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Sinn für unkonventionelle Ideen – Ulli Lust

Copyright: Ulli Lust
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„Was ist der langsamste Selbstmord? Geboren zu werden, und abzuwarten, bis es vorbei ist.“ Mit 17 Jahren notiert Ulli Lust diese Zeile in ihr Tagebuch – im selben Jahr, als sie als junge Punkerin zusammen mit ihrer Freundin Edi ohne Geld oder Papiere nach Italien trampt. Die Notiz befindet sich am Ende der Graphic Novel Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens.

Der 460-seitige Bildroman entfaltet ab der ersten Seite eine unglaubliche Sogwirkung. Mit Bleistift und Tusche schildert Ulli Lust die einzelnen Stationen ihrer Reise. Denn das zunächst heitere Roadmovie wird zum Albtraum: Die Mädchen werden von Männern belästigt und gedemütigt, Ulli vergewaltigt, die Freundin drogensüchtig, am Ende gelingt ihnen die Flucht vor der Mafia.

Vier Jahre zeichnete Ulli Lust an dem Comic, obwohl sich zunächst kein Verleger bereit erklärte, die Geschichte zu drucken. Als das Werk schließlich im Berliner Avant-Verlag erschien, wurde es von Medien und Lesern euphorisch aufgenommen. Im Jahr 2010 erhielt Lust auf dem Erlanger Comicfestival den ICOM „Bester Independent-Comicpreis“, ein Jahr später folgten der Prix Artemisia für die französische Ausgabe Trop n’est pas assez und der „Prix révélation“ auf dem Comicfestival in Angoulême. Ulli Lust, so das Urteil der Jury, habe ein Meisterwerk geschaffen mit einer außergewöhnlichen Bildsprache und einer dichten Atmosphäre in der Erzählung.

Der schonungslose Blick auf die eigene Person und die sie umgebende Gesellschaft ist eines der Markenzeichen von Ulli Lust. Die Zeichnerin, die 1967 in Wien geboren wurde, wuchs in einer frommen katholischen Umgebung auf. Als 15-jährige schmiss sie die Schule und ging an eine Fachschule für Design und Modezeichnung nach Wien. In der Stadt lernte sie die Punk-Szene kennen und beschloss, nach Italien zu trampen. Kurz nach ihrer Rückkehr kam der Sohn Philipp zur Welt.

Seit 1995 lebt Ulli Lust in Berlin, einer Stadt, in der sie sich „künstlerisch am besten entfalten kann“, wie sie mit leichtem Wiener Akzent erzählt. Von der Kunsthochschule in Berlin Weißensee lernte sie die „Kunst der narrativen Zeichnung“. Zusammen mit ihren Kommilitonen Tom Dinter, Jens Harder, Kathi Käppel, Mawil und Karl Pfeiffer gründete sie eine Ateliergemeinschaft und die Comic-Gruppe „Monogatari“ – der japanische Begriff bedeutet „Geschichten erzählen“.

Im Comic-Debüt Alltagsspionage (2001) machte es sich die Gruppe zur Aufgabe, kleine Comicreportagen aus Berlin zu erzählen. Ulli Lust zeichnete im Weddinger Einkaufszentrum am Gesundbrunnen - die gelangweilte Verkäuferin, die den Blumenstrauß auf ihrem Tisch zurechtrückt, eine genervte Mutter, die angesichts ihrer schreienden Kinder „Ich dreh’ gleich durch“ brüllt, eine brabbelnde Alte auf einer Bank.

Manche Zeichnung erinnert an die sozialkritischen Milieustudien der „Simplicissimus“-Autoren, die Lust als Vorbild betrachtet. Geprägt haben sie weiterhin die Zeichner Gilbert Hernandez und Art Spiegelman, aber auch die feministische Autorin Marilyn French und der Österreicher Odon von Horvath.

In der Erzählung Springpoem aus dem Jahr 2006 lässt sie sich vom Mythos einer Erdgöttin inspirieren, die mit ihrer körperlichen Liebe zu einem Mann die Natur zum Leben erweckt. In formal streng reduzierten Panels erzählt sie die erotische Geschichte einer jungen Frau, die masturbiert, sich vor wildfremden Männern und Frauen entkleidet und diversen sexuellen Vergnügungen hingibt, bis sie ihren Liebhaber findet. Eine höchst vergnügliche Lektüre, in der sich Traum und Wirklichkeit zu einer Burleske der Liebeskunst vermischen.

2008 erscheint im Avant Verlag Berlin das Buch Fashionvictims – Trendverächter: Bildkolumnen und Minireportagen aus Berlin, eine bunte Mischung aus schnoddrigen Zeichnungen, unkonventionellen Geschichten und humorvoller Gesellschaftskritik. Lust experimentiert nun mit Farbflächen und koloriert einzelne Sequenzen. Kongeniale Ergänzung dazu bieten die kurzen Texte von Kai Pfeiffer, dem Lebensgefährten von Ulli Lust.

Ihren Sinn für unkonventionelle Ideen beweist Ulli Lust mit der Gründung des „Verlags für Bildschirmcomics“ www.electrocomics.com. Die Seite wird schnell zu einem angesehenen Portal der Comicszene: Zeichnerinnen und Zeichner aus aller Welt stellen ihre Geschichten als kostenlose PDF-Dokumente zur Verfügung. Mit Spenden können Leser die Arbeit honorieren. 2006 wird Lust für das Portal mit dem „Sonderpreis der ICOM Jury für eine bemerkenswerte Comicpublikation“ ausgezeichnet. Heute kann Ulli Lust vom Comiczeichnen leben.

Derzeit arbeitet sie an einer Comicadaption des Romans Flughunde von Marcel Beyer.

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

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Mai 2010

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