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„Die besten Geschichten schreibt das Leben.“ – Arne Bellstorf über seinen neuen Beatles-Comic

ReproduktPrivatBaby’s in Black lautet der Titel eines traurigen Liebesliedes, das die Beatles-Musiker John Lennon und Paul McCartney geschrieben haben. Der Song thematisiert eine Liebesgeschichte, die auch im Mittelpunkt des neuen Comics von Arne Bellstorf steht.

Mit schlichten schwarz-weißen Zeichnungen schildert der Hamburger Comiczeichner Bellstorf, wie Astrid Kirchherr 1960 in einer Kellerkneipe auf den Beatles-Bassisten Stuart Sutcliffe trifft und sich in ihn verliebt. Die junge Fotografin macht erste Fotos der Band und inspiriert die Musiker zu ihrer schwarzen Bekleidung und dem Pilzkopf-Haarschnitt.

Als die Beatles die Stadt verlassen, bleibt Sutcliffe in Hamburg. Doch die Liebesgeschichte endet tragisch: 1962 stirbt der Musiker mit 21 Jahren an einer Hirnblutung, kurz bevor die Beatles noch einmal in Hamburg auftreten.

Arne Bellstorf spricht in einem Interview über die Entstehung des Comics.

Herr Bellstorf, Sie haben einen Comic über Astrid Kirchherr und ihre Beziehung zum Beatles-Musiker Stuart Sutcliffe gemacht. Wie kamen Sie auf das Thema?


Ich habe nach meinem ersten Comic mit einem Buch über das Hamburg der 1960er Jahre angefangen. Dann stieß ich auf Fotografien von Astrid Kirchherr und begann, über sie zu recherchieren. Ich sah den Film Backbeat aus dem Jahr 1994, in dem die Liebesbeziehung zwischen Astrid Kirchherr und Stuart Sutcliffe dramaturgisch aufgearbeitet wurde. Nach weiteren Recherchen erfuhr ich, dass die Geschichte in der Realität ganz anders ausgegangen ist. Das Spannende an dem Projekt für mich war, dass die Beatles damals noch nicht bekannt waren und ganz anders aussahen. Sie hatten noch keine Pilzköpfe und waren auch noch keine Ikonen der Popgeschichte.

Wie entstand der Kontakt zu Astrid Kirchherr?

Astrid Kirchherr lebt sehr zurückgezogen. Es gibt keine Biografie von ihr. Sie ist mit ihrer Geschichte auch nie an die Öffentlichkeit gegangen. Die meisten Informationen über sie sind weit verstreut. Es gibt ein paar Interviews, ein paar Briefe und Texte, im letzten Jahr ist ein Bildband mit ihren Fotografien erschienen. Ich habe über den Agenten Ulf Krüger Kontakt aufgenommen zu Astrid Kirchherr. Bei einem Treffen fragte ich sie, was sie davon halten würde, wenn ich die Geschichte ihrer Jugend in eine Graphic Novel packe. Sie sagte, ihr sei eine Comicadaption lieber als eine Biografie. Ihr gefiel die Idee einer neuen Ästhetik. Astrid gab mir bereitwillig Auskunft über ihr Leben und gewährte mir Zugang zu ihren Privatarchiven. Ich sah Fotografien, die ich bislang nicht kannte. Das gab den letzten Ansporn.

Woher kamen die Anregungen zu ihren Bildmotiven?

Zu den 1960er Jahren gibt es viel Literatur und Bildbände über Hamburg. Die Geschichte um Kirchherr und die Beatles spielt sich zwischen der Reeperbahn und dem bürgerlichen Emsbüttel ab. Da ist natürlich nicht alles dokumentiert, was ich an Bildmaterial benötige. Ich habe mir deshalb viele Räumlichkeiten beschreiben lassen und dann eigene Bilder dazu entwickelt. Das gilt vor allem für Klubs und Kneipen von Hamburg wie den Kaiserkeller.

Sind Sie ein Beatles-Fan?

Ein richtiger Beatles-Fan bin ich nicht. Ich habe bei meinen Recherchen viele Menschen kennen gelernt, die viel mehr Wissen über die Geschichte der Band haben als ich. Ich interessiere mich vor allem für die Anfänge der Beatles: Woher kamen diese Typen musikalisch überhaupt? Mich interessiert der Rock ’n’ Roll, den sie damals gespielt haben, der Jazz, den sie in Hamburg gehört haben und wie sie beides in ihre Musik integriert haben. Ich habe viel gelesen über die Anfänge der Beatles bis 1963 – aber mit der Zeit darüber hinaus habe ich mich nicht beschäftigt. Irgendwann sagte ich mir: Das muss ich nicht alles wissen.

Wie haben Sie die Dialoge entwickelt?

Die Dialoge ergaben sich aus der Lektüre. Es gibt ein Buch mit Briefen von Stuart, und ein Buch, in dem Kirchherr einiges erzählt. Außerdem habe ich viele Situationen beschrieben bekommen, die ich nacherzähle. Der Comic ist eine Fiktion: Die Figuren basieren auf Personen, sind aber zu meinen eigenen Charakteren geworden. Ich will sie im Ton oder der Gestik treffen, aber irgendwann verselbstständigt sich die Figur auch. Das ist ja auch das Schöne am Comic.

Wie endet die Geschichte?

Die Geschichte endet so tragisch wie die Realität – mit dem Tod von Stuart. Mein Comic ist eine Love-Story zwischen Astrid und Stuart, der die Beatles 1961 verließ und in Hamburg blieb. Als die Beatles 1962 nach Hamburg zur Eröffnung des Star-Clubs kamen, wollten beide zum Konzert kommen. Doch Stuart stirbt einen Tag vor dem Auftritt. Diese Dramaturgie der Ereignisse ist so dicht, dass ich nichts erfinden muss. Das Leben schreibt die besten Geschichten.

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Arne Bellstorf gehört zu einer neuen Generation von jungen deutschen Comiczeichnern. Der 1979 in Dannenberg an der Elbe geborene Autor studierte Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Im Jahr 2006 wurde Bellstorf für sein Comic-Debüt Acht, Neun, Zehn mit dem Sondermann-Preis als „Bester Newcomer“ ausgezeichnet.
Baby’s in Black – The Story of Astrid Kirchher & Stuart Sutcliffe,
ISBN 978-3-941099-12-8, 224 Seiten, schwarzweiß, 23 x 16 cm, Klappenbroschur, 20 EUR, 2010 bei Reprodukt.

Rieke C. Harmsen stellte die Fragen.
Sie ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010

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