Autoren-Comics

Einfühlsame Beobachtungen in aufwendig ornamentierten Zeichnungen – Jens Harder

Als Studenten für Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Weißensee schlossen sie sich zusammen, um gemeinsam neue Erzählformen in Wort und Bild zu ergründen. Illustration, Animation und Grafikdesign sind für sie artverwandte Genres, die sie in Stil und Form für ihre Comics nutzen. Ihr gemeinsames Comic-Debüt Alltagsspionage (2001) wurde von der Comic-Szene und den Kritikern enthusiastisch angenommen. Jeder Zeichner gestaltete seine Comicreportage aus Berlin ganz individuell.

Copyright: Jens Harder
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Comics von Jens Harder

Harder porträtiert in seinem Beitrag Gastrologie die Klientel dreier unterschiedlicher Lokale und stellt sie in einem durchgehenden Seitenlayout auf drei Ebenen direkt gegenüber. In aufwendig ornamentierten Zeichnungen gibt er seine einfühlsamen Beobachtungen einer Studentenkneipe in Prenzlauer Berg, eines exklusiven Restaurants und einer Essensausgabe für Obdachlose wieder. In der Darstellung von Interieur, dem Essen und den O-Tönen der Gäste verdichtet Harder nachdrücklich die vorherrschenden sozialen Gegensätze einer Großstadt. In Harders Oeuvre finden sich auch zahlreiche liebevoll gestaltete Heft-Publikationen, wie die Ruwen-Strips, Hotelführer Mitte und Electricité Marseille (2000), die aufwendig gedruckt sind und sein Talent für ausgewogene Formen und Farben belegen.

Neben weiteren Comics im Stil von Reportagen wie Operation Läckerli (2004) und einem Projekt mit der israelischen Comic-Gruppe Actus Tragicus schuf er mit Leviathan (2003) einen fantasievollen und kolossalen Comic-Epos um einen Walfisch. Der wortlose, aber dafür bildgewaltige Comic wird nur am Anfang eines jeden Kapitels durch Textpassagen und Zitate unterbrochen, die aus den Schriften von Thomas Hobbes, aus Herman Melvilles Moby Dick und aus der Bibel stammen. Durch die strikte Trennung ist es Jens Harder gelungen, seinen Bildern eine mitreißende Dynamik zu verleihen und beim Leser eine hypnotisierende Sogwirkung zu erzielen. Die Geschichte handelt von einem Wal, der sich durch einen Strudel aus Raum und Zeit bewegt. Aus überliefertem Mythenschatz und literarischen Vorbildern schöpft Harder die Ideen für seine faszinierende Erzählung, die dem Leser eine sagenhafte Bilderwelt beschert. Zu Recht erhielt Jens Harder für Leviathan den Max-und-Moritz-Preis 2004 für die beste deutschsprachige Comic-Publikation.

Mit Alpha ...directions (In: MIKROmakro: lebensformen und lebenswelten auf papier, 2007) legt Harder ein weiteres opulentes Werk vor, an dem er über vier Jahre gearbeitet hat. Seinem Comic über die Evolutionsgeschichte ging eine akribische Recherchearbeit voraus, um detailreiche und wissenschaftlich belegte Bilder zu gewährleisten. Das ausgefeilte und akkurate Seitenlayout betont überdies seine ohnehin bildgewaltigen Illustrationen, die mit den reichhaltigen Texturen ausgestattet sind. Harder lässt auch bei Alpha ...directions einzig die Bilder sprechen, Wörter setzt er fast kaum ein, um die Geschichte vom Urknall bis zu den ersten Hominiden zu erzählen. Vierzehn Milliarden Jahre hat er auf epische 352 Seiten und auf 2000 Panels komprimiert. Er nimmt den Leser mit zur Herausbildung der Milchstraße und des Sonnensystems sowie zur Entstehung des ersten Lebens auf der Erde und schildert die Transformation der Einzeller, der Tiere und Pflanzen über die diversen Erdzeitalter bis hin zum Auftritt des ersten Menschen. Alpha ...directions ist ein epochales Werk, das in dieser Dimension und Detailfülle einzigartig in der Comicgeschichte ist.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Januar 2009