Autoren-Comics

Alltag mit Distanz – Tim Dinter

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Diashow

Comics von Tim Dinter

Als Student für Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Weißensee Berlin schloss sich Tim Dinter mit seinen Kommilitonen Jens Harder, Kathi Käppel, Ulli Lust, Mawil und Kai Pfeiffer zusammen, um als Ateliergemeinschaft Comic-Projekte, von Publikationen bis hin zu Ausstellungen, zu realisieren. Seit dieser Zeit ist Dinter Mitglied der umtriebigen Berliner Comic-Gruppe Monogatari. Er lässt seine vielfältigen praktischen Erfahrungen aus Grafikdesign, Illustration und Animation in seine Comic-Erzählungen einfließen, und weiß sie sowohl handwerklich als auch erzählerisch ausgereift einzusetzen. Bereits mit ihrem Comic-Debüt Alltagsspionnage (2001) erschloss sich die Monogatari-Gruppe die breite Aufmerksamkeit der Comic-Szene und der Feuilletons.

Die konzeptionell autobiografischen Beiträge der Zeichner lösten einen regelrechten Trend der Comic-Reportage bzw. des Comic-Essays in der deutschen Comic-Kultur aus. In der Anthologie erzählt Dinter ein typisches Wochenende Berliner Hipster an Schauplätzen im Stadtbezirk Mitte. Den Songtitel „From Disco to Disco“ der deutschen Band Whirlpool Productions übernehmend, illustriert er distanziert, aber nicht ohne versteckte Kritik, die allwöchentliche Jagd Jugendlicher nach dem ultimativen Club-Geheimtipp.

Gemeinsam mit seinem Atelierkollegen Kai Pfeiffer legte Dinter nicht nur den spannenden Comic Alte Frauen vor, den sie mit allerlei mysteriösen Verschwörungstheorien versehen hatten, sondern entwickelte darüber hinaus für eine Tageszeitung eine bisher einzigartige Figur im Comic, den von Walter Benjamin inspirierten Flaneur. Der Strip Der Flaneur ist geprägt von der persönlichen Handschrift des Autors und des Zeichners und entspricht dem Typus der klassischen Reportage, in dessen Zentrum der individuelle Blick des Reporters auf seine Erlebnisse im heutigen Berlin steht. Auch im Ausland stieß diese besondere Form der Comic-Erzählung auf Interesse, so dass die Monogatari-Gruppe für eine Comic-Reportage nach Basel eingeladen wurde. In der daraus hervorgegangenen Publikation Operation Läckerli und der gleichnamigen Ausstellung finden sich die gesammelten Eindrücke des Flaneurs sowie sein individueller Blick auf eine fremde Stadt und Kultur.

Mit der Unterstützung des Goethe-Instituts in Tel Aviv wurde eine Zusammenarbeit zwischen der Monogatari-Gruppe und dem israelischen Comic-Kollektiv Actus Tragicus realisiert. Im Austausch machten sich jeweils drei Mitglieder auf den Weg nach Tel Aviv bzw. Berlin, um in ihren Comic-Reportagen Besonderheiten und Impressionen der anderen Kultur festzuhalten. Die auf ihn hereinprasselnden Eindrücke hat Dinter losgelöst von Comic-Panels wiedergegeben. Die Wörter, Bilder und Bewegungen seiner Protagonisten durchdringen sich gegenseitig. Bei seinem Streifzug lernte er kosmopolitische Juden kennen, die in New York aufgewachsen sind, in Tel Aviv leben, deren familiäre Wurzeln aber in der Ukraine oder Polen liegen. Für Dinter ist „Israel ein Schmelztiegel und Tel Aviv ist der toleranteste Ort darin.“ Er berichtet über typische israelische Gerichte, trifft auf eine Deutsche, die in Tel Aviv lebt und mit der er über die Unterschiede der beiden Kulturen redet – über Chaos und Ordnung, Sparen und Konsum. Und natürlich auch über die immerwährende Angst vor Bombenanschlägen und den Versuch damit leben zu können.

Dem Alltag eines Zeichners in Berlin widmen sich die Comicstrips Lästermaul und Wohlstandskind, die einmal pro Monat in der Sonntagsbeilage der Berliner Tageszeitung Tagesspiegel erscheinen. Humorvoll verarbeitet Dinter hier seine Erfahrungen als junger Vater, den Wandel der Großstadt Berlin oder die schwierigen Arbeitsbedingungen als freischaffender Künstler.

Durch seinen realistischen, fast fotografischen Strich, mit dem Tim Dinter Originalschauplätze und Menschen authentisch wiedergibt, gelingt es ihm, alltägliche Situationen mit einer gewissen Distanz darzustellen. Seine subjektive Auswahl an Motiven und Situationen profitiert von seiner äußerst sensiblen Beobachtungsgabe, die versteckte und vernachlässigte gesellschaftliche und kulturelle Nuancen subtil freilegt.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2013

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