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„Moresukine“ und darüber hinaus – Titus Ackermann im Gespräch mit Dirk Schwieger

Dirk Schwieger, © Dirk SchwiegerDirk Schwieger hat 2006 ein Jahr lang in Tokyo gelebt und darüber in seinem interaktiven Comic-Blog „Moresukine“ berichtet. Jetzt sind die Aufzeichnungen in Buchform erschienen. Zeit für ein Gespräch unter Kollegen über die Hintergründe dieses Projekts – Titus Ackermann, selbst Zeichner und Macher des Comicmagazins „Moga Mobo“, stellte die Fragen.

Dirk, bevor wir auf Dein Buch „Moresukine“ näher eingehen, erzähl mir doch kurz etwas zu Deinem künstlerischen Werdegang.

Ich wurde 1978 in Frankfurt am Main geboren, habe dort auch die Schule besucht und bin nach einem kurzen Zwischenspiel in Hamburg dann in Berlin gelandet, wo ich von 2000 bis 2005 an der Universität der Künste Bildende Kunst studiert habe – zuerst bei Georg Baselitz, und nach seinem Weggang dann als Meisterschüler von Daniel Richter.

Große Namen. Wolltest Du Maler werden?

Ehrlich gesagt nein. Ich wollte den Austausch mit Leuten unterschiedlichster Couleur. Als ich in meine erste Fachklasse kam, gab es da neben den obligatorischen Malern auch Leute, die an Skulpturen, Graffiti, Performances oder Hologrammen gearbeitet haben. Und ich hatte vor allem viel Zeit und Ruhe, um mich mit Comics auseinanderzusetzen.

Welche Comics hast Du zu der Zeit gelesen?

Hauptsächlich deutsche, US-amerikanische und französische Indie-Comics, die Manga kamen erst später. Ich bin schon mit den üblichen frankobelgischen Alben und US-Superhelden sozialisiert, habe dann aber irgendwann über Vertigo-Titel wie Neil Gaimans Sandman die Kurve zu alternativen Comics wie Dave Sims Cerebus oder Larry Marders Beanworld genommen.

An der Kunsthochschule entstand ja dann auch bald Deine Reihe „ineinander“. Eine ungewöhnliche Comicserie, und dann auch gleich im „eigen verlag“ publiziert?

Also so ungewöhnlich ist das Projekt auch nun wieder nicht (lacht). Aber damals bin ich schon mit dem Willen angetreten, mal kräftig aufzuräumen – es gibt keine psychologischen Figuren und oft geht der Focus von der „Handlung“ in Detailbetrachtungen und manchmal Lyrik über. Und die Aufteilung der Panels auf den Seiten war immer Ergebnis der Frage: „Wie könnte man es noch erzählen?“

ineinander, © Dirk Schwieger

Von ineinander sind während meines Studiums fünf Hefte in loser Folge erschienen, direkt nach meinem Abschluss bin ich dann allerdings erstmal nach Japan gegangen ...

Das ist auch ein guter Übergang: Erzähl mir was über Japan, warum Du hingegangen bist, wie lange, was Du da getrieben hast und wie es letztendlich zu diesem außergewöhnlichen Comicprojekt gekommen ist?

In den Jahren meines Studiums hatte sich einfach viel Fernweh angestaut und das konnte sich mit einem Mal entladen. Japan hatte mich schon eine Weile durch seine schiere Entfernung angezogen, räumlich wie kulturell. Ich wollte den Moloch Tokyo erleben und eine hoch industrialisierte Nation, die sich so gar nicht auf der Grundlage westlicher Ideen und jüdisch-christlicher Traditionen organisiert. Und als Comiczeichner war für mich natürlich das Phänomen der Manga sehr spannend, die ein viel professioneller hergestelltes, viel selbstverständlicher wahrgenommenes Medium als in Deutschland sind.

Geld war nur für die ersten ein, zwei Monatsmieten da, mit viel Glück habe ich aber einen Job als Übersetzer in einer Tokyoter Softwarefirma in Ryogoku finden und ein ganzes Jahr bleiben können. Zuerst habe ich in Uguisudani, dann in Otsuka gelebt. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war es also kein Abenteuerurlaub mehr, sondern einfach Alltag. Ich habe gearbeitet, habe Freunde getroffen und bin durchs Land gereist.

Im Sommer bin ich dann noch in den kühleren Norden gefahren und habe zwei, drei Monate auf einem Biobauernhof in Hokkaido gearbeitet – Traktor fahren, Auberginen ernten, Käfer zerdrücken und so.

