Institutionen

Alma Mater Comicensis – Comicforschung in Deutschland

Dissertationen und wissenschaftliche Arbeiten zu Comics, Cartoons oder Graphic Novels sind in Deutschland eher eine Seltenheit, denn das Genre wurde bislang nur wenig erforscht. Etabliert hat sich die wissenschaftliche Forschung an den Hochschulen erst in jüngster Zeit. Von einem zentralen Comiczentrum ist das Land jedoch noch weit entfernt.

Ausstellungsplakat Comic-KunstDie Anfänge der Comicforschung in Deutschland gehen zurück auf die Initiative einer kleinen Gruppe von comicbegeisterten Spezialisten. Im Jahr 2004 organisierte der Professor der Kunstdidaktik Dietrich Grünewald mit seinen Studenten die Ausstellung Comic-Kunst im Mittelrhein-Museum in Koblenz. Die Schau präsentierte Blätter von über 130 Comiczeichnern und Illustratoren – und war so mutig, einen großen Bogen zu schlagen und neben Kindercomics auch Druckgrafiken von Käthe Kollwitz, Gebrauchsgrafiken von Carl Meffert aka Clément Moreau, Illustrationen von Warja Lavater oder Plakate von Hans Georg Hillmann zu zeigen.

Grünewald organisierte eine erste Konferenz, weil er Mitstreiter für die Erforschung der Geschichte der Comics vor 1945 suchte. Ein Jahr später, am 11. Februar 2005, wurde die „Gesellschaft für Comicforschung“ (ComFor) als Einrichtung des Instituts für Kunstwissenschaft der Universität Koblenz-Landau gegründet. Mitglieder waren neben Dietrich Grünewald auch die Germanistikprofessoren Günter Dammann und Bernd Dolle-Weinkauff sowie die Journalisten Martin Frenzel, Ralf Palandt und Heiner Jahncke, der Zeichner Burkhard Ihme und der Verleger Eckart Sackmann. Wie es in der Satzung festgelegt wurde, machte sich die Gesellschaft zur Aufgabe, die „wissenschaftliche Erforschung des Comic im deutschsprachigen Raum zu fördern und zu vernetzen“.

„Wenig zufriedenstellende Forschungslandschaft“

Jahrbuch Deutsche ComicforschungNeben der Publikation von wissenschaftlichen Texten organisiert die Gesellschaft einmal jährlich eine Fachtagung – wie etwa 2009 in Köln zum Thema „Erzählen im Comic“. Das Jahrbuch Deutsche Comicforschung, das ursprünglich als Organ der Gesellschaft gedacht war, wird inzwischen von Eckart Sackmann alleine herausgegeben. Sackmann hatte sich 2010 von der Gesellschaft getrennt, unter anderem weil er der Ansicht war, dass die Forschung über Comics aus Deutschland zu kurz komme.

Sackmann empfindet die deutsche Forschungslandschaft zum Thema Comics bis heute als „wenig zufriedenstellend“. Die akademische Arbeit an den Universitäten sei „wenig brauchbar“ für die deutsche Comicgeschichte, denn wer Grundlagenforschung zur Comicgeschichte betreibe, müsse sich jenseits von Universitätsbibliotheken und Internetrecherchen bewegen. Viel wichtiger sei es, sich auf Comicbörsen zu tummeln und mit Verlegern, Herausgebern und Machern zu sprechen. „Ein Comicforscher ergeht sich nicht über das allseits Bekannte; er ist immer Entdecker des Unbekannten“ findet Sackmann.

„Eine institutionalisierte Comicforschung gibt es in Deutschland leider nicht“, meint auch Dietrich Grünewald. Allerdings gebe es immer mehr Wissenschaftler, die sich aus persönlichem Interesse diesem Bereich widmeten – darunter Kunstwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Soziologen, Psychologen oder Historiker. Grünewald betrachtet es als Manko, dass sich die meisten Forschungsprojekte und Tagungen mit sehr speziellen Themen beschäftigen: Mal geht es um die Ästhetik des Comics, dann um die Rezeption, mal um inhaltliche Schwerpunkte wie Holocaust oder deutsche Geschichte, dann wieder um formale Ähnlichkeiten oder Comic-Adaptionen. Ginge es nach Grünewald, müsste sich die wissenschaftliche Forschung mehr auf die allgemeine Erforschung des Genres und seiner Eigenheiten einlassen.

