Institutionen

Vereine und Organisationen

Cover 'Comicaze', Ausgabe 24
Copyright: ComicazeTreffen sich zwei Deutsche, gründen sie einen Verein; treffen sich drei, gründen sie einen Verband. Wie so oft steckt auch in diesem alten Witz ein Körnchen Wahrheit: In Deutschland gibt es über 500.000 Vereine, die sich für die Interessen ihrer Mitglieder stark machen. Da ist es nur verständlich, dass auch die deutsche Comic-Szene organisiert ist.

Interessenverband Comic e.V. ICOM

Der bekannteste Comic-Verein in Deutschland hatte seinen Ursprung in einem Wohnzimmer: Am 25. Oktober 1980 lud das Ehepaar Ruth und Eddy Brons Comiczeichner und Autoren im Anschluss an die Kölner Comicbörse zu sich nach Hause ein, um über die Arbeitssituation von Zeichnern, Textern und Verlagen zu diskutieren. Aus dem Erfahrungsaustausch, der in den folgenden Jahren in Erlangen fortgeführt wurde, entstand der Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V., der 1993 in Interessenverband Comic e.V. ICOM umbenannt wurde.

Sigurd-Piccoloheft Nr. 325
Copyright: 2008 Hansrudi Wäscher / becker-illustrators

Zunächst organisierten die Mitglieder regelmäßig Treffen und Comic-Ausstellungen. Zusammen mit dem Kulturreferat der Stadt Erlangen riefen sie 1984 den 1. Internationalen Comic-Salon Erlangen ins Leben. Heute versteht sich der Verein, der von der Presse zunächst spöttisch als „Kritzler-Gewerkschaft“ bezeichnet wurde, als zentrales Sprachrohr der Comic-Szene. Er vertritt über 300 Zeichner, Illustratoren, Filmer und Texter.

Einmal im Jahr verleiht der Verein den in sechs Kategorien ausgelobten ICOM Independent Comic Preis an einen Comic-Künstler, dessen Publikationen in unabhängigen Verlagen erscheinen. Das vom ICOM herausgegebene COMIC!-Jahrbuch vermittelt einen Überblick über die Trends der Comic-Szene, außerdem publiziert der Verein einen Ratgeber mit Tipps und Informationen zu Honoraren, Urheberrechten und Verträgen und informiert Mitglieder und Comicfans auf seinen Internetseiten über aktuelle Termine und Neuigkeiten.

Gesellschaft für Comicforschung (COMFOR)

Bester Independent Comic 2008:
'Liebe schaut weg' von Line Hoven (Reprodukt)Dass Comics in Deutschland inzwischen als ernstzunehmende Gattung gelten, belegt die Arbeit der Gesellschaft für Comicforschung (COMFOR). Die Einrichtung des Instituts für Kunstwissenschaft der Universität Koblenz-Landau besteht seit 2005 und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die „Comicforschung im deutschsprachigen Raum zu fördern und zu vernetzen“. Einmal pro Jahr findet eine Tagung statt, bei der beispielsweise über Comics während des Nationalsozialismus, Frauen und Comics oder den Einfluss von Mangas auf Europa diskutiert wird.

Seit 2004 publiziert Herausgeber Eckart Sackmann zudem ein Jahrbuch Deutsche Comicforschung mit wissenschaftlichen Beiträgen von Japanologen, Sprachwissenschaftlern, Kunsthistorikern oder Soziologen. Auf ihren Internetseiten bietet die Gesellschaft ein Verzeichnis der wissenschaftlichen Arbeiten und Dissertationen zum Thema Comics, ein mehrsprachiges Wörterbuch mit literaturwissenschaftlichen Comic-Fachbegriffen sowie grundlegende Artikel zur Comicforschung zum Herunterladen an.

Institut für Jugendbuchforschung

Eine Fundgrube für Comic-Forscher ist das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. In dem Archiv befinden sich über 50.000 Bücher, Comic-Hefte und Publikationen aus dem deutschsprachigen Raum. Die Bestände des Instituts stammen aus einer Zeit, an die sich viele Comicfans nur ungern erinnern. Denn nachdem 1954 die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gegründet worden war, kam es überall in Deutschland zu spektakulären Aktionen, bei denen Jugendliche ihre „Comic-Schundhefte“ gegen sogenannte „gute Literatur“ tauschen sollten. Das Deutsche Jugendschriftenwerk (DJW) in Mainz wusste bald nicht mehr wohin mit dem Material – und übergab 1963 dem frisch gegründeten Institut für Jugendbuchforschung die Comics schließlich zu Studienzwecken. Heute wird die Institutsbibliothek auf dem Campus Westend von Verlagen mit Belegexemplaren bestückt und bekommt Stiftungen von Privatsammlern, Unternehmen oder anderen öffentlichen Dokumentationsstellen.

Berliner Comicbibliothek Renate

Außenansicht 'Comicibliothek Renate'
Copyright: Comicbibliothek RenateWeniger um die Forschung als um die pure Lust am Lesen geht es der Berliner Comicbibliothek Renate in Berlin. In dem mit Graffiti besprühten Haus können Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus über 15.000 Comic-Titeln wählen. Für den Schulunterricht können sich Lehrer in der Bibliothek Klassensätze mit pädagogischen Arbeitsheften ausleihen, für Kinder gibt es Comic-Workshops und für Erwachsene Vorträge und Filmabende zu Spezielthemen wie „Jüdisches Leben im Comic“ oder „Hip-Hop im Comic“.

Comicaze

Bewusst auf regionaler Ebene engagiert sich der 1996 in München gegründete Verein Comicaze. Er möchte junge Zeichner und die lokale Comic-Szene fördern. Die Mitglieder publizieren jedes Jahr zwei bis drei Comic-Magazine, die kostenlos in Kneipen ausliegen und beim monatlichen Stammtisch-Treffen verteilt werden. Das Magazin präsentiert junge Nachwuchs-Zeichner ebenso wie etablierte Künstler, darunter etwa Uli Oesterle, Thomas von Kummant oder Gerhard Schlegel.

Incos – Interessengemeinschaft Comic Strip

Aus einer Fanbewegung für Science-Fiction-Comics entstand der 1970 gegründete Incos – Interessengemeinschaft Comic Strip e. V. in Berlin. Heute beschäftigen sich die rund 100 Vereinsmitglieder vor allem mit deutschen Comic-Serien der Nachkriegszeit. In Zusammenarbeit mit Verlagen werden seltene Hefte wie beispielsweise das Sigurd-Piccoloheft Nr. 325 von Hansrudi Wäscher mit dem Titel Schicksalhafte Begegnung nachgedruckt. Außerdem organisiert der Verein Sammlerbörsen und Clubabende.

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009

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