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Internationale Comiczeichner in Deutschland

Das gelobte Land für Comic-Künstlerinnen und Comic-Künstler ist Deutschland auf den ersten Blick nicht. Kann man doch in Comicnationen wie Frankreich, Belgien oder Japan weitaus mehr Leser und Anerkennung mit seinen Werken gewinnen. Dennoch hat es im Laufe der Jahre eine beträchtliche Anzahl von internationalen Comiczeichnern nach Deutschland gezogen. Gleichzeitig ist eine immer stärkere Vernetzung mit den Comic-Kulturen anderer Länder zu verzeichnen.

Berlin als Sammelbecken

Es dürfte wenig überraschen, dass sich die meisten ausländischen Comicschaffenden in der international durchwirkten Künstlerszene Berlins angesiedelt haben. Hier leben und arbeiten unter anderem der vielfach ausgezeichnete schwedische Comiczeichner und Filmemacher Max Andersson (Bosnian Flat Dog), die in Wien geborene Ulli Lust (Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens), der Belgier Olivier Schrauwen (Mein Junge) und die Deutsch-Amerikanerin Lilian Mousli (Stray Cats). Der aus Frankreich stammende, international tätige Comic-Künstler und Illustrator Blexbolex alias Bernard Granger lebt nach einem Zwischenstopp in Berlin mittlerweile in Leipzig.

Die Kanadierin Julie Doucet weilte von 1995 bis 1998 in Berlin, wo sie die Erlebnisse aus ihrer vorherigen Wahlheimat New York in ihrem Comic New York Tagebuch verarbeitete. Wie ihre internationalen Kollegen Andersson und Schrauwen fand sie mit Reprodukt auch gleich einen deutschen Verlag in Berlin, der ihre Arbeiten veröffentlichte. Ebenso verschlug es den maltesisch-amerikanischen Zeichner Joe Sacco Anfang der 1990er für knapp zwei Jahre in die Stadt an der Spree, wo er vor allem Konzertposter entwarf, bevor er sich von dort Richtung Gaza-Streifen aufmachte, um für seine preisgekrönte Comicreportage Palästina zu recherchieren. Sacco lobt noch immer die kosmopolitische Atmosphäre und den Austausch mit anderen Comickünstlern in Berlin, allen voran Hansi Kiefersauer, von dem er sich Tuschetechniken abschaute, die er bis heute bei seiner Arbeit verwendet.

Ein wichtiger und viel genutzter Anlaufpunkt für Comiczeichner aus allen Ländern ist die Berliner Comicbibliothek Renate, die seit Anfang der 1990er zum einen als Treffpunkt und Kontaktbörse dient, zum anderen das jährlich erscheinende Comicmagazin Renate herausbringt, in dessen mittlerweile 20 Ausgaben sich auch viele Beiträge internationaler Künstler aus dem Umfeld der Comicbibliothek finden.

Neben der regen Berliner Künstler- und Comicszene ist ein lokaler Anzugspunkt für zukünftige Comiczeichner die Kunsthochschule Berlin-Weißensee, an der viele bekannte Comic-KünstlerInnen wie Ulrich Scheel und Nadja Budde studierten. Neben der bereits erwähnten Ulli Lust absolvierte dort zum Beispiel auch der Franzose Sylvain Mazas ein Kommunikationsdesign-Studium, das er mit einem Comic als Diplomarbeit abschloss. Auch der im Iran geborene und mit sieben Jahren nach Deutschland immigrierte Hamed Eshrat hat hier studiert. Sein Diplom-Comic Tipping Point – Téhéran 1979 ist mittlerweile beim französischen Verlag Sarbacane erschienen. Der Schweizer David Parrat und die Französin Julienne Jattiot kreierten bereits während ihres Studiums das Comicmagazin Limace als Veröffentlichungsplattform für sich und ihre Kommilitonen sowie Künstlerfreunde aus aller Welt.