Es tut sich was an den Hochschulen

Arbeitsstelle für Graphische LiteraturNach Ansicht von Professorin Astrid Böger, die die Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Hamburg leitet, werden Comics immerhin inzwischen als ernst zu nehmendes Medium wahrgenommen. Eine deutsche Comicforschung in „Reinform“ werde es aber so bald nicht geben, so Böger, weil der Comicmarkt in Deutschland noch viel zu stark von US-amerikanischen und franko-belgischen Comics dominiert werde. Einzig im Bereich Graphic Novels gebe es eine „kulturelle Diversifizierung“, die eine differenzierte Betrachtung lohne. Um die Forschung im Bereich Comic anzukurbeln, hat die Universität Hamburg einen Preis ausgelobt: Alle zwei Jahre wird der Roland-Faelske-Preis vergeben für die beste Abschlussarbeit und die beste Dissertation im Bereich Comic und Animationsfilm.

Gesellschaft für MedienwissenschaftAn der Ruhr-Universität Bochum wurde im Oktober 2013 innerhalb der Gesellschaft für Medienwissenschaft die AG Comicforschung gegründet mit dem Ziel, die medienwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Forschungsgegenstand zu fördern. „Uns geht es um die Förderung, Bündelung und Vernetzung comicbezogener Forschungsarbeit“, erklärt die AG-Leiterin Véronique Sina von der Universität Bochum. Zusammen mit ihrem Bochumer Kollegen Hans-Joachim Backe sowie Stephan Packard und Andreas Rauscher von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz sollen regelmäßige Treffen und Tagungen organisiert werden. Wie dies aussehen kann, wurde bei einer Tagung im November 2013 in Erlangen deutlich, bei der knapp 40 Experten über ihre Forschungen zum Thema „Comics und Naturwissenschaft“ berichteten.

Wohin geht die Reise?

Dietrich Grünewald hofft, dass sich künftig bei aller Interdisziplinarität des Comics als hybrider Kunst eine eigene „wissenschaftliche Methodik entwickelt“. Als Beispiele dafür nennt er die Analyse von Ästhetik und Erzählstruktur, von Gestaltung, dem Verhältnis zwischen Form und Inhalt und spezifischen Leseanforderungen. Auch Astrid Böger wünscht sich, dass das „methodische Feld noch erweitert“ wird. Sie selbst hat inzwischen damit begonnen, Comicgeschichten auf erzähltheoretische Aspekte hin zu untersuchen, um eine „transmediale Narratologie“ zu entwickeln.

Wie groß die Hoffnungen der Comicszene auf Anerkennung sind, wurde auch deutlich, als im September 2013 knapp hundert Comiczeichner, Verleger, Medienschaffende und Wissenschaftler auf dem Berliner Literaturfestival ein „Comic-Manifest“ publizierten, in dem sie die Gründung eines „deutschen Comicinstitutes“ forderten. Niemand bezweifle mehr, dass der Comic eine eigenständige Kunstform sei, der ein gleichberechtigter Platz neben Literatur, Theater, Film oder Oper zustehe, hieß es in dem Papier. „Noch immer fehlt eine eigene Comicprofessur in Deutschland, noch immer fehlt eine Institution, die als zentrale Anlaufstelle und kommunikative Begegnungsstätte mit europäischer Ausstrahlung für alle Protagonisten des Mediums dienen kann“, beklagten die Verfasser in dem Manifest. Deshalb müsse der Comic dieselbe Anerkennung erfahren wie andere Künste – und staatlich gefördert werden.

Bis sich die Wissenschaftler in den Lesesaal oder ins Archiv eines deutschen Comiczentrums setzen können, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Tatsächlich wäre eine solche Einrichtung wünschenswert, nicht nur, weil es bislang keinen adäquaten zentralen Ort für bestehende Comic-Sammlungen und Nachlässe aus dem deutschsprachigen Raum gibt. In dem Zentrum könnte die Literatur gebündelt, Tagungen und Ausstellungen organisiert – und eben auch wissenschaftlich Arbeit vorangetrieben werden.

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2013

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