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„Immer im Dienst der Geschichte“ – Interview mit Ulli Lust

Ulli Lust, Avant-VerlagUlli Lust Für das Buch Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens hat Ulli Lust den Max-und-Moritz-Publikumspreis des Comic-Salons in Erlangen 2010 bekommen. Außerdem hat sie den Independent-Comic-Preis vom Interessenverband Comic (ICOM) erhalten.

Herzlichen Glückwunsch, Ulli Lust! Was bedeuten die Auszeichnungen für dich?

Ich freue mich sehr. Man bekommt gerne gesagt, dass man gute Arbeit geleistet hat. Natürlich ist mit dem Max-und-Moritz-Preis der Newcomer-Status jetzt weg. Für mich ist wichtig, dass ich den Publikumspreis bekommen habe. Er zeigt, wie gut die Leser auf mein Buch reagiert haben. Das ist erfreulich. Leider ist der Preis nicht dotiert, man bekommt eine Medaille und ein großes hartes Stück Brot in der Form von Max und Moritz. Der ICOM-Preis ist ein kleiner Preis, der nur an Werke von Independent-Verlagen verliehen wird. Aber die Macher sind so anständig, ein bisschen Geld draufzulegen.

Dein Buch ist im September 2009 erschienen. Was ist seither geschehen?

Die Reaktionen auf das Buch sind unfassbar positiv. Die meisten Menschen reagieren extrem begeistert. Ich bekomme zum Beispiel Mails von kleinen Mädchen, die mir schreiben, dass sie nicht schlafen konnten, weil sie das Buch fertig lesen mussten. Hoffentlich waren die Mädchen nicht zu klein (Lacht). Nein, die Lektüre ist ein Ersatz. Die Mädchen lesen ja, dass es nicht immer gut endet, wenn man einfach loszieht. Insofern hat das Buch sogar einen pädagogischen Effekt, auch wenn dieser nicht intendiert war.

Welche Bedeutung haben für dich die Geschichte und die Zeichnung?

Ich gehe immer vom Inhalt und von der Geschichte aus, bevor ich überhaupt über die Zeichnung nachdenke. Die Zeichnung entsteht aus dem Inhalt. Es gibt Zeichner, die sehr formal arbeiten und schöne Tafelbilder produzieren. Bei mir dient die Zeichnung immer der Erzählung. Wenn in meinen Zeichnungen sehr atmosphärische Bilder auftauchen, dann geschieht dies mit Absicht, dann gehört das zu der Atmosphäre, die erzeugt werden soll. Dieser Pragmatismus hat manchmal auch zur Folge, dass manche Zeichnungen von mir sehr nüchtern aussehen.

Ulli LustWie arbeitest du?

Der Prozess ist ein wenig wie beim Schreiben. Zuerst ist da eine Idee. Diese verdichtet sich dann nach und nach. Dann fange ich an zu zeichnen und arbeite mich langsam vor. Oft überarbeite ich die Zeichnungen. Diese stehen immer im Dienst der Geschichte. Ich kenne ein paar Comic-Zeichner, die nicht wahnsinnig gut zeichnen, aber tolle Geschichten erzählen, in die man so richtig reinkippt. Wenn die Zeichnungen gut sind, der Zeichner aber nichts zu erzählen hat, dann verfliegt der Reiz schnell.

Verändert sich der Blick für das eigene Buch mit der Zeit?

Die ersten Monate nach dem Erscheinen kann man das eigene Werk nicht beurteilen. Ein oder zwei Jahre später kann man es wieder anschauen, als ob man es nie gesehen hätte. Im Moment kann ich mein Buch nicht lesen und überhaupt nicht einschätzen. Mir fehlen die Parameter es zu bewerten. Wenn mir die Leute sagen, sie haben mein Buch gerne gelesen, so glaube ich das ebenso, wie wenn sie mir sagen würden, dass sie es total scheiße finden.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Comic?

Das Buch ist extrem gut vom Publikum und den Verlagen angenommen worden. Es erscheint im Oktober im italienischen Rizzoli-Verlag, in Frankreich beim Verlag Ça et Là und in Spanien bei Libros Cupula. Der schwedische Galago-Verlag hat beim Goethe-Institut um Übersetzungshilfe gebeten, weil er es alleine nicht finanzieren kann, aber da laufen die Verhandlungen noch.

Woran arbeitest du gerade?

Ich will einen Roman als Comic adaptieren. Da muss aber noch einiges mit dem Verlag geklärt werden. Außerdem gebe ich regelmäßig Workshops. Im nächsten Semester bekomme ich einen Lehrauftrag an einer Universität. Und dann habe ich ja auch noch den Electrocomics-Verlag im Internet. Da könnte ich zwar irrsinnig viel machen, aber das will ich gar nicht. Meine Arbeit soll ja auch noch Spaß bringen.
Rieke C. Harmsen
stellte die Fragen. Sie ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

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Juni 2010
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