Autorencomics

Tiefsinnig und urkomisch, lehrreich und unterhaltsam – Dirk Schwieger

Dirk Schwieger ist der Konzeptkünstler unter den deutschen Comiczeichnern. Für ihn muss ein Comic mehr sein als eine gute Geschichte. Der Gedanke hinter der Geschichte zählt. Schwiegers Werke sind vielschichtig: tiefsinnig und urkomisch, lehrreich und unterhaltsam.

Copyright: Dirk Schwieger
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Als er mit 28 Jahren nach Japan reist, um einige Monate in Tokio zu leben, bittet er über einen Comic-Blog seine Leser, ihm per Mail Aufgaben zu stellen. Das Konzept ist simpel, doch die Aufträge haben es in sich. Mal muss Schwieger eine Nacht in einem Liebeshotel verbringen, dann soll er eine martialisch aussehende Motorradgang verfolgen. Mit schnellen Filzstift-Zeichnungen und knappen Worten schildert er seine Erfahrungen wöchentlich auf vier Comicseiten: Die Angst, die er verspürt, als er den hochgiftigen Kugelfisch vertilgt. Oder die Scham, als durch eine Fehlbedienung die Toilettenspülung den Raum unter Wasser setzt. Aus den feinsinnig und selbstironischen Betrachtungen entsteht später das Buch „Moresukine“. Die handliche Publikation, die inzwischen auch in die englische und japanische Sprache übersetzt wurde, ist wohl einer der skurrilsten und authentischsten Japan-Reiseführer der Welt.

Dirk Schwieger ängstigt sich nicht davor, sich fremd zu fühlen oder ein Außenseiter zu sein. Als er sich nach ein paar Semestern Neuer deutscher Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte beim Künstler Georg Baselitz an der Berliner Universität der Künste (UdK) bewirbt, nimmt ihn dieser erst auf, nachdem er sich vergewissert hat, dass es keinen anderen Ort für Comiczeichner gibt. In der Malklasse trifft Schwieger auf alle, die sonst nirgends unterkamen – wie etwa Performance-Typen und Graffiti-Künstler. „Da habe ich mich zuhause gefühlt“, sagt Schwieger, und ergänzt: „Von Baselitz habe ich den Geist mitbekommen, gerne Außenseiter zu sein“. Daniel Richter, der die Klasse später übernimmt, kennt sich in der Comicszene aus und gibt viele konkrete Impulse. Im Jahr 2005 beendet Schwieger sein Studium als Meisterschüler von Richter und geht auf Reisen. Er verbringt mehrere Monate in den Vereinigten Staaten, in Russland, Japan und Island. Eine „unglaubliche Bereicherung und Erweiterung für die eigene Kunst“, so Schwieger.

Der Aufenthalt in Island während des Studiums beeindruckt Schwieger; von 2002 bis 2003 lebt er auf der Polarinsel, und es entsteht die Idee, ein Comicprojekt über „Elfen“ zu beginnen. Schwieger führt Gespräche und Interviews, sammelt Zeitungsartikel und Literatur. „Diese Fabelwesen bilden eine Art unsichtbare Nation, und was eignet sich mehr als ein Comic, diese Welt zu dokumentieren“, findet er und beginnt zu scribbeln.

Die ersten Seiten, die als kostenloser Comic bei electrocomics erscheinen, vermitteln eine Vorahnung des vielschichtigen Projekts. Mit einem ethnologisch-wissenschaftlichen Blick charakterisiert Schwieger die Menschen anhand winziger Details. Auf einer Doppelseite des „Elfenprojekts“ stellt er beispielsweise zwölf Personen vor, die eine Antwort auf die Frage geben, was Elfen sind. Die übergewichtige Heidrun beschreibt sie als „Leute wie wir, die in einer Parallelwelt leben“, der intellektuelle Bödvar hingegen hält sie für das „Hollywood Islands“, und Petur im groben Karohemd behauptet, er habe in seinem „ganzen Leben noch nie irgendjemand getroffen, der an diesen Quatsch glaubt ... (Außer vielleicht in dem kleinen Dorf, aus dem ich stamme)“.

„Jeder Comic arbeitet mit sichtbaren und unsichtbaren Impulsen“, erklärt Schwieger. Der Betrachter müsse den unsichtbaren Freiraum zwischen Bildern in seinem Kopf zu einer Narration verbinden. Erst durch die Fantasie und die Vorstellung des Lesers werde aus den Fragmenten eine stimmige Geschichte. 2013 reist Schwieger erneut nach Island, um einen „frischen Eindruck“ zu bekommen von dem Land, dessen Bevölkerung bis heute gezeichnet ist von den Folgen der internationalen Bankenkrise. Dann soll aus dem Projekt, das inzwischen den Titel "People not seen“ trägt, ein eigener Comic werden.

Mitte 2010 wird Schwieger zum zweiten Mal Vater. Um nebenbei „etwas Sinniges zu tun“, übersetzt er die „Beanworld“-Comic des US-amerikanischen Zeichners Larry Marder ins Deutsche. Die philosophischen Strichmännchencomics sind für Schwieger eine „großartige Mischung aus Kinderbuch und Konzeptkunst mit unglaublich lebensklugen Äußerungen und sehr witzigen Wendungen“ . Das Buch mit den Bohnenmännchen aus dem Ventil-Verlag wird vom Magazin Comicgate zum „Comic des Jahres 2012“ gekürt.

Den Kontakt zu Japan hält Schwieger über die Jahre ebenfalls aufrecht: Aus Anlass des 150-jährigen Jubiläums der deutsch-japanischen Beziehungen ruft er Anfang 2011 eine Art gezeichneten Briefdialog zwischen Manga- und Comiczeichnern ins Leben: Der Blog Nichimandoku steht für Nichi = Japan + Man = Manga + Doku = Deutschland. Der Reaktorunglück von Fukushima verleiht den Zeichnungen plötzlich eine völlig neue Wendung. Der Blog wird zu einem eindrucksvollen Zeitdokument.

Wort und Bild gehören für Schwieger untrennbar zusammen. Beide Zeichensysteme müssen sich aneinander reiben und miteinander verwoben werden. „Ich bin kein Schriftsteller, sondern ein Bildsteller“, sagt Schwieger. Erst wenn ein Panel einen wichtigen Gedanken enthält und zugleich für sich selbst steht, ist die Geschichte gelungen. Auch deshalb trifft der Begriff des „Comicautoren“ auf Dirk Schwieger so gut zu wie auf kaum einen anderen.

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2013

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