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Viereinhalb Fragen an: Andy Fischli

Seine Wesen haben keine Augen oder einen Tierkopf, und seine Comics enthüllen skurrile Welten mit aberwitzigem Humor. Andy Fischli, 1973 geboren in Glarus (Schweiz), ist Illustrator und Comiczeichner. Er lebt in Zürich.

Dem britischen Magazin „Economist“ zufolge gilt Zürich als teuerste Stadt der Welt. Spürst du das als freischaffender Illustrator und Zeichner?

Ich spüre, dass Zürich eine sehr teure Stadt ist, ja. Vor allem die Mieten für Wohnungen und Ateliers sind horrend. Für Leute mit kleinem Budget ist das schwierig hier. Da ich nicht allzu oft in anderen europäischen Städten bin, habe ich aber keinen direkten Vergleich. Außer vielleicht mit Berlin. Und dort ist vieles tatsächlich um einiges günstiger. Aber das Leben ist auch nicht billiger in anderen Schweizer Städten. Nur auf dem Land, da gibt's einen Kaffee noch für 3,50 Franken.

Du zeichnest skurrile, zuweilen melancholische, meist hintergründige Alltagsgeschichten. Wie arbeitest du?

Andy Fischli: Coverbild von Comicanthologie Ausgezeichnet!, 2012Die besten Geschichten entstehen, wenn sie mich emotional berühren oder aufwühlen. Dann ist es für mich am angenehmsten zu arbeiten, weil ich keinem Kunden gerecht werden muss. Oft genügen ein Satz oder eine kurze Episode, um daraus eine Geschichte zu entwickeln. Manches ist auch autobiografisch, wobei ich dies zu kaschieren versuche. Die Fiktion ist mir sehr wichtig. Ich baue gern aus verschiedenen Versatzstücken Storys zusammen. Schöne Geschichten kommen ohne grandiosen Plot aus.

Am Anfang meiner Arbeit steht der Text. Wenn der steht, mache ich mich an die Skizzen - mit Papier und Bleistift. Dann scanne ich die Zeichnungen. Für das Layout mit Text und Bild arbeite ich mit Indesign. Danach drucke ich das Ganze aus und fertige die Tuschzeichnung an. Die scanne ich wiederum für das Lettering ein, für die Farbe arbeite ich mit Photoshop. Ich habe drei von mir gezeichnete und digitalisierte Schriften. Das ist sehr entlastend.

Zum Zeichnen gehören Talent und Handwerk. Was ist wichtiger?

Andy Fischli: Zeichnung aus Comicanthologie Ausgezeichnet!, 2012Wichtig ist der Wille, etwas Eigenes zu schaffen. Und die Freude an der Arbeit. Talent allein genügt nicht. Aber das Handwerk kann man mit Disziplin erlernen. Ich gehe mit einfacher Leidenschaft ans Werk und versuche, so wenig Kompromisse zu machen wie möglich - was gar nicht so einfach ist in der Schweiz, weil die Menschen hier sehr zur kulturellen Gleichmacherei neigen.


Ein Markenzeichen von dir sind die düsteren „Dreiaugen“-Porträtzeichnungen. Diese Wesen haben weder Nase noch Mund, sondern nur drei weiße Kreise im Gesicht stehen. Wie kam es dazu?

Dreiaugenfigur von Andy Fischli, 2007Ich sollte für eine Designmesse zwei Bilder zeichnen. Weil ich den Auftrag sehr kurzfristig bekam, hatte ich am Ende schlicht keine Zeit mehr, um die Gesichter auszuarbeiten. Zwei Augen hatte ich bereits grob skizziert, das Dritte kam dann irgendwie dazu. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern purer Zufall.
Seitdem experimentiere ich damit herum, und es sind diverse Geschichten und Bilder entstanden.


Welches sind die drei schweizerdeutschen Worte, die jeder kennen sollte?

Chuchichätschli (Küchenschrank), Zigerschlitz (Kanton Glarus), Chääs-Chüächli (Käsekuchen).

Rieke Harmsen führte das Interview.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2012
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