Institutionen

Comic-Stipendien – Austausch in Sprechblasen

Max Baitinger arbeitete in Helsinki; © Sarjakuvakeskus Helsinki


Residenz-Programme und Stipendien für Comic-Zeichner schaffen Freiräume für kreatives Arbeiten oder fördern die Begegnung. Ein Überblick über Initiativen mit Beteiligung deutschsprachiger Länder.

Das diffuse Licht in Finnland hat es Max Baitinger angetan: „Es unterscheidet sich kaum von meinen gewohnten Lichtverhältnissen in Leipzig, und doch hat es mich überrascht: Ich hatte das Gefühl, dass es immer Nachmittag war“, sagt der Comic-Zeichner. Einen Monat lang verbrachte Baitinger in einer Künstler-Residenz auf der finnischen Insel Suomenlinna. Finanziert wurde der Aufenthalt über das Programm Cune – Comics-in-Residence Artists. Das Stipendienprogramm des finnischen Comic-Zentrums in Helsinki ist auf den europäischen Raum ausgerichtet. Neben Finnland beteiligen sich auch Deutschland, Litauen, Lettland, Norwegen, Dänemark, Polen, die Niederlande und Russland. Max Baitinger durfte einen Monat lang auf der Insel leben. Endlich blieb ihm genügend Zeit, um sein Buchprojekt Röhner voranzutreiben. Die Abgeschiedenheit hatte den Nebeneffekt, dass er seine Arbeitsweise änderte: „Ich habe dort begonnen, meine Arbeiten zu bloggen“, erzählt der Zeichner.

Die Liste der Zeichner, die mit dem Cune-Programm ins Ausland gereist sind, liest sich fast wie ein Whoʼs Who der aktuellen Comic-Szene: Neben Max Baitinger war Marijpol aus Deutschland in Helsinki – ebenso wie die Franzosen Julie Delporte und Aurélie Grand; Berliac aus Buenos Aires zeichnete in Riga, die Finnin Jaana Suorsa in Malmö.

Weltweite Begegnungen über die Goethe-Institute

In der internationalen Comic-Szene spielt das Goethe-Institut eine wichtige Rolle: Viele Institute im Ausland setzen Stipendien- und Austauschprojekte um, die Zentrale in München organisiert Wanderausstellungen und unterstützt die Szene mit einem eigenen Comic-Portal im Internet. Die Vorteile des Mediums erklärt Joachim Bernauer von der Abteilung Kultur des Goethe-Instituts: „Comics und Graphic Novels sind einfacher zu rezipieren als ein tausendseitiger Roman.“ Vielen Menschen im Ausland fehle es an den nötigen Sprachkenntnissen, um deutsche Literatur im Original zu lesen. „Das baut Berührungsängste ab.“ Mit Comics lasse sich ein größeres Publikum erreichen.

Das Goethe-Institut Porto Alegre in Brasilien lud zum Beispiel 2012 zum Austauschprogramm Osmose ein: Drei brasilianische Comic-Künstler reisten nach Deutschland, drei deutsche Zeichner erkundeten Brasilien. In Blogs berichteten die Künstler von ihren Erfahrungen: João Montanaro skizzierte eine hübsche Fahrradfahrerin in München, Paula Mastroberti zeichnete in Berlin einen Geschäftsmann mit grünem Haar, Birgit Weyhe aquarellierte in São Paolo farbenfroh die Märkte.

Beim Projekt Comic-Transfer des Goethe-Instituts Lyon trafen sich Comic-Autoren aus Belgien, Frankreich, Italien, dem Libanon, Marokko, Portugal, Spanien und Deutschland. Zum Abschluss wurden ihre Arbeiten in einer Wanderausstellung präsentiert und in einem Katalog veröffentlicht. Ungewöhnlich war ein Projekt in Finnland: Die deutschen Zeichnerinnen Anna Haifisch und Birgit Weyhe arbeiteten 2014 zwei Monate mit Bewohnern von zwei Seniorenresidenzen in Helsinki und teilten ihre Erfahrungen in einem Blog. Einen politischen Hintergrund hatte das Projekt Europa in der Sprechblase, das 2014 aus Anlass des 50. Jahrestags der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags zwischen Deutschland und Frankreich organisiert wurde. Manuele Fior, Emmanuel Guibert und Anke Feuchtenberger zeichneten Comic-Reportagen über Streiks und Sparmaßnahmen, Proteste und politisches Engagement.

