Autoren-Comics

Der seit den Neunzigerjahren zirkulierende Begriff vom „Autorencomic“ beruht auf einer Analogie: Im Kino werden Produktionen, bei denen der Regisseur auch das Drehbuch verfasst und sämtliche künstlerischen Entscheidungen trifft oder doch entscheidend mitbestimmt, bekanntlich als „Autorenfilme“ bezeichnet – wiederum eine Analogie, eben zur Literatur. Ein Autorencomic wäre demzufolge eine Bildgeschichte, für deren Szenario, Zeichnung, gegebenenfalls auch Kolorierung ein und derselbe Künstler zuständig ist. Und wie im Film verknüpfen sich mit dieser Vorstellung auch hier die eines höheren künstlerischen Anspruchs, einer individuelleren Erzählform und persönlicheren, oft autobiografischen Thematik, schließlich meist auch einer unabhängigen Ökonomie jenseits des Mainstreams.

Schattenreich, © Horus Odenthal

Die marktorientierte Massenproduktion der Disney-, Superhelden- und Manga-Zeichenfabriken war und ist allerdings vor allem ein amerikanisches und japanisches Marktphänomen, und es waren auch die Zeichnerinnen und Zeichner des US-Underground – allen voran Robert Crumb –, die in den Sechzigerjahren begannen, Alltägliches und Autobiografisches zu erzählen, wildere Zeichenstile und neue Erzählformen zu erfinden. In den Achtziger-, Neunzigerjahren entwickelte sich daraus eine romanlange Form, etwa bei Art Spiegelman, Daniel Clowes, Charles Burns, den Hernandez-Brüdern, Chris Ware, aber auch dem Comicveteran Will Eisner, der auch den Begriff „Graphic Novel“ prägte.

hector umbra, © Uli Oesterle In Europa, wo es eine derart strenge Trennung der Produktionsweisen nie gab (da auch die kommerziell erfolgreichen Produktionen häufig Autorencomics waren), lautete das korrespondierende Schlagwort in den Siebziger-, Achtzigerjahren daher auch nicht „Autoren-“, sondern „Erwachsenencomics“. Darunter fielen etwa die Zeichner rund um die Zeitschrift Schwermetall (wie Moebius oder Philippe Druillet), aber auch die wenigen damals bekannten deutschsprachigen Comicautoren (wie Matthias Schultheiss oder Chris Scheuer).

The Secrets of Coney Island, © Reinhard KleistDie neue Konjunktur, die Begriffe wie „Autorencomic“ und – mehr noch – „Graphic Novel“ in Deutschland in den letzten Jahren hatten, hat allerdings weniger mit dem Verhältnis zum Comic-Mainstream zu tun als vielmehr mit der Rückbesinnung auf das erzählerische Moment des Comics: Junge Zeichnerinnen und Zeichner wie Arne Bellstorf, Tim Dinter, Jens Harder, Sascha Hommer, Line Hoven, Claire Lenkova, Mawil oder Kati Rickenbach erzählen in ihren Comics alltägliche Geschichten über die Pubertät, das Flirten, die erste Band oder deutsch-amerikanische und deutsch-deutsche Familienverstrickungen oder nutzen die Bildgeschichte als Medium für kleine Reportagen. Dabei orientieren sie sich stärker an der amerikanischen Erzähltradition als an den primär grafisch angelegten und lyrisch-reduzierten Werken der deutschen Comicavantgarde der Neunziger (der ihre akademischen Lehrer wie Atak, Anke Feuchtenberger oder Martin tom Dieck entstammen). Aber es gibt auch Zeichner, die stärker an franko-belgische Comicschulen, etwa die „nouvelle ligne claire“ anschließen (wie Ulf K.), einen eher der Fanzine- und Underground-Szene entstammenden Zeichenstil aufgreifen (wie Calle Claus) oder versuchen, den schwierigen Markt für Unterhaltungs-„Erwachsenencomics“ zu erschließen (wie Horus, Reinhard Kleist oder Uli Oesterle). Dass sie ihre Comics im Normalfall selbst texten und ausarbeiten, ist für die jungen Zeichnerinnen und Zeichner eine Selbstverständlichkeit. Begriffe wie „Autorencomic“ oder „Graphic Novel“ sind damit zu Schlagwörtern zur Klassifizierung und Vermarktung geworden, mit denen man sich vom einstigen Schundimage des Comics absetzt.
Jan-Frederik Bandel
ist promovierter Germanist und lebt als Lektor, Comictexter, Dozent und freier Autor in Hamburg.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2008

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