailor Moon, Maus und The Walking Dead – wer sich aktuelle deutsche Comic- und Manga-Bestsellerlisten anschaut, stellt schnell fest: Der heimische Comicmarkt ist nach wie vor von ausländischen Zeichnern und Autoren dominiert, in erster Linie aus Japan, Frankreich/Belgien und den USA. Zwischen 75 und knapp 100 Prozent liegt der Anteil ausländischer Import-Comics im Programm der wichtigsten deutschen Comicverlage.

„Auch wenn wir immer wieder deutsche Originalproduktionen aufnehmen und diese auch fördern, basiert unser Programm zu 95 Prozent auf Auslandslizenzen“, sagt Alexandra Germann, Programmleiterin bei Egmont-Ehapa in Köln, einem der größten deutschen Comic- und Mangaverlage, bei dem unter anderem Klassiker wie Carl Barks’ Disney-Geschichten, Asterix und Sailor Moon auf Deutsch verlegt werden. Und auch bei Reprodukt, einem auf anspruchsvolle Graphic Novels spezialisierten Berliner Verlag, rechnet Verlagsleiter Dirk Rehm vor, dass „ungefähr drei Viertel“ des Programms aus dem Ausland importiert werden.

Comic-Klassiker und Mangas dominieren den Markt

Ähnlich ist die Bestandsaufnahme bei den anderen deutschen Verlagen – noch. Denn langsam gewinnen neben den ausländischen auch die einheimischen Autoren und Zeichner an Bedeutung. Und zwar sowohl im Bestseller-Bereich Manga, der auf dem deutschen Comicmarkt nach wie vor die höchsten Umsatzzahlen erreicht, als auch bei den Graphic Novels. Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen: Was die Verkaufszahlen angeht, dominieren Comic-Klassiker frankobelgischer und US-amerikanischer Herkunft sowie Manga-Importe nach wie vor den deutschen Markt.

So hat der Hamburger Carlsen-Verlag über die vergangenen Jahre von allen Bänden der Serie Dragon Ball von Akira Toriyama rund acht Millionen Exemplare verkauft, wie Carlsen-Programmleiter Manga Kai-Steffen Schwarz sagt. Und Reihen wie One Piece von Eiichiro Oda und Naruto von Masashi Kishimito kommen immer noch auf jeweils mehr als drei Millionen verkaufte Bände in Deutschland. Davon können zeitgenössische deutsche Autoren auf absehbare Zeit nur träumen.

Rekordzahlen erreichen in Deutschland zudem jene Import-Werke, die schon frühere Generationen von deutschen Lesern erfreuten und sich nach wie vor gut verkaufen. So stehen die Asterix-Väter Albert Uderzo und René Goscinny mit weit über 100 Millionen verkauften Alben bei Egmont-Ehapa an der Spitze, wie Programmleiterin Germann sagt. Und beim Hamburger Carlsen-Verlag führen die Abenteuer von Tim und Struppi des belgischen Comicautors Hergé ungebrochen die Bestseller-Listen an.

Comic-Deutschland, der Importmeister

Aber auch bei diesen beiden Comic-Großverlagen setzt man zunehmend auf deutsche Eigenproduktionen, weil sie das Verlagsspektrum um Inhalte bereichern, die es als Import einfach nicht gibt. So erscheint in diesem Sommer bei Carlsen die erste Graphic Novel zum Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan, geschrieben und gezeichnet von dem Berliner Illustrator Arne Jysch. „Die deutschen Zeichner und Szenaristen sind von großer Bedeutung, um den Comic hierzulande greifbar zu machen und ihm ein Gesicht zu geben“, sagt Egmont-Ehapa-Programmleiterin Germann. Um diese zarte Blüte gegen die Konkurrenz aus dem Ausland zu unterstützen, hat ihr Verlag kürzlich ein Comic-Stipendium für den deutschen Nachwuchs ausgeschrieben, welches mit 5.000 Euro und einer garantierten Veröffentlichung dotiert ist.

Auch beim Manga gehören trotz der nach wie vor starken Dominanz ausländischer Autoren bei den deutschen Verlagen einheimische Zeichner und Autoren zunehmend zum festen Programm – wenngleich sie im Verhältnis zu ihren japanischen Kollegen immer noch eine kleine Minderheit sind. Nach Angaben von Tokyopop-Sprecher Sam Aminfazli stammten von den im Jahr 2011 bei dem Manga-Verlag veröffentlichten 231 Büchern gerade mal fünf von deutschen Autoren und Zeichnern, fast alle übrigen kamen aus Japan. Bei Carlsen liegt der Import-Anteil ähnlich hoch: Unter 200 im Jahr produzierten Bänden sind laut Programmleiter Schwarz lediglich sechs Eigenproduktionen.

Auf absehbare Zeit werden die deutschen Verlage also weiterhin auf Nachschub aus dem Ausland angewiesen sein, um ihr Programm attraktiv zu halten. Und jeder hofft, mit in Deutschland bislang wenig bekannten ausländischen Zeichnern zusätzliche Leser zu gewinnen. Bei Reprodukt zum Beispiel sind dies die Französin Camille Jourdy und der Finne Ville Ranta, deren Arbeiten im Frühjahr 2012 erstmals dem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden.

Bei Egmont-Ehapa setzt man große Hoffnungen auf die bislang in Deutschland noch so gut wie unbekannte Manga-Zeichnerin Tsukiji Nao, den finnischen Disney-Zeichner Kari Kohonen und den Franzosen Alexis Chabert. Und Carlsen hofft, im Bereich Manga vor allem mit zwei Japanern, die für anspruchsvolle Erzählungen bekannt sind, zunehmend Leser auch aus der Graphic-Novel-Anhängerschaft zu gewinnen, nämlich mit Naoki Urasawas Pluto und zwei in diesem Jahr erstmals auf Deutsch erscheinenden Werken von Yoshihiro Tatsumi.

Es zeigt sich: Während Deutschland in gesamtwirtschaftlicher Hinsicht lange den Ruf des Exportweltmeisters hatte, wird es bei Comics und Mangas noch lange zu den Import-Meistern gehören.

Lars von Törne
ist Redakteur des „Tagesspiegels“ in Berlin und betreut dort unter anderem Comicthemen und die Website Tagesspiegel.de/Comics.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2012

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