Wie entstand nun die Idee zu dem Comicbuch?

Also zu Beginn war von einem Buch noch gar keine Rede. Tatsächlich geht das Ganze auf eine Anregung von Ulli Lust zurück, etwas aus Tokyo auf ihrer electrocomics-Webseite zu posten. Daraufhin habe ich mir dann Gedanken gemacht und das Konzept für Moresukine entwickelt.

Was ist denn genau das Konzept gewesen?

Moresukine wurde in wöchentlichen Kapiteln als Blog veröffentlicht. Leute aus aller Welt konnten mir dabei Aufgaben stellen, die mit Tokyo zu tun hatten – einen bestimmten Ort aufsuchen, eine bestimmte Person treffen oder ein bestimmtes Thema behandeln – mit dem Zusatz, dass ich nichts ablehnen durfte, sondern alle Missionen der Reihe nach ausführen musste. Eine Woche später konnte man dann in Comicform nachlesen, was ich dabei erlebt habe.

Moresukine, © Dirk Schwieger

Ich wollte einfach nicht mit dieser westlichen Künstler-Hybris berichten, so „Schaut her, das und das ist Japan“, sondern andere Leute entscheiden lassen, was erzählenswert ist. Moresukine ist dadurch mindestens genauso sehr eine Reportage über den globalen Sehnsuchtsort Japan geworden. Leser oder vielmehr Mit-Autoren aus Finnland, Argentinien oder den USA wussten oftmals besser Bescheid über Adressen, Namen oder Öffnungszeiten vor Ort als ich.

Der zweite Aspekt ist, dass ich mich mit diesem Motiv der Aufgabenerfüllung der japanischen Gesellschaft strukturell annähern wollte: Ein bisschen sollte es Japan einfangen, dass das Projekt gemeinschaftlich im virtuellen Raum entstanden ist, oder dass ich zum Beispiel wie ein Avatar aus einem Computerspiel durch dieses „fiktive“ Wunsch-Japan gejagt wurde. Dass letztendlich aus dem Blog ein Buch wurde, das hat sich erst nach meiner Rückkehr aus Japan ergeben. 2006 gab es übrigens bereits vor der regulären deutschen Publikation eine chinesische Raubkopie, die mit den 72-dpi-Seiten aus dem Blog gearbeitet hat, als Print-on-demand. Mittlerweile ist das Buch allerdings auch ganz legal und in besserer Qualität auf Englisch erschienen.

Ein schönes Buch, nicht nur für Japanreisende, aber für diese ganz besonders. Mir jedenfalls hat es großen Spaß gemacht. Was darf man denn als nächstes Comicprojekt von Dir erwarten?

Nun, zum einen gilt es ja immer noch, ineinander weiter zu führen. Sobald sich da mal ein Zeitfenster ergibt, werde ich mich auf jeden Fall ans nächste Heft machen.

Meine eigentliche Hauptbeschäftigung ist aber zurzeit (und mit diversen Unterbrechungen seit 2003) mein Buch People Not Seen, eine Dokumentation über die Elfen auf Island. Ich weiß nicht, ob Du davon gehört hast, aber obwohl Island so eine unglaubliche High-Tech-Gesellschaft ist, gibt es nach wie vor einen latenten Glauben an eine unsichtbare, zweite Nation. Sogar das Straßenbauamt baut die Autobahnen um die Felsen herum, in denen diese Wesen hausen sollen. Ich habe dort ein Jahr gelebt und bin im ganzen Land herumgefahren, um Augenzeugen zu interviewen. Obwohl meine Reportage also ein absolut knallhart recherchierter Tatsachenbericht ist, lesen sich diese Aussagen wie moderne Märchen, und wenn sie auch längst nicht in allem übereinstimmen, scheint es doch so zu sein, dass die Elfen den Menschen in ihrer Technologie haushoch überlegen sind. Sie reiten nicht mehr auf Pferden, sie fliegen mittlerweile in UFOs.

People Not Seen, © Dirk Schwieger

Es geht also im Grunde um eine detailgenaue Dokumentation über etwas Unsichtbares. Um die 200 Seiten sollen es werden, aber ich habe gerade erst so richtig mit dem Zeichnen angefangen. Auf electrocomics gibt es auch hiervon eine kleine Vorschau, auf Deutsch und Englisch.

Das Gespräch führte Titus Ackermann.

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Januar 2010

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