Comicszene

Politische Karikatur in Deutschland – Schneller, vielfältiger und vom Comic inspiriert

Die politische Karikatur in Deutschland befindet sich im Umbruch – und manch altgedienter Zeichner macht sich Sorgen um die Zukunft der Branche.

Sechs Bilder braucht der Zeichner Klaus Stuttmann, um das ganze politische Drama des umstrittenen Euro-Rettungsschirms zu entfalten. Die von Heinrich Hoffmanns Fliegendem Robert inspirierte Karikatur des in Berlin lebenden Zeichners, die 2011 in zahlreichen deutschen Zeitungen abgedruckt wurde und den ersten Preis des Karikaturenwettbewerbs Rückblende gewann, zeigt beispielhaft zwei wichtige Trendlinien der politischen Karikatur in Deutschland.

Zum einen steht die Arbeit des Zeichners, der zu den wichtigsten Vertretern seiner Zunft gehört, für die in deutschen Tageszeitungen und Zeitschriften ungebrochen populäre Verbindung von Elementen der Sachkarikatur – in diesem Fall zur europäischen Finanzpolitik - mit der personalen Individualkarikatur – in diesem Fall von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zum anderen wird hierbei der satirisch-kommentierende Effekt nicht durch ein Einzelbild erzielt, sondern durch eine sequentielle Episode, die mit der dynamischen Kombination von zusammenhängenden, bunten Einzelbildern, Sprechblasen und Bewegungslinien zentrale Stilmittel des Mediums Comic aufgreift.

Das ist eine Entwicklung, die in der politischen Karikatur Deutschlands gerade in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat, wie Michaela Veith, Koordinatorin des Rückblende-Wettbewerbs, beobachtet hat: „Der Trend geht in Richtung Comic“, sagt sie. „Statt künstlerischer Arbeiten ohne Worte gibt es zunehmend bunte Bildfolgen mit Sprechblasen, die im Graubereich zwischen Comic und Karikatur angesiedelt sind.“ Diesen Trend illustriert auch der zweite Preisträger der aktuellen Rückblende, eine aus einer Bildersequenz bestehende Karikatur von Elias Hauck und Dominik Bauer zu den Folgen der Finanzkrise.

Männliche Domäne


Gut 20 hauptberufliche Karikaturisten, die regelmäßig in Tageszeitungen publizieren und von ihrer Arbeit leben können, gibt es in Deutschland, dazu eine stetig wachsende Zahl von Teilzeit-Zeichnern. Frauen findet man in diesem Gewerbe bis heute so gut wie gar nicht. Zu den wichtigsten tagespolitischen Karikaturisten, die teilweise seit Jahrzehnten das Genre mitgeprägt haben, zählen neben dem 1949 geborenen Stuttmann die Zeichner Horst Haitzinger (Jahrgang 1939), Rainer Hachfeld (Jahrgang 1939), Dieter Hanitzsch (Jahrgang 1933), Reiner Schwalme (Jahrgang 1937) und in den vergangenen Jahren zunehmend auch Thomas Plassmann (Jahrgang 1960) sowie Heiko Sakurai (Jahrgang 1971).

Die meisten Karikaturisten beliefern parallel mehrere Zeitungen, was ihnen in den vergangenen Jahren durch das Internet zunehmend erleichtert wurde. Das hat dazu geführt, dass einige wenige Zeichner sehr viele Zeitungen gleichzeitig bedienen, während es bei anderen kaum zum Broterwerb reicht. Die Konzentrationstendenzen im Tageszeitungsmarkt verstärken diesen Trend noch: Immer mehr Publikationen werden von sogenannten Mantelredaktionen erstellt, die gleichzeitig zahlreiche regionale Zeitungen beliefern – inklusive Karikaturen.

Neue Generation und (beunruhigende) Trends

Während manche hierin eine beunruhigende Monopolisierung und Konzentration des Marktes sehen, betonen andere eher die positive Entwicklung der politischen Karikatur in Deutschland: „Es wird bunter und vielfältiger, was Formen und Farben betrifft“, hat Michaela Veith beobachtet. Klassische Karikaturen, die einen politischen Akteur lediglich in überzeichneter Weise porträtieren oder einen aktuellen Sachverhalt in einer einzelnen Schwarz-Weiß-Zeichnung aufspießen, werden seltener. Während die Veteranen der Profession wie Luis Murschetz oder Gustav Peichl alias Ironimus sich aus dem aktuellen Geschäft zurückziehen, wächst eine neue Generation heran, die offener für formale Experimente ist, hat Veith festgestellt.

Das hat auch mit der technischen Entwicklung zu tun: Immer mehr Zeichner arbeiten direkt am Computer. Und für immer mehr ist es lediglich ein Nebenjob – mit nicht nur positiven Nebeneffekten, wie Otto Wolf kritisiert, Koordinator des Deutschen Preises für die politische Karikatur (Die Spitze Feder): „Es werden heutzutage nicht mehr so große Anforderungen an die zeichnerische Qualität gestellt wie früher.“ Während Zeichner voriger Generationen wie der 2009 gestorbene Paul Flora oft Tage für eine künstlerisch ausgereifte Arbeit zur Verfügung gehabt hätten, müssen heutige Karikaturisten, die zunehmend auch im Internet publizieren, angesichts des immer schneller werden Nachrichtendurchflusses öfter und kurzfristiger liefern. “

Und noch einen wichtigen Trend diagnostiziert Wolf: Zwar sind bei der Tageszeitungs-Karikatur aktuelle politische Themen nach wie vor das Kerngeschäft der Karikaturisten. Bei den deutschen Zeitschriften hingegen, die früher ebenfalls regelmäßig politische Karikaturen abdruckten, sei ein anderer Trend spürbar: „Dort werden politische Arbeiten zunehmend durch unpolitische Cartoons ersetzt, die primär unterhalten sollen und weniger ironisch-analytisch sind.“

Auch wenn in den vergangenen Jahren immer wieder neue Zeichner nachgewachsen sind, machen sich altgediente Karikaturisten wie Klaus Stuttmann zunehmend Sorgen um die Zukunft ihrer Profession. „Wenn man das Auge über die Häupter der Kollegen schweifen lässt, sieht man eigentlich nur die Farbe Weiß“, sagt er über die aus seiner Sicht beunruhigende Überalterung der Zunft. Unter den Preisträgern der wichtigsten Auszeichnungen für politische Karikaturen finden sich allerdings zunehmend auch Namen jüngerer Zeichner. So gewann die Spitze Feder 2012 der 1970 geborene Zeichner Piero Masztalerz. Und das Zeichnerduo Hauck & Bauer, das den zweiten Preis des jüngsten Rückblende-Wettbewerbs gewann, ist Jahrgang 1978.

Lars von Törne
ist Redakteur des Tagesspiegels in Berlin und betreut dort unter anderem Comicthemen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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