Autoren-Comics

Am Anfang eines jeden Comics steht das Wort – Horus

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Comics von Horus

In einem Interview sagte einmal der Comic-Zeichner und –Autor Horus, dass er seine Inspirationskraft aus der Literatur zieht. Er erinnert sich daran, dass er in seiner Kindheit zwar Comics gelesen hat, aber den tatsächlichen Wunsch Geschichten zu erzählen, förderte bei ihm die Literatur. Erst später beschloss er, dies auch in Kombination mit Bildern zu machen.

Und das spürt man in seinen schriftbildlichen Erzählungen, in denen er, wie beinahe kein anderer deutscher Comic-Zeichner, den Wörtern eine sehr dominante Stellung einräumt. So steht für ihn am Anfang eines jeden Comics das Wort, die Narration und erst daraus entwickelt er die dazugehörigen Bilder. Während die meisten Zeichner den Lesern eine Freiheit bei der eigenständigen Verbindung von Wort und Bild lassen, gibt Horus die Zügel nicht aus der Hand und steuert den Rezipienten wortgewaltig durch seine Bilderfolgen.

Angefangen zu zeichnen, hatte er für das Fanzine Amok-Vision, das er mitherausgegeben hat. Da er für sich in Deutschland keine Möglichkeit sah, hauptberuflich als Comic-Zeichner Geld zu verdienen, versuchte er sein Glück in den USA. In Übersee hatte er es jedoch nicht leicht, da er sich und seinen Stil zunächst für Auftragsarbeiten nicht verkaufen wollte. Bei der Vermittlung des Projektes „Brennan Moore“ an amerikanische Verlage ergaben sich jedoch für Horus weitere Kontakte, die auch zu Stilveränderungen führten. Der positive Effekt der unterschiedlichen Zusammenarbeiten war, dass er sich nun fern der Heimat bewusst wurde, wie sehr er sich der deutschen Kultur verbunden fühlt, besonders der der 1920er- und 1930er-Jahre. Dazu zählt für ihn die liberale Literatur der klassischen Moderne, wie Thomas Mann, Alfred Döblin und Lion Feuchtwanger, aber auch Theater- und Filmproduktionen, zu denen er sich neben der Literatur ästhetisch verbunden fühlte.

In seinem Comic-Album Wüstensöhne behandelt er den Verlust dieser Blütezeit der deutschen Kultur. Oder wie es Horus ausdrückt, geht es um die „totale Kulturbrache“, die die Nationalsozialisten hinterließen. Die erste Episode mit dem Titel „Der große Erg von Berlin“ handelt von einem Wiedertreffen zweier Exilanten Deutschlands in den 1950er-Jahren in Los Angeles, die sich über die Erfahrungen ihrer Emigration austauschen. Sie unterhalten sich über die Vielfalt der deutschen Kultur der 30er Jahre, die von den Einflüssen der osteuropäischen, jüdischen und internationalen Künstler durchdrungen war. „Lebensdienst und Liebesgaben“ ist der Monolog einer Zeitzeugin, die in einem Interview über die Machtergreifung und den raschen Aufstieg der Nationalsozialisten spricht. Interessant hierbei sind ihre Auslassungen. Denn das was sie nicht formuliert, entblößt eindrucksvoll die Verdrängungsmechanismen der Kriegsgeneration. In dem abschließenden Beitrag, „Shrimps auf Reis“ illustriert Horus seinen auf Tatsachen beruhenden und mit fiktiven Elementen angereicherten Text über den Begründer des FBI, John Edgar Hoover. In seinem literarisch-grafischen Spiegel über die undemokratischen und machthungrigen Machenschaften des amerikanischen Geheimdienstes, stellt er tollkühne Parallelen zu faschistischen Strukturen her.

Horus ist ein ambitioniert politischer und literarischer Comic-Zeichner, der sich gerne an den formalen Vorgaben des Comics reibt. Während die meisten Comic-Zeichner die ästhetischen Möglichkeiten ausloten, konzentriert er sich auf das Wort im Bild. Von seinen früheren Arbeiten, die eher Fantasy-lastig waren, wie der Trilogie Schattenreich, hat er sich inzwischen inhaltlich entfernt. Seiner Vorliebe für eine mystische und verschwörungstheoriereiche Gedankenwelten, wie sie durch die subjektive Wahrnehmung von Ereignissen entsteht, frönt er in seinem Comic 111 Opfer und seiner bislang letzten Arbeit, dem Comic-Roman Post Mortem Blues (2006).

Sein inzwischen zweites zentrales Themenfeld ist die deutsche Kultur. Und so überrascht es nicht, dass er von dem Schiller-Nationalmuseum und dem Deutschen Literaturarchiv den Auftrag erhielt, über Schiller einen Comic zu machen. Schiller! Eine Comic-Novelle befasst sich nicht mit den Werken des Dichters, sondern mit der Persönlichkeit. Horus konzentriert sich auf die innere Zerrissenheit des Dramatikers, der gegen die autoritäre Schule seines langjährigen Mentors Carl Eugen, Herzog von Württemberg aufbegehrt und sich seine künstlerische Freiheit erkämpft.
Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Mai 2007