Comics in …

Comics und Provinz

Im avant-Verlag erschienen 2012 gleich zwei Comic-Bücher, die sich in der deutschen Provinz abspielen. In Hühner, Porno, Schlägerei erzählt Sophia Martineck anrüchige Geschichten aus dem Dorf Niederböhna. Das Dorf ist erfunden, doch die Erzählungen basieren auf wahren Begebenheiten. Paula Bullings Im Land der Frühaufsteher berichtet von afrikanischen Flüchtlingen, die in Asylbewerberheimen an den Rändern von ostdeutschen Dörfern leben müssen.

Sophia Martineck: Hühner, Porno, Schlägerei. avant-Verlag
Diashow

Gemeinschaften auf dem Dorf sind oft in sich geschlossen. Wer nicht hinein geboren wurde oder nicht den richtigen Zungenschlag hat, wird schnell als Fremder erkannt. Man hält etwas auf sich und die geordneten Verhältnisse – und wenigstens in der eigenen Vorstellung lebt man hier im Einklang mit sich, seinen Nächsten und der Natur. Einen Blick auf die dunklen Seiten der vermeintlichen Idylle wirft Sophia Martineck in Hühner, Porno, Schlägerei. Die frische Landluft ist in ihrem Comic-Debüt deutlich vom Gestank der Putenmastfabrik überlagert.

„Jedes deutsche Dorf könnte Niederböhna sein“

Sophia Martineck: Hühner, Porno, Schlägerei. avant-Verlag, 2012Aus Lokalzeitungsmeldungen hat sie das fiktive Dorf Niederböhna auferstehen lassen. Und es ist doch erstaunlich, was trotz der gegenseitigen nachbarlichen Kontrolle im Dorf so möglich ist und welche Gerüchte kursieren. Das soziale Engagement der Landfrauen ist sicherlich löblich, aber ist es vielleicht eine von ihnen, die zu Hause ihren Mann verprügelt? Und stimmt das Gerücht um Eisners Kellerraum, in dem angeblich Sexpartys gefeiert werden? Als sicher kann dagegen gelten, dass ein Feuerwehrmann aus Frust über langweilige Einsätze das verheerende Feuer selbst legte. Warum Erik Herzog zunächst seine ganze Familie und dann sich selbst umbrachte, kann indes niemand erklären.

Setzt Sophia Martineck ihrem Dorf erzählerisch doch ziemlich zu, nimmt ihr naiv-realistischer Zeichenstil viel von der Drastik der geschilderten Geschehnisse. Eine gewisse Grundsympathie für die beschriebenen Personen scheint Martineck durchaus zu besitzen. Das Leben als Zugezogene auf dem Land hat sie ab dem Alter von 14 Jahren am eigenen Leib erfahren dürfen. Es ist eine distanzierte Position, die Martineck einnimmt. Mit einer zum fröhlichen Sarkasmus neigenden Neugier nähert sie sich dem Geschehen bevorzugt aus der Vogelperspektive. In kurzen Episoden bringt sie dem Leser das Glück und das Grauen einer Gemeinschaft mit beschränkten ökonomischen Mitteln näher, in der alle einander irgendwie kennen. Die nachträglich am Computer zurückhaltend kolorierten Bilder vermitteln in ihrer Überschaubarkeit den Eindruck von Enge und Tristesse. Dieser entfliehen junge Menschen – wie die Künstlerin selbst – alsbald in Richtung Stadt.

„Das Land der Frühaufsteher“

Paula Bullig: Im Land der Frühaufsteher. avant-Verlag, 2012Nicht frei bewegen können sich dagegen diejenigen Menschen, die als Asylsuchende an den Rändern solcher Dörfer kaserniert werden. Im Land der Frühaufsteher hat Paula Bulling – frei nach dem Werbeslogan „Das Land der Frühaufsteher“ des Bundeslandes Sachsen-Anhalt – ihre auf realen Erlebnissen beruhende Graphic Novel genannt, in der sie dem Schicksal von afrikanischen Flüchtlingen in dem ostdeutschen Bundesland nachspürt. Von dörflicher Gemütlichkeit kann hier keine Rede sein, die abgelegenen Sammelunterkünfte besitzen vielmehr den Charme von Gefängnissen. Diese in keiner Sekunde idyllisch, sondern eher bedrohlich wirkende Abgeschiedenheit und die so genannte Residenzpflicht verbieten es den dort zum Nichtstun Verurteilten, sich mit Freunden und Verwandten zu treffen oder ihren Aufenthaltsort selbst zu bestimmen.

Anders als Sophia Martineck nimmt Paula Bulling eine teilnehmende Perspektive ein, immer wieder versucht sie, ihre Position als einheimische Autorin zu reflektieren. Ihr geht es vor allem um die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland und um die Frage, ob sie als eine Außenstehende für die Flüchtlinge sprechen darf. Bei ihrer Recherchearbeit besuchte die Künstlerin verschiedene Asylsuchende, porträtierte sie und wohnte sogar einer Demonstration gegen die Residenzpflicht bei.

Ihr schwerer und kräftiger dunkelgrauer Strich, mit dem sie in Im Land der Frühaufsteher ausdrucksvolle Mimiken zu Papier bringt und auf eindrückliche Weise die deprimierenden Lebensumstände der Auf-sich-Gestellten skizziert, hat dabei etwas Rohes und sehr Eindringliches. Dabei deutet sie den latenten Rassismus der Umgebung eher an, als ihn deutlich herauszustellen. So erinnert sie mit vorsichtiger Distanz an den nach wie vor unaufgeklärten Tod von Oury Jalloh, der 2005 an Händen und Füßen gefesselt in einer Zelle der Dessauer Polizei verbrannte.

„Berichte aus der Provinz“

Es scheint kaum möglich, die beiden Lebenswirklichkeiten aus Hühner, Porno, Schlägerei und Im Land der Frühaufsteher trotz ihrer unmittelbaren räumlichen Nähe zueinander zusammenzudenken. Liest man die beiden „Berichte aus der Provinz“ indes parallel, ergibt sich unweigerlich der unangenehme Eindruck gelebter Ausgrenzung in der ländlichen Region. Aufs Land fährt man hernach sicherlich nachdenklicher.

Katja Lüthge ist Journalistin und schreibt unter anderem für die „Berliner Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“. 2005 kuratierte sie in Berlin die Ausstellung „Mit Superman fing alles an. Jüdische Künstler prägen den Comic“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2013

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