Auch in Asien fördert das Goethe-Institut die Comic-Kunst. Auf dem Portal Comicconnexions werden Comics, Cartoons, Mangas und Graphic Novels aus Deutschland, den Philippinen, Vietnam, Singapur und Indonesien vorgestellt.

Comic-Stipendien in der Schweiz

Die Deutschschweizer Städte Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich schreiben einmal im Jahr gemeinsam ein Comic-Stipendium aus, das klassische und experimentelle Formen fördert. 2015 ging das Hauptstipendium in Höhe von 30.000 Schweizer Franken an Matthias Gnehm. Der renommierte Züricher Comic-Künstler arbeitete mit den Mitteln aus dem Stipendium an seinem komplexen Buchprojekt Salzhunger. Die Arbeit an solchen anspruchsvollen Erwachsenen-Comics dauert meist mehrere Jahre. Mit dem Stipendium konnte Gnehm sein Projekt vorantreiben.

Weniger um die Förderung von Einzelarbeiten als um den Austausch zwischen Zeichnern und Illustratoren ging es bei einem Projekt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Sie lud 19 Comic-Künstler ein, die Metropolen Zürich und Neu-Delhi zu erkunden und die dabei gemachten Erfahrungen aufzuzeichnen. „Wir wollten mit diesen Autoren-Comics ein natürliches Gespräch zwischen zwei entfernten Städten simulieren“, erklärt Organisator Anindya Roy das Projekt. Die Bildgeschichten wurden danach gemeinsam vom indischen Verlag Phantomville und der Zürcher Edition Moderne in der Comic-Anthologie „When Kulbhushan met Stöckli“ publiziert.

Kleinere Projekte und Initiativen

Neben den großen Stiftungen und Programmen gibt es im deutschsprachigen Raum auch kleine Initiativen, die Stipendienprogramme für Comic-Zeichnerinnen und Zeichner anbieten. Christine Kriegerowski war schon sechs Mal im Künstlerdorf Schöppingen eingeladen. Die Berliner Zeichnerin empfand die Zeit in dem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen als „unglaublich effektiv“. Gemeinsam mit den Autoren Gili Ben-Zvi und Karl Heinz Jeron entwickelte sie das Buch „Atomreligion-Edutainment-Comic-Katechismus“, mit dem auf die Gefahren von Atommüll hingewiesen werden soll.

Comic-Künstler fördert auch die Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Der indonesische Künstler Popok Tri Wahyudi beschäftigte sich bei seinem Besuch mit dem Wesen interdisziplinärer Arbeit zwischen Künstlern. Seine Graphic Novel The Light House erschien 2009 in der Edition Solitude. Nach Stuttgart kam auch der indische Künstler Sarnath Banerjee, dessen Graphic Novels die gesellschaftlichen Verhältnisse in Indien hinterfragen. Banerjee schreibt und berichtet über Bestechung und Korruption, Nationalismus und Bürokratie.

In Österreich lädt das Atelierhaus Salzamt regelmäßig Comic-Zeichner nach Linz ein. In den Atelierwohnungen an der Donau können insgesamt fünf Künstler leben und arbeiten. Die Werke, die während der drei- bis sechsmonatigen Aufenthalte entstehen, werden auf dem Nextcomic-Festival präsentiert. Stipendien bekamen bislang unter anderem die italienische Cartoonistin und Illustratorin Bianca Bagnarelli oder die deutschen Comic-Künstlerinnen Theresa Lettner und Ludmilla Bartscht und Nils Oskamp.
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

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Goethe-Institut, Rieke C. Harmsen. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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Februar 2016

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