Vieweg, Olivia

Bunte Mischung aus Stilen und Genres – Olivia Vieweg

Olivia Vieweg überschreitet die Grenzen der Genres und Stilmittel mit scheinbarer Mühelosigkeit. Die Weimarer Zeichnerin hat Dutzende Manga-Geschichten für Anthologien wie Paper Theatre gezeichnet. Sie hat die Texte der deutschen Folk-Metal-Rockband Subway to Sally in Bildgeschichten umgesetzt und eine erfolgreiche Katzen-Cartoon-Serie (Warum Katzen besser sind als Männer) gestartet. Ihr Geld verdient sie auch als Illustratorin für Jugendbücher wie Vampirinternat Schloss Schauerfels und für Werbe-Aufträge. In jüngster Zeit hat die 1987 geborene Zeichnerin sich aber vor allem als vielversprechende Graphic-Novel-Autorin einen Namen gemacht.

Während andere Zeichner oft dem einmal entwickelten Stil treu bleiben, sucht die in der ostdeutschen Stadt Jena aufgewachsene Künstlerin stets nach neuen Ausdrucksformen und kombiniert dabei gerne vermeintliche Gegensätze. So besticht ihre 2012 beim Verlag Schwarzer Turm veröffentlichte Graphic Novel Endzeit durch die Verbindung von niedlich anmutender Manga-Ästhetik mit einer gruseligen Zombie-Horror-Geschichte. Und ihre beim renommierten Suhrkamp Verlag veröffentlichte Mark-Twain-Adaption Huck Finn verpflanzt die Grundhandlung des US-amerikanischen Literaturklassikers nach Ostdeutschland und weist zeichnerisch Bezüge unter anderem zu japanischen Anime-Trickfilmen auf.

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Bunte Mischung aus Stilen und Genres

Die Mischung aus Stilen und Genres, die Olivia Viewegs Werk auszeichnet, ist zum Teil das Ergebnis der unterschiedlichen Einflüsse, aus denen sie seit Kindertagen ihre Inspiration bezieht. So hat sie anfangs vor allem europäische Comics wie Tim und Struppi oder Disney-Comics wie die Lustigen Taschenbücher gelesen, als Teenager begann sie dann vor allem Mangas zu konsumieren und zunehmend selbst zu zeichnen. Heute, als Mittzwanzigerin, liest sie Mangas und Comics westlicher Herkunft gleichermaßen. „Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich beim Manga gelernt“, sagt sie rückblickend. Das zeigt sich vor allem im Erzähltempo und der Figurengebung. So bricht Olivia Vieweg oftmals Szenen in viele einzelne Panels herunter, was eine spezielle Dynamik erzeugt und zugleich die Erzählzeit langsamer verstreichen lässt. Und ihre Figuren weisen auch in ihren aktuellen Veröffentlichungen wie Huck Finn dank der großen Augen und der cartoonhaften Reduktion deutlich auf die genannten Vorbilder hin.

Als weiteren wichtigen Einfluss nennt Olivia Vieweg ihr Studium der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar. Vorher sei ihr Lebensziel gewesen, Mangazeichnerin zu werden, sagt sie. An der Universität lernte sie ein größeres Spektrum an Ausdrucksformen und Techniken kennen, dadurch änderte sich auch ihr eigener Stil. So nahm sie von dem in der deutschen Manga-Szene verbreiteten Perfektionismus Abstand, der oft eine etwas leblos wirkende und schematische Anmutung aufweist. Stattdessen begann sie skizzenhafter und freier zu zeichnen. Vorübergehend hatte sie während ihrer Studienzeit vor, Kinderbuchillustratorin zu werden. Aber dann führte die Graphic Novel Endzeit, ihr von den Kritikern sehr positiv aufgenommenes Abschlussprojekt der Bauhaus-Universität Weimar, zu dem lukrativen Auftrag, für den Suhrkamp Verlag ein Buch ihrer Wahl zu adaptieren.

Ein Road-Movie als Graphic Novel

Aus dem Programm des renommierten Verlages wählte sie Mark Twains Abenteuer von Hucklebery Finn – wegen des Road-Movie-Charakters der Handlung, aber auch weil ihr die Geschichte angenehm vertraut war. Allerdings nicht durch die Lektüre des Originals, das sie zuvor nie gelesen hatte – sondern aus den japanischen Anime-Reihen, die den Roman in den 1970er- bis 90er-Jahren als Trickfilmserie adaptierten. Viewegs Adaption zeichnet sich dadurch aus, dass sie wesentliche Handlungselemente des Originals übernimmt, diese aber durch ihre Verortung in Halle an der Saale und durch eine Anpassung der Figuren an das deutsche Umfeld der Gegenwart zu einer ganz eigenständig wirkenden Erzählung macht. Die visuelle Anmutung wirkt jugendlich-leicht, aber die angesprochenen Themen wie Selbstfindung, Ausbeutung, Gewalt und die Suche nach einem menschenwürdigen Leben unter widrigen Umständen sprechen auch erwachsene Leser an.

Olivia Vieweg hofft, dass sich daraus weitere Möglichkeiten ergeben, größere eigene Comic-Projekte zu realisieren. Eine weitere Graphic Novel ist bereits in Arbeit und voraussichtlich Ende 2013 fertig, im Frühjahr 2014 soll sie erscheinen: Die Erzählung Antoinette kehrt zurück basiert auf einem Konzept, für das sie 2012 mit dem neuen Comic-Stipendium des Egmont-Verlages ausgezeichnet wurde. Die Geschichte handelt von einer jungen Frau, die in den USA lebt, aber auf unerwartete Weise mit ihrer deutschen Vergangenheit konfrontiert wird. „Die professionelle Art der Einreichung, die ideenreiche Geschichte, die sprachliche Reife und die Vielzahl der Themen zeugen von großem Talent“, heißt es in der Laudatio der Jury.

Lars von Törne
ist Redakteur beim Tagesspiegel in Berlin und betreut dort unter anderem die Comicseite (www.tagesspiegel.de/comics).

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Juli 2013

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