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Inhaltlich und ästhetisch feine Nuancen – Line Hoven

Diashow Line Hoven
Diashow

Eine junge Frau wischt mit kreisenden Handbewegungen die vereiste Scheibe eines Busses frei und blickt erwartungsvoll auf die winterliche Landschaft eines amerikanischen Vorortes. Es ist die Großmutter der Comiczeichnerin Line Hoven, die 1942, kurz bevor sie ihren zukünftigen Mann treffen wird, aus dem Fenster schaut. Die USA befinden sich im Krieg mit Deutschland, und auch Hovens damals gerade volljährig gewordener Großvater Harold Lorey will gegen den Willen seines Vaters den amerikanischen Streitkräften beitreten, um Europa von den Nationalsozialisten zu befreien. Zu seiner großen Enttäuschung wird ihm dies aus gesundheitlichen Gründen verweigert. Seine zukünftige Frau Catherine ist dagegen sehr erfreut darüber, dass er nicht in Übersee sein Leben aufs Spiel setzt. Nach dem Krieg kommt ihre gemeinsame Tochter Charlotte auf die Welt, die später einen Deutschen heiraten wird!

In ihrem Comicdebüt Liebe schaut weg erzählt Line Hoven einfühlsam die Familiengeschichte ihrer Eltern und Großeltern, die aus den USA und Deutschland stammen. Für alle Beteiligte völlig unerwartet, und anfänglich auch auf Widerstand stoßend, sind ihre Familien plötzlich über Kontinente, Historien und Vorurteile hinweg miteinander verbunden. Hovens Mutter Charlotte Lorey beginnt ein Germanistikstudium und lernt in Bonn während ihrer Auslandssemester Reinhard Hoven kennen und lieben. Als die beiden den Entschluss fassen zu heiraten und es ihren Eltern bei einem gemeinsamen Treffen erstmals verkünden, erleben sie eine herbe Enttäuschung. Ihre Liebe zueinander kann die Vergangenheit nicht vergessen machen. Während sich Line Hovens deutsche Großeltern im Sommerlager der Hitlerjugend kennengelernt hatten, war ihr amerikanischer Großvater dazu bereit, gegen die Nationalsozialisten in den Krieg zu ziehen. Fast hätten sich ihre jetzigen Großväter im Krieg gegenübergestanden. So verwundert es kaum, dass Lorey der Heirat seiner Tochter mit Reinhard Hoven zunächst nicht zustimmt.

Als Einstieg für ihren Comic hat Line Hoven die Abbildung eines Wohnraumes gewählt, hinter dessen Fenster man einen Garten mit Sträuchern und Bäumen erahnen kann. Kisten und Umzugskartons stehen verstreut herum, die Möbel sind mit Laken abgedeckt. Dem Betrachter erschließt es sich nicht, ob der Raum ein- oder ausgeräumt wird. In der rechten unteren Ecke des Bildes steht ein Zitat von Woody Allen: „I wondered if a memory is something you have or something you’ve lost...“ Die Illustration ist eine Metapher für den Umgang mit der Vergangenheit. Ob man einzelne Episoden zu verbergen versucht oder gar verpackt, ob man sie offen zugänglich macht oder wie einen ungenutzten Wohnraum komplett konserviert. Line Hoven hat sich mit ihrem Comic Liebe schaut weg der Geschichte ihrer Familie genähert. Sie hat die Laken gelüftet und die Kisten geöffnet. Über Jahre hinweg hat sie Interviews mit ihren Familienmitgliedern geführt, Fotoalben gewälzt und eine aufwendige historische Recherchearbeit geleistet. Sie hat versucht, die Vergangenheit detailgetreu abzubilden, auch darum wissend, dass es ihr nie perfekt gelingen wird. Gegenstände, Gebäude, Kleidung, Interieurs und Zeitgeschichte kann man nachforschen, doch die Chronik einer Familie beruht auf subjektiven Erinnerungen der Zeitzeugen, die nicht immer deckungsgleich sind. Man wird in eine Familie hineingeboren und kann sich niemals völlig lossagen. Es bleibt einem selbst überlassen, wie man damit umzugehen versucht.

Mit Liebe schaut weg ist Line Hoven ein außergewöhnlicher Comic gelungen. Außergewöhnlich, weil sie ohne Wertung über drei Generationen hinweg die Geschichte ihrer Familie erzählt und dabei parallel sehr behutsam die Themen Erinnerung, Gedächtnis und Verdrängung behandelt. Darüber hinaus sind ihre Illustrationen von bestechender Qualität, die sie in einer arbeitsintensiven Technik erstellt. Aus schwarzem Schabkarton kratzt Hoven kontrastreich weiße Linien, Flächen und filigrane Texturen, wodurch ihre ohnehin ausdrucksstarke Bildsprache und -komposition zusätzlich betont wird. Liebe schaut weg ist ein nachhaltiger Comic, den es lohnt mehrmals zu lesen und zu betrachten. Immer wieder entdeckt man aufs Neue sowohl auf der inhaltlichen als auch ästhetischen Ebene feine Nuancen, die ihn zu den interessantesten deutschsprachigen Comicpublikationen der letzten Jahre machen.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Dezember 2008