Daneben ist für viele ausländische Comiczeichner die deutsche Hauptstadt an sich die Attraktion. Der Spanier Alberto Madrigal, der gegenwärtig an einer Comicerzählung über seine Erfahrungen in Deutschland arbeitet, bringt die Beziehung zu seiner Wahlheimat Berlin folgendermaßen auf den Punkt: „Hier zu leben beeinflusst meine Arbeit durch und durch. Die Menschen, der Stil der Stadt, das große kulturelle Angebot sind fortwährende Inspirationsquellen.“

Kontaktfreudige Künstler

Mag Deutschland auch keine „altehrwürdige“ Comicnation sein, so existiert – auch abseits von Berlin in Städten wie Hamburg, Leipzig, München, Köln und Stuttgart – eine sehr produktive Künstler- und Verlagsszene, die viele Möglichkeiten für einen beruflichen Austausch und gemeinsame Projekte bietet. Der in Buenos Aires geborene Pablo Zweig (Livingstone), der sich mehrere Jahre in Hamburg als Comiczeichner verdingte, erinnert sich rückblickend positiv an die guten Kontakte zu deutschen Comicschaffenden und seine vielen Besuche von Comicmessen und -ausstellungen in Deutschland und den europäischen Nachbarländern. Auch die Italienerin Flavia Scuderi, die vor allem Comics für Disney Italia zeichnet und neuerdings in Berlin lebt, verweist auf die angenehme kollegiale Atmosphäre unter deutschen Comickünstlern, wo es weniger „Rockstar“-Allüren als in ihrer Heimat gebe. Ebenso respektvoll gestalte sich der Umgang der Verlage mit den Künstlern. Außerdem, so Scuderi, könne man hierzulande die Debüts vieler neuer Talente miterleben, durchlaufe der deutsche Comic doch momentan eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Deutschland auf der Comiclandkarte

Dass die deutsche Comic-Kultur in Sachen Qualität und Vielfalt in den letzten Jahren rasant gewachsen ist, ist im Ausland nicht unbemerkt geblieben. Denn auch die Vernetzung der deutschen Comicszene mit Comicmachern auf der ganzen Welt hat sich merklich entwickelt und ausgeprägt, was zahlreiche gemeinsame Ausstellungen und Comicprojekte belegen.

Als regelmäßige Großveranstaltungen bringen vor allem der Internationale Comicsalon Erlangen und die Veranstaltung Faszination Comic auf der Frankfurter Buchmesse sowie im kleineren Rahmen die Comicfestivals in München und Hamburg immer wieder zahlreiche internationale Künstler als Gäste nach Deutschland. Hinzu kommen unzählige Ausstellungen in Galerien und Comicläden und von Verlagen organisierte Signiertouren, die ausländische Comiczeichner nach Deutschland führen. Gleichzeitig sind viele deutsche Künstler und Verlage mittlerweile selbstverständliche Gäste auf Comicveranstaltungen in den europäischen Nachbarländern.

Ein Comicmagazin, das deutsche und ausländische Comiczeichner zusammenbringt, ist das von Sascha Hommer und Arne Bellstorf herausgegebene Orang, das für ein internationales Publikum mit englischen Untertiteln erscheint und bereits in neun Ausgaben experimentierfreudige Comics von Künstlern aus Europa und Asien zeigt.

Unterwegs in Sachen Comicdiplomatie

Grundlagenarbeit für den internationalen Zeichneraustausch leisten zwei in Deutschland stattfindende Comicseminare: Das Comiczeichner-Seminar Erlangen bringt jährlich Nachwuchszeichner aus Deutschland und anderen europäischen Ländern mit einheimischen und internationalen Dozenten zusammen; die Sommerakademie Leipzig und das Deutsch- französische Forum junger Kunst veranstalten ebenfalls jährlich einen deutsch-französischen Comic-Kurs unter der Leitung der Berliner Comicgröße Mawil und seines Pariser Kollegen Yassine.

Besonders engagiert in „internationalen Beziehungen“, die weit über die europäischen Grenzen hinausgehen, erweist sich immer wieder das dreiköpfige Berliner Comic- Kollektiv Moga Mobo. Nach der Gemeinschaftaustellung Kugelblitz mit der japanischen Zeichnergruppe Nou Nou Hau im Jahr 2006 und der 2008 entstandenen deutsch- kubanischen Comicanthologie Aventuras en Cuba, arbeiten die Moga Mobos gegenwärtig zusammen mit Zeichnern aus China, Japan, Korea und Taiwan an dem Internet-Comicprojekt Morgenstadt, das im April 2011 online geht.

Andreas Völlinger
schreibt als freier Autor für verschiedene Medien und ist Redakteur beim Fachmagazin Comicgate. Als Szenarist wirkt er außerdem an mehreren deutschen Comicreihen mit.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion 
März 2011

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