Autoren-Comics

Spannende Perspektiven und ungewöhnliche Kompositionen

Jörg Hartmann: WilsbergEinmal pro Woche öffnet Jörg Hartmann sein Atelier im Hansaviertel in Münster. Neugierige und Interessierte können sich dann ihren Wilsberg-Comic signieren lassen oder ein großformatiges Aquarell erwerben. Die 80-seitige Graphic Novel über den skurrilen Privatdetektiv Wilsberg erschien 2012. Sie hat rasch die Bestseller-Listen erobert.

Eine Frau begegnet einem Mann. Sie flirten am Tresen einer Bar, verbringen die Nacht zusammen. Später erfährt die Frau, dass der Mann den Sex gefilmt hat. Die Szene stammt aus einem Motion-Comic, der für die populären Krimiserie Wilsberg im Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) wirbt. Gezeichnet und animiert hat sie Jörg Hartmann. Sein Buch Wilsberg - in alter Freundschaft im Carlsen-Verlag ist eines der bestverkauften Graphic Novels in Deutschland.

Schweine- und Totenkopf

Jörg Hartmann wurde 1972 in Bad Driburg in Ostwestfalen geboren und zog nach Münster, um Grafikdesign zu studieren. „Dass es Erwachsenencomics gibt, wusste ich damals noch gar nicht“, sagt er. Erst sein Professor Marcus Herrenberger brachte ihn dazu, sich mit dem Genre zu beschäftigen – und sich an einer Comicadaption von Wilsberg zu versuchen. „Herrenberger gab mir viel Freiheit und sagte mir, was ich lassen soll und woran ich weiterarbeiten soll“, resümiert Hartmann.

Ein Studienfreund vermittelte den begabten Studenten an einen Schulbuchverlag: „Vier Wochen habe ich wie verrückt gezeichnet, um ein Portfolio zu erstellen“, erinnert sich Hartmann. Eine der ersten Zeichnungen, die damals entstand, war ein Schweinekopf. Dieser Kopf ziert bis heute das Logo, mit dem Hartmann seine Arbeiten signiert. Das zweite Element des Logos, ein Totenkopf, steht für eine andere Facette des vielseitigen Künstlers: die Zeichnungen für Erwachsene.

Jörg Hartmann: Wilsberg
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Wilsberg – ein großer Wurf mit Potenzial

Als Hartmann begann, die Wilsberg-Krimis von Autor Jürgen Kehrer für seinen Comic zu adaptieren, verbot er sich, die Filme anzuschauen, um nicht „vorgefertigte Bilder in den Kopf zu bekommen“. Noch dachte er nicht daran, dass aus dem Projekt zwölf Jahre später ein Buch werden könnte, das zum Bestseller in seinem Genre avanciert. Die Beschäftigung mit Wilsberg trat etwas los in Hartmann: „Ich merkte, wie viel Spaß mir diese Arbeit macht und wollte nicht mehr damit aufhören“. Seitdem zeichnet er „fast jeden Tag, und das immer mit Freude“.

Wilsberg ist ein großer Wurf. Wie der leicht übergewichtige und sentimentale Privatdetektiv durch Münster schlurft, um einen Fall von Kindesmissbrauch aufzudecken, ist spannend zu lesen und künstlerisch gelungen. Jörg Hartmann kann nicht nur brillant zeichnen und kolorieren, sondern auch gut erzählen – mit spannenden Perspektiven und ungewöhnlichen Kompositionen. In seinen Arbeiten hat er zu einer eigenständigen künstlerischen Ausdrucksweise gefunden, wie sie in der deutschsprachigen Graphic-Novel-Szene nur selten zu finden ist.

Hartmann ist durchaus selbstbewusst: Als der Carlsen-Verlag den Wilsberg-Comic nur in einem kleinen Format herausgeben will, obwohl die Originale im A3-Format gezeichnet wurden, handelt er eine Sonderregelung aus. Dann gründet er einen eigenen Verlag und publiziert eine auf 300 Exemplare limitierte Sonderedition im Großformat.

„Wilsberg hat Potenzial“, sagt Hartmann und verweist auf die hohen Zuschauerquoten im Fernsehen. Auch für den Comic läuft es gut. Renommierte Feuilletonredaktionen haben über das Buch berichtet, auch Radiosender und Fernsehteams standen schon im Atelier. Beste Aussichten also für eine Fortsetzung der Wilsberg-Comics.

Kinderbücher, Aquarelle, Graphic Novels

Dass er sein Handwerk versteht, zeigen auch die anderen Arbeiten. In den Kinderbüchern sind die Zeichnungen runder und die Perspektiven angepasster, die Farben fröhlicher und die Konturen weicher. Bei den großformatigen Architektur- und Landschaftsaquarellen, die Hartmann in limitierter Auflage in seinem Atelier verkauft, setzt er hingegen auf Komposition und Lichtführung. Wenn er Auftragsarbeiten wie die Graphic Novel Die große Transformation - Klima: Kriegen wir die Kurve? zeichnet, reduziert er den Strich auf ein Minimum, um die schwierige Materie anschaulich zu vermitteln.

Im Übrigen hat Hartmann inzwischen Wurzeln in Münster geschlagen. Seine Tochter ist hier geboren, und an Ideen mangelt es auch nicht. Gerade schreibt Hartmann an einem Drehbuch für eine weitere Graphic Novel. Das Thema verrät er nicht, aber die Geschichte sei „für Erwachsene, und ziemlich ernst“.

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

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December 2013

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