Comics in …

Blick zurück nach vorne – die Münchner Comicszene

Die Münchner Comicszene ist in das Kulturleben der Stadt seit den 1970er-Jahren bestens integriert – mit dem Comic Festival 2011 wird nun sogar dem Comic Salon in Erlangen ernsthaft Konkurrenz gemacht.

Die Gründungsväter

Am Anfang was das Blatt als Münchner Stadtmagazin über die Landesgrenzen hinaus bekannt und setzte als anarchisch linksorientiertes Zeitungsblatt Ende der 1970-Jahre, Anfang der 1980-Jahre auf die Bildersprache eines gewissen Gerhard Seyfried, der das Zeitgeschehen mit provokanten Cartoons interpretierte. Unter anderem verantwortlich für die grafische Gestaltung des Magazins war damals Pierre Pitterle. Er war es, der zusammen mit Herbert Meiler und Pierre Thomé 1984 aus einer Biertisch-Idee heraus eines der innovativsten europäischen Comicmagazine gründete: Strapazin. Herbert Meiler unterhält bis heute für das inzwischen von einer Kooperative um David Basler von Zürich aus publizierte Strapazin ein Münchner Büro und einen dazugehörigen Comicladen, der zwar bisher nur zu den Bürozeiten geöffnet ist, aber ausgewählte Produkte von Edition Moderne, Reprodukt, Avant Verlag, Edition 52 und natürlich alles von Zeichnern aus dem Strapazin-Umfeld im Angebot hat.

Treffpunkte der Münchner Comicszene

Ebenfalls noch in den 1980er-Jahren starteten Peter „Sailor“ Zeemann und Piet Moser ihre Comic Company im Glockenbachviertel, schon bald wurde die Fachbuchhandlung für Comicliteratur in der Isarvorstadt zum Treffpunkt der örtlichen Comicszene. Im Umfeld der Comic Company wurden das erste Comic Festival veranstaltet und Vereine wie Comic Fest e.V. gegründet, was die Entwicklung der einheimischen Comiczeichner förderte. Bereits damals tummelte sich auf der kleinen Verkaufsfläche des Ladens das künstlerische Personal dieser Stadt, das von US-Importen und klassischer franko-belgischer Comic-Kultur gleichermaßen beeinflusst zum Facettenreichtum der Münchner Comicszene beitrug. Als Alternative gab es Jürgens Comic Shop des bereits verstorbenen Splitter Verlag-Gründers Hans-Jürgen Janetzki, der heute unter dem Namen Comic Dealer im Münchner Westend weitergeführt wird.

Nachdem das kostenlose Magazin Comicstrich eingestellt wurde, erschien 1996 zum ersten Mal Comicaze. Der herausgebende Verein Comicaze fördert den Münchner Zeichner-Nachwuchs und die lokale Comic-Szene. In den 25 bisher publizierten Ausgaben waren unter anderem Uli Oesterle (Hector Umbra bei Carlsen), Thomas von Kummant (Die Chronik der Unsterblichen bei Ehapa), Christian Moser (Sigmund Freud, Goethe, Monster des Alltags bei Carlsen), Gerhard Schlegel und Elke Reinhart (Laska Comix), Christoph Schöne oder Jan Reiser, der Vereinsvorsitzende selbst, vertreten. Oesterle und Kummant sind neben Benjamin von Eckertsberg, Alexander Lozano, Peter Oedekoven, Eric Desideriu und anderen in der Künstler- und Illustratoren-Gemeinschaft Die Artillerie tätig, die seit Jahren wichtige kreative Impulse für die hiesige Szene setzt.

Erwähnenswert sei auch das Kreativbüro WOC - World Of Comics von Samar Erstsey, der mit – wie viele Comicaktivitäten in München vom Kulturreferat geförderten – Zeichenkursen einen entscheidenden Beitrag zur Jugendarbeit leistet und vor ein paar Jahren eine Zauberflöte-Adaption als Manga veröffentlichte. Ebenfalls in diesem Subgenre ist Robert Platzgummers mingamanga über vier Münchner Lausbuben angesiedelt. Richtig entrüstet war die Szene, als mit Bruder Thadeus – Das Münchner Kindl eine Geschichte des Wahrzeichens zur 850-Jahrfeier beim Ehapa Verlag erschien, an der hiesige Zeichner gar nicht beteiligt waren. Dieses Versäumnis durfte sich nicht wiederholen und so wurde zum Oktoberfestjubiläum 2010 von Comicaze ein Sammelband namens Wiesn-G'schichtn produziert.

Comicfestival München

Comicaze und andere Münchner Comic-Institutionen werden 2011 auch beim Comicfestival München vertreten sein, das neben einer großen Verlagsmesse zu Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Workshops, Zeichenkursen und einer Comicbörse einlädt. Der unter anderem durch seine langjährige Veranstaltungsreihe Comic Café im Werkstattkino bekannte Heiner Lünstedt und sein Partner Michael Kompa von Comic Stadt e.V. sind 2011 erstmalig für die Organisation zuständig. Nach vielfachen Orts- und Leitungswechsel führt nun das Team um den Comiczeichner Gerhard Schlegel das bereits seit 1991 meist alternierend zum großen Bruder, dem Comic-Salon in Erlangen, stattfindende Münchner Comicfestival zum Erfolg. Durch ihre verstärkte Präsenz auf internationalen Comicmessen gelang es Lünstedt und Kompa, das Münchner Festival zu internationalisieren. In Zukunft soll ein Gastlandauftritt verstärkt im Zentrum des Programms stehen.

Comic made in München

Aber auch sonst brodelt es im „Weißwurstkessel“ der hiesigen Comic-Kultur munter vor sich hin: der alt eingesessene Münchner Verlag schreiber&leser hat die Zeichen der Zeit erkannt und bietet spannende Thriller aus Frankreich mit einer crime noir-Reihe an, viele davon sind deutsche Erstveröffentlichungen. Nachdem bereits Hector Umbra von Uli Oesterle mit DJ-Kultur und Münchner Lokalkolorit zwischen Atomic Café und Hofbräuhaus glänzt, erscheint im Herbst mit Roxanne & George von Carolin Walch bei Reprodukt ein weiteres Comic, das sich als überzeichnete Celebrity-Satire mit Popkultur und Musik beschäftigt.

Rainer Germann
lebt und arbeitet in München und schreibt über Comics, Musik, Filme, Gastronomie und Reisen regelmäßig im Münchner Programm- und Stadtmagazin In-München, und auch für spiegelOnline, den Zeitkunstverlag und Penthouse.
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