Autoren-Comics

Die multimedialen Comic-Formate von Thorsten Kiecker

Thorsten Kiecker. ©Stenarts Ltd.Comiczeichner? Der Begriff ist Thorsten Kiecker zu eng. Der Berliner Multimedia-Künstler, der mit seinem Team unter anderem die Fantasy-Comicreihe Ria – Die Lichtklan-Chroniken geschaffen hat, sieht sich „mehr als Regisseur und weniger als Zeichner“, wie er beim Gespräch im Büro seiner Firma Stenarts in Berlin-Kreuzberg erzählt. 

Ebenso wichtig wie die Arbeit an Zeichnungen und Panelaufteilungen, Handlungselementen und Texten sei ihm, im Zusammenspiel mit anderen seine Geschichten multimedial umsetzen zu können. Zum Beispiel in Computeranimationen, Apps für Smartphones oder so genannten Augmented-Reality-Programmen, mit deren Hilfe man Elemente eines Comic-Albums parallel zur Lektüre auf einem Tablet-Computer als dreidimensionale Ansicht erscheinen lassen kann.

„Ria“ – Mischung aus Comic, Animation und Computerspiel

Die bislang veröffentlichten zwei Bände der auf vier Teile angelegten Reihe Ria (erschienen im Splitter-Verlag) stechen vor allem durch ihre außergewöhnliche visuelle Anmutung aus dem Fantasy-Comicgenre heraus. Die Hauptfigur ist ein katzenartiger Jäger namens Loan. In einer an Herr der Ringe erinnernden Fantasiewelt weckt er eine mit einer magischen Aura ausgestattete junge Frau aus einem langen Schlaf. Das setzt eine Kette dramatischer Ereignisse in Gang. Gejagt von den Mächten des Bösen, begeben sich die beiden auf eine vor allem zeichnerisch beeindruckende Odyssee. Mit einem bei deutschen Comics selten zu sehenden Feingefühl für Kolorierung, an Trickfilme erinnernde Bewegungs- und Lichteffekte und fast dreidimensional wirkenden Raumdarstellungen sowie durch die enorm dynamisch gezeichneten Figuren vermittelt Ria die Anmutung einer Mischung aus Comic, Animation und Computerspiel.

Diashow Thorsten Kiecker
Diashow

Das hat viel damit zu tun, dass Kiecker und sein knapp ein Dutzend Mitarbeiter umfassendes Atelierteam tatsächlich einen Großteil ihres Geldes mit der Entwicklung von Figuren und Programmen für Computerspiele sowie anderen kommerziellen Grafik-Dienstleistungen verdienen. Der Comic ist da wirtschaftlich gesehen eher ein Nebenprodukt, aber inhaltlich doch eine Herzensangelegenheit, wie Kiecker und einer für die künstlerische Ausführung mitverantwortliche Zeichner Christian Retzlaff in ihrem Besprechungsraum mit Blick über Berlins Dächer erzählen.

Von den Ria-Alben sind bereits in den Niederlanden, Dänemark und Frankreich Übersetzungen auf dem Markt, kommendes Jahr soll der dritte Band erscheinen. Daneben arbeiten Kiecker und sein Team an vielfältigen Multimedia-Projekten rund um die Marke. So gibt es die interaktive Reihe Ria – die Licht-Knirpse, deren Figuren eine verniedlichte und auf jüngere Leser abzielende Version der Comic-Hauptfiguren sind. Kiecker nennt dies die Chibi-Variante seiner Erzählung, ein Begriff, der im japanischen Manga für die Darstellung von Charakteren in kindlicher Form steht. Darüber hinaus arbeitet das Stenarts-Team an einer Chibi-App, einem Computerspiel mit den Figuren für jugendliche Smartphone-Nutzer. Beim Besuch des Stenarts-Studios gibt es Storyboards und Designentwürfe an den Wänden sowie vielfältige Animationsbeispiele auf den Computern zu sehen. „Das ist unser Mini-Hollywood“, sagt Kiecker.

Gelerntes Handwerk

Gelernt hat der 1971 geborene Berliner sein Handwerk bei zwei Unternehmen, die für den deutschen Comic und den Trickfilm von großer Bedeutung sind. Als Autodidakt kam er in den frühen 1990er Jahren zum Berliner Zeichentrickstudio Hahn-Film und arbeitete dort an Projekten wie einer Asterix-Adaption mit. Ab 1993 verdiente er dann bei der Zeitschrift Mosaik im Verlag Steinchen für Steinchen sein Geld als Zeichner. Hier erscheinen die Abenteuer der einstigen DDR-Comic-Helden Abrafaxe, die inzwischen bundesweit populär sind. Im Jahr 2000 verließ Kiecker den Verlag und in den folgenden Jahren gründete der vierfache Familienvater sein eigenes Unternehmen Stenarts, benannt nach dem Spitznamen, den ihm seine Frau gegeben hat.

Bei Ria verbindet Kiecker seine Leidenschaft für das Fantasy-Genre mit Erzählungen wie Michael Endes Die Unendliche Geschichte oder Filmen wie das Fantasy-Puppen-Abenteuer Der dunkle Kristall. Auch Comic-Pioniere wie die Franzosen Loisel, von dem der Fantasy-Vierteiler Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit stammt, und Jean Giraud alias Moebius (Der Incal) nennt er als Vorbilder.

Multimediale Comic-Formate

Kieckers großes Ziel ist es, die Möglichkeiten der Kunstform Comic über die Begrenzungen des zweidimensionalen Druckseiten-Formats hinaus zu entwickeln. Wohin das führen soll, zeigt er anhand mehrerer noch nicht veröffentlichter Prototypen von Animationen, an denen er und sein Team derzeit arbeiten. So gibt es einzelne Szene aus dem Ria-Comic als sogenannten Parallax-Scrolling-Version auf dem Tablet-Computer zu sehen: Je nachdem, wie der Betrachter das Tablet hält, scheinen sich die Kulissen der Handlung dreidimensional zu verschieben. Und bei der Augmented-Reality-Umsetzung von Szenen aus dem Album schreitet die Hauptfigur Loan auf einem aus dem Bildschirm herausragenden Ast dem Betrachter scheinbar entgegen. Mit anderen in der Entwicklung befindlichen Programmen soll der Leser auf Grundlage der Comic-Handlung in interaktiven Versionen der Geschichte mit entscheiden können, wie sich die Geschichte weiter entwickelt.

Lars von Törne 
ist Redakteur beim „Tagesspiegel“ in Berlin und betreut dort unter anderem die Comicseite (www.tagesspiegel.de/comics).

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Oktober 2013

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