Comics in …

Die deutschsprachige Comic-Szene der Schweiz

Auch wenn die französischsprachige Schweizer Comic-Szene mit ihrer internationalen frankophonen Anbindung weit voraus liegt – auch die Deutschschweizer Comic-Szene bewegt sich auf professionellem Niveau und einige Zeichner und Zeichnerinnen erreichen auch internationale Aufmerksamkeit. 

Der älteste und bis heute erfolgreichste Deutschschweizer Comic ist der Globi. 1932 wurde die Vogelgestalt mit menschlichem Habitus als Werbefigur der Warenhauskette Globus ins Leben gerufen. Seither sind insgesamt 79 Bände in einer Gesamtauflage von neun Millionen Exemplaren erschienen. Das Charakteristische an den Globi-Comics sind deren textlose Bilderreihen und die dazu gestellten gereimten Verse. 


Periodische Publikation 

Kaum eine Zeitung der Deutschschweiz leistet sich mehr einen eigenen Strip. Dennoch können einzelne Zeichner und Zeichnerinnen in einem regelmäßigen Erscheinungstakt ihre Comics veröffentlichen. So gelang es dem seit den 1970er-Jahren aktiven René Lehner zeitweise, tägliche Funny-Strips (etwa seine Serie Bill Body) international zu vertreiben. 


Alex Macartney veröffentlicht seit Ende der 1980er-Jahre für Tages- und Monatspublikationen lustige Streifen wie Herr Hummel oder Heimatland. Mike Van Audenhove (1957–2009) zeichnete ab 1997 die ganzseitigen Folgen von Zürich by Mike für das Ausgehmagazin Züritipp des Tages-Anzeigers. Gesammelt in Hardcover-Bänden, gehören sie zu den Bestsellern der Zürcher Edition Moderne. Dank wöchentlicher Veröffentlichung in der Gratiszeitung Coopzeitung ist Franz Zumstein der auflagenstärkste Deutschschweizer Comic-Zeichner: Seine Flieger-Serie Die Himmelstürmer wurde ab 1998 für sieben Jahre in einer Auflage von 1,6 Millionen Exemplaren gedruckt. 

Drei Internationale: Ott, Marini, Boller 


Internationale Anerkennung findet vor allem das Werk von Thomas Ott. Seine Arbeiten in Schabkartontechnik sind durch ihren filigranen Zeichenstil unvergleichlich, thematisch in morbiden und makabren Bereichen angesiedelt. Ott verzichtet auf Text und ist so ohne Übersetzungsaufwand global verständlich. 

Der einzige Deutschschweizer, der professionell im internationalen Comic-Bereich arbeitet, ist Enrico Marini. Er bewegt sich seit seinem Debüt 1990 in verschiedenen Genres wie Western, Fantasy, Thriller und Historienepos. 

David Boller hielt sich zwischen 1992 und 2008 in den USA auf, wo er für Superhelden-Verlage wie Marvel und DC arbeitete. Seit er in der Schweiz zurückgekehrt ist, widmet sich Boller dem Tell-Mythos, den er in einer Science-Fiction-Zukunft spielen lässt. Boller ist Webcomic-Pionier mit einer Internet-Plattform, an der auch René Lehner beteiligt ist. Hier erscheint auch in regelmäßiger Fortsetzung Bollers Tellgeschichte. 

Zeichner mit Profil und zwei Frauen 


Noch weitere Zeichner mit eigenständigem Profil prägen den Deutschschweizer Comic: Melk Thalmann setzt
(Zeit-)Geschichte, vom Bauernkrieg bis zum Atomzeitalter, in fiktionale Stories um. Das Gespann Andrea Caprez (Bild) und Christoph Schuler (Text), das seit 1988 gemeinsam arbeitet, veröffentlicht sowohl skurrile Geschichtenwelt als auch Comic-Reportagen (z.B. Dagahaley, über das Flüchtlingscamp in Kenia). 

Das Künstlerduo Felix Schaad (Bild) und Claude Jaermann (Text) publiziert seit 2001 mit Eva einen täglichen Kult-Strip im Zürcher Tages-Anzeiger, bei dem Schaad auch als Karikaturist tätig ist. Sambal Oelek (Andreas Müller) widmet sich in tableauartigen, metamorphischen Motiv-Kompositionen historischen oder künstlerischen Persönlichkeiten (unter anderem Henri Dufour, Ernst Ludwig Kirchner). Matthias Gnehm bringt satirisch überhöht gesellschaftliche Themen in seine Geschichten. Und Christophe Badoux legt wiederholt, ganz der Stilrichtung „Ligne Claire“ verpflichtet, überzeugende Sachcomics und biografische Comics vor. 

Die herkömmliche Bildnarration des Comics verlassen hat M.S. Bastian. Er ist der Grenzgänger, der sich zwischen high und low bewegt und mit Zitaten aus Comic- und Kunstmotiven Collage-Bilder schafft.

Auch zwei Frauen sind in der Schweizer Comic-Szene präsent. Anna Sommer arbeitet in verschiedenen Techniken (Federzeichnung, Papierschnitt), wählt offene Formen (ohne Bildrahmen) und gestaltet dabei absurde und erotische Bilderwelten. Kati Rickenbach gehört der jüngsten Comic-Generation an, die sie mit frischem Strich und persönlichen Stoffen vertritt. 

Publikationsorte und ein Festival 


Eine publizistische Plattform für Deutschschweizer Comic-Schaffende wie für internationale avanciert Arbeitende bietet seit 1984 das vierteljährlich erscheinende Magazin Strapazin. Darüber hinaus fungiert der 1981 gegründete Verlag Edition Moderne in Zürich, der einen Großteil der neueren Deutschschweizer Comics in Buchform veröffentlicht, als wichtigster Publikationsort. Seit 1992 fördert das Internationale Comix-Festival Luzern Fumetto mit Ausstellungen und Präsenz der Künstler und Künstlerinnen auch die Deutschschweizer Szene, als Ort für Innovation, abseits vom Comic-Mainstream.
Urs Hangartner
lebt als Kulturjournalist, Publizist, Comic-Kurator und Gastdozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst in Luzern (Schweiz).
Links zum Thema

Comic-Videos

Mawil beim Zeichnen | Foto: Goethe-Institut Lettland
10 lettische und deutsche Comic-Künstlerinnen und -Künstler lassen sich beim Zeichnen über die Schulter schauen.

Comics im Baltikum

© Thomas Wellmann
Im Baltikum und in Deutschland zeigt sich die Comicszene vielfältig wie lange nicht. Wer sind die spannendsten Künstler, was die besten Titel?

Der Erste Weltkrieg in Comics

Tardi/Verney „Elender Krieg“ 1914-1919 | © Edition Moderne 2014
Comic-Künstler setzen sich in ihren Werken mit der Geschichte des Ersten Weltkriegs auseinander. Ein Dossier über Geschichte in Bildern

Comics in Kenia und Deutschland

Die Welt der bunten Bilder – das Dossier „Comics“ stellt Künstlerinnen und Künstler aus Kenia und Deutschland sowie ihre Arbeiten vor.

Comic-Transfer

Comic-Autoren aus Europa und der arabischen Welt im Dialog

Graphic Novels in der Schule

Goethe.de/Polen lädt zum gemeinsamen Deutschlernen mit den Comiczeichnern Mawil und Birgit Weyhe ein.

Dossier: Comic-Länder Deutschland und Belgien

Goethe-Institut Belgien
Die deutsche und belgische Comicszene und ihre wichtigsten Vertreter

Dossier: Comics in Deutschland – Comics in Tschechien

Nach der politischen Wende 1989 tankte die Comicszene in Deutschland wie in Tschechien neues Selbstbewusstsein.

Weblog: CityTales

Comic-Künstler aus Südostasien und Deutschland illustrierten „Stadtgeschichten“ – jeden Monat zu einem neuen Thema.