Comics in …

Hamburg – Die heimliche Comic-Hauptstadt

Hamburg gilt als heimliche Comic-Hauptstadt Deutschlands. Auch wenn diese Zuschreibung nach Stadtmarketing klingt, hat sich an der Elbe tatsächlich eine ausgesprochen lebendige und vielfältige Comic-Szene zusammengefunden.

Die Hamburger Comic-Szene entstand auch deshalb, weil Zeichnerinnen und Zeichner hier ohne jeden Hype und die Wendungen der jeweils neusten Moden arbeiten können. Sie haben sich niemals als Konkurrenten auf dem Markt der Illustration begriffen. Mit Comics, die nicht auf den genormten Massenmarkt zielen, verdient man ohnehin kaum Geld und die Mieten in Hamburg sind so hoch, dass man sich angesichts dieser Lage lieber unterstützt – in unterschiedlichen Konstellationen und über Generationen hinweg. Von Ulf Harten, Isabel Kreitz, Martin tom Dieck und Markus Huber, über Wittek, Jule K. und Calle Claus bis hin zu Arne Bellstorf, Sascha Hommer, Line Hoven, Claire Lenkova – und den noch jüngeren Zeichnern.

Sichtbar wurde diese gegenseitige Unterstützung in kollektiven Ausstellungen und Magazinen, die auch bundesweit Maßstäbe gesetzt haben – und setzen. Statt sich auf große Verlage zu verlassen – mit Carlsen Comics befindet sich immerhin einer der größten Comic-Verlage Deutschlands in Hamburg –, organisierten sich die Zeichner und Zeichnerinnen selbst und schufen so einen eigenen Raum, in dem sie ihre künstlerischen Ideen und Ansätze kritisch weiterentwickeln konnten.

Magazine

Momentan werden allein drei Comic-Magazine in der Hansestadt produziert. Das älteste, das Orang-Magazin, erscheint zwar inzwischen bei Reprodukt in Berlin, hat aber seine Redaktion weiterhin in Hamburg. Dort wird in der Tradition von Magazinen wie dem Underground-und Independent-Magazin RAW versucht, die Geschichte der Comics ernst zu nehmen und sie in neuen experimentellen Formen auszuweiten – und dies in graphischer wie in narrativer Hinsicht.

Die jährliche Anthologie Spring öffnet sich demgegenüber viel stärker der Illustration. Sie stellt innerhalb der Comicwelt eine Besonderheit dar, da sie ausschließlich von Frauen produziert wird. Beide Magazine verbindet, dass sie jeweils Themen etablieren – zuletzt Unendliche Geschichten (Orang Nr. 8) und Happy Endings (Spring Nr. 7) –, die dann jeweils von den Künstlern interpretiert werden. Vom jüngeren Magazin Two-Fast-Colour kam gerade die dritte Ausgabe auf den kleinen Markt für interessante Bildserien. Das Heft um Martina Lenzin und Marlene Krause besticht durch ihre internationalen Verbindungen zu jungen, kaum unbekannten Zeichnern.

Ausbildung

Alle drei Magazine sind im Kontext des Departments Design/Studiengang Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) in der Armgartstraße entstanden, eine der führenden Schulen für diesen Bereich. Dort lehrt seit 1997 auch die stilbildende Anke Feuchtenberger, die sicher nicht unerheblich dazu beigetragen hat, dass viele zur Ausbildung nach Hamburg zogen.

Mit dem italienischen Zeichner Stefano Ricci, der inzwischen in Hamburg lebt, betreibt Feuchtenberger den Mamiverlag, in dem die beiden nicht nur eigene Arbeiten veröffentlichen, sondern auch Projekte von jungen Künstlerinnen wie Gosia Machon und Birgit Weyhe, die gerne in die Kunst ausgreifen, sowie die umfangreiche Anthologie Ich/I/Je/Jo, die nicht zuletzt die Breite dokumentiert, in der die jüngere Generation in Hamburg arbeitet.

Ästhetik

Das einzige, was in Hamburg produzierte Comics verbindet, mag ihre Unterschiedlichkeit sein. Zugleich überschreiten viele die so selbstverständlich gezogenen Grenzen unserer Gesellschaft und Kultur.

In den Arbeiten der Hamburger Künstlerin Moki ist beispielsweise nicht mehr zu unterscheiden, ob ihr Zitat japanischer Comics nun high oder low sein will. Das spielt in dem Raum, den sie mit ihren Natur- und Erfahrungsbildern eröffnen, auch keine Rolle mehr. Sie überzeugen in ihrer Materialität, ihrer Reflexivität – und ihrem Humor. Damit setzen sie eigene ästhetische Kriterien und stellen jene in Frage, mit denen gezeichneten Bildern gerade in den letzten Jahren begegnet wird.

Diese implizite Kritik darf sicherlich als ein weiteres Moment der in Hamburg gezeichneten Bilder verstanden werden. Die meisten Zeichner müssen sich ihren Lebensunterhalt neben ihren freien Arbeiten anderweitig erarbeiten. So gern sich die Hansestadt mit ihrer lebendigen Szene verbal schmückt, so wenig tut sie für deren Förderung.

Ausstellungen

Das war nicht immer so. In den frühen Neunzigerjahren unterstützte die Kulturbehörde insgesamt vier Ausstellungen der Initiative Comickunst (INC) um Ulf Harten. Aufwendige Ausstellungen, für die die Zeichner leer stehende Gebäude an zentralen Orten okkupierten und bundesweit Zeichner einluden, ihre Arbeiten auszustellen – in Eigenregie. Es wurden nicht einfach die bunten Bilder an die Wand gehängt, sondern ganze Räume gestaltet. Auch diese Praxis war schwer einzuordnen: weder Underground – dafür war das Ereignis viel zu groß, sichtbar und populär – noch Kunst und auch nicht nach deren ästhetischen Kategorien schielend. Vielmehr herrschte dort eine sehr direkte Lust am gezeichneten Bild vor. Das Spektrum reichte von der Witzzeichnung bis zur Grafik – erstmals wurde eine Vielfalt als Kontinuum sichtbar, das noch immer existiert und sich nicht um Kategorisierungen schert.

Diese Tradition ist mit dem Hamburger Comic-Festival wieder aufgenommen worden, das seit 2006 Ausstellungen in einigen der vielen selbstorganisierten Galerien wie der Linda oder dem Hinterconti zeigt. Auch hier geht es nicht darum, dem zweijährlichen Comic-Salon der Stadt Erlangen Konkurrenz zu machen, sondern einen neuen Raum zu öffnen, in dem etwas entsteht, das sich nicht so leicht fassen lässt – etwas zwischen einer never ending story und einem glücklichen Ende.

Ole Frahm
veröffentlichte die Bücher "Genealogie des Holocaust. Art Spiegelmans MAUS – A Survivor's Tale" (2006) und "Die Sprache des Comics" (2010). Er ist Mitglied der Künstlergruppe LIGNA und zur Zeit Vertretungsprofessor für Sprache und Kommunikation an der Muthesius Kunsthochschule (Kiel).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010

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