Autoren-Comics

Markante und kantige Zeichnungen – Uli Oesterle

Diashow Uli Oesterle
Diashow

Der Comic-Zeichner und Grafiker Uli Oesterle liebt es, seine bizarren Geschichten mit grotesken Typen und Gestalten auszustatten. Bereits im Jahr 2000 wird Oesterle für sein morbid-humorvolles Debütalbum Schläfenlappenphantasien (1999) auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen für den Max und Moritz-Preis nominiert. Für die düsteren Szenarien des Nachfolgecomics Frass (2000) diente Oesterle seine Wahlheimat München als Nährboden. Denn direkt vor seiner Haustür findet der zugezogene Karlsruher eine selbstverliebte Subkultur und Schickimicki-Gesellschaft, in der exzessive Selbstinszenierungen zum guten Ton gehören.

Oesterle rechnet in Frass (2000) gnadenlos und zynisch mit den grenzenlos lukullischen Vorlieben der sogenannten High-Society ab. Passend zu der exzentrischen Genusssucht des Feinschmeckers Serafin Brûte II., der auf der Suche nach exquisiten Gaumenfreuden um die ganze Welt reist, entwirft Oesterle seine farbigen und ausdrucksvollen Zeichnungen. Ein folgenschwerer Schicksalsschlag führt vor, dass Serafin Brûtes Begierde keine Grenzen kennt und er dafür nicht einmal vor Mord zurückschreckt.

Für die Trilogie Hector Umbra. Der halbautomatische Wahnsinn (2003-2009) arbeitet Oesterle virtuos mit Stilmitteln des Detektiv-Romans und des Science Fictions. Auf über 200 Seiten ist seine Comicnovelle über den Mike Hammer Detektiv von München angewachsen, der gerne auch mal Motörhead-T-Shirts trägt. Inzwischen liegt die Geschichte als Sammelband vor.

Oesterle bereichert sein abstruses und geheimnisvolles Abenteuer mit kritischen Seitenhieben gegen die weite Verbreitung von Verschwörungstheorien, Sensationslust der Medien und der modefixierten Club-Kultur. Im Mittelpunkt seiner Serie steht Hector Umbra, ein Maler, der sich auf die Suche nach seinem plötzlich verschwunden Freund, DJ Osaka, macht. Umbra hat zwar überaus kräftige Oberarme und ein Kreuz wie ein Schrank, doch selbst er gerät bei seinen Ermittlungen an körperliche und seelische Grenzen. Denn die Untersuchungen führen ihn unter anderem in die Zwischenwelt der Toten und konfrontieren ihn mit unliebsamen Außerirdischen. Dabei liegt des Rätsels Lösung greifbar auf der Hand, nämlich in einem Musikstück, das Osaka bei seinem DJ-Set aufgelegt hat. Selbst in dem düsteren Szenario mit den widerlichen Außerirdischen, die in ihrer Physiognomie an die frühen Schabkarton-Comics von Caro und Jeunet erinnern, gelingt es Oesterle, die moderne Gesellschaft und ihre Popkultur zu konterkarieren.

2004 wurde Oesterle für die Veröffentlichung des ersten Hector-Umbra-Kapitels auf dem Comicfestival in Angoulême nominiert und im selben Jahr erhielt er von der ICOM den Independent Preis. Für die Hector-Umbra-Bände wurde er mittlerweile mehrfach ausgezeichnet; sie sind in verschiedenen Ländern erschienen, darunter Frankreich, Holland, England, Polen, Italien und Spanien. Oesterle lebt in München und verdient seinen Lebensunterhalt freiberuflich als Illustrator, Grafiker, Comicautor und hält regelmäßig Comicseminare.

Es lohnt sich, seine markanten und kantigen Zeichnungen aufmerksam zu studieren, denn von Anbeginn werden dem Leser fast beiläufig wichtige Details und Indizien untergejubelt, die sich zum Ende hin immer stärker verdichten und sich schließlich zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammenfügen.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Januar 2013

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