Comics in …

Berlin – Hauptstadt des persönlichen Strichs

Gerhard Seyfried: Flucht aus Berlin. Copyright: Rotbuch Verlag„Arm, aber sexy!“ sei Berlin, meint der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Eine Zustandsbeschreibung, die auch das Wesen der Comicszene in der deutschen Hauptstadt ganz gut beschreibt.

Denn mag das Comicschaffen insgesamt zum ökonomischen Erfolg Berlins auch nicht so viel beitragen und seine Protagonisten oft nur unzulänglich ernähren – die hier ansässigen Comic-Künstler, -Galerien, -Läden, -Verlage, -Ateliers, -Bibliotheken und -Studiengänge sorgen für eine aufregende Vielfalt an Stilen, Geschichten und Ausdrucksformen. Es ist hier eben nicht der umsatzstarke Mainstream zu finden – sofern es diesen in Deutschland überhaupt gibt. Dafür gibt es die persönlichsten Geschichten, unterschiedlichsten Themen und eine lebendige Szene zu entdecken.

Ost und West

Gerhard Seyfried: Flucht aus Berlin. Copyright: Rotbuch VerlagDer Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung vor gut zwanzig Jahren können dabei als wahrer Glücksfall für den Comic bezeichnet werden. Wenngleich dies nicht sofort von allen so gesehen wurde, wie Flucht aus Berlin aus dem Jahr 1990 von Gerhard Seyfried beweist. Der Veteran unter den West-Berliner Zeichnern ironisierte darin das Unbehagen des links-alternativen Milieus, dem mit der Mauer auch die provinziellen Nischen der Stadt wegbrachen.

Inzwischen ist eine Generation nachgewachsen, die die Mauer fast nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Gerade hat der 1982 geborene Autor und Zeichner Simon Schwartz sein Comic-Debut drüben! beim Berliner avant-Verlag veröffentlicht, das die schwierige Entscheidung seiner Eltern beschreibt, Anfang der 1980er-Jahre die DDR für immer zu verlassen.

Ein besonderes Geschichtsbuch in Comic-Form hat der Zeichner Flix vorgelegt, unter dem Titel Da war mal was ... – nämlich die Mauer. Darin verdichtet er die Erlebnisse und Erinnerungen unterschiedlicher Menschen an die deutsch-deutsche Wiedervereinigung. Wie Seyfried steht auch Flix für jenen cartoonhaften und knollennasigen Strich, der für die Comic-Zeichner aus dem alten Westen der Stadt typisch war.

Aus einer ganz anderen (Zeichen-)Welt scheinen dagegen die Ost-Berliner Comic-Künstler Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth oder Atak zu kommen. Ihr akademisch-malerischer Stil nähert sich dem Comic eher von der illustrativen Seite her. In der DDR genoss der Comic noch weniger Wertschätzung als in der alten BRD und hatte mit Ausnahme des bis heute existenten Mosaik-Verlags mit seinen braven Abrafaxen auch keine Tradition. Insofern war die Gründung der experimentierfreudigen Künstlervereinigung PGH Glühende Zukunft im Jahr 1989, an der auch Anke Feuchtenberger und Henning Wagenbreth beteiligt waren, verständlicherweise Aufsehen erregend. Die Künstlerinnen und Künstler wurden international schnell bekannt und hatten in der Folge nachhaltigen Einfluss auf die gesamtdeutsche Comic-Szene. Heute sind sie als Professoren auch für die Ausbildung nachfolgender Generationen zuständig.

Mittlerweile ist der Mauerfall 20 Jahre her und Zeichner mit den verschiedensten Ansätzen und Biografien arbeiten im wiedervereinten Berlin nebeneinander. So zum Beispiel der unermüdliche Chronist der West-Berliner Prolls Didi & Stulle FIL, der jüngere Produzent herzerweichender, autobiografischer Geschichten mit DDR-Kindheit Mawil oder der zugereiste West-Deutsche Reinhard Kleist, der mit seinem biografischen Comic Cash international erfolgreich ist.

Print und Online

Viele Comiczeichner bringen ihre Geschichten im Selbstverlag oder in Fanzines heraus. Es gibt die langjährigen Magazinherausgeber Moga Mobo, das Künstler-Kollektiv Monogatari und die Renate-Comic-Hefte. Immer wieder formieren sich im Umfeld der Berliner Kunsthochschulen neue Zusammenschlüsse – obschon es einen eigenen Studiengang Comic in Berlin noch nicht gibt. Limace heißt die jüngst von der Französin Julienne Jattiot und dem Schweizer David Parrat im Selbstverlag herausgegebene Zeitschrift. Beide studieren an der Kunsthochschule in Weißensee und bieten mit ihrer Publikation sich und ihren Freunden aus aller Welt die Möglichkeit zur Veröffentlichung. Längst nämlich hat sich die Szene internationalisiert. Intensive Kontaktpflege zu Kollegen aus aller Welt betreibt auch die Zeichnerin Ulli Lust auf ihrem innovativen Comicportal Electrocomics. Mit großem Engagement arbeiten im althergebrachten Printbereich dagegen die Kleinverlage Reprodukt und Avant-Verlag, die immer wieder auch Werke des Berliner Nachwuchses drucken und mit Aktivitäten wie Messeauftritten, Release-Partys oder Signierstunden die Szene beleben.

Shops und Shows

Wer sich in Berlin in den Comic vertiefen möchte, dem seien die gut sortierten Läden Modern Graphics oder Grober Unfug empfohlen. Hier finden sich dann auch die so erfolgreichen Mangas, an deren Stil sich auch eine Reihe Berliner Zeichnerinnen orientieren. Wenn Künstlerinnen wie Tanja Borngräber oder Marie Sann zum Signieren etwa im Ladengeschäft von Neo Tokyo in der Torstraße öffentlich auftreten, können sie sich des Ansturms ihrer jungen, meist weiblichen Fans sicher sein. In jedem Fall lohnenswert ist ein Besuch der Renate-Comic-Bibliothek, deren Comic-Stammtisch die Möglichkeit zum persönlichen Austausch bietet. Schöne Ausstellungen und Partys gibt es regelmäßig in den sehenswerten Ausstellungsräumen des Neurotitan im Haus Schwarzenberg und Comic-Release-Partys finden häufig auch im Schokoladen statt.
Katja Lüthge
ist Journalistin und schreibt unter anderem für die „Berliner Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“. 2005 kuratierte sie in Berlin die Ausstellung „Mit Superman fing alles an. Jüdische Künstler prägen den Comic“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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