Isabel Kreitz

Die Hamburgerin Isabel Kreitz gehört zu den ambitioniertesten Comic-Zeichnerinnen Deutschlands. In ihren Comics setzt sie sich sowohl mit dem Phänomen der Jugendkulturen auseinander, als auch mit historischen und politischen Ereignissen der deutschen Geschichte. Ihre Protagonisten bindet sie stets in einen geschichtlichen Kontext ein, meist mit einem lokalen Bezug zu Hamburg.
Ein Paradebeispiel für ihre Arbeit ist der Comic Die Entdeckung der Curry-Wurst (2005). Basierend auf der Novelle von Uwe Timm verknüpft die Zeichnerin in kontrastreichen schwarz-weiß Bildern den Nationalsozialismus mit der Gegenwart und thematisiert die deutsche Vergangenheitsbewältigung. In ihrem ausgefeilten Einsatz von Licht und Schatten spiegelt sich der Einfluss ihres großen Vorbildes Will Eisner wider.
Für ihren ersten Comic Schlechte Laune (2000), der den Beginn einer Serie über das tragische Schicksal des S-Bahnsurfers Ralf markiert, fand sie das perfekte Szenario in den Katakomben und dem U-Bahnnetz der Stadt Hamburg. Der aufgrund eines Unfalls entstellte Jugendliche taucht in den Untergrund ab. Dort trifft er auf weitere Leidensgenossen, mit denen er zusammen versucht, in einer Parallelwelt zu überleben. In den Comics Ohne Peilung (1995) und Totenstill (1997) verwendet Kreitz ein weiteres Mal im verborgen liegende Orte wie Bunker und Kanalisation als Metapher für die Überbleibsel des Nationalsozialismus. Dabei zeigt Kreitz eindrücklich sowohl das Desinteresse der jüngeren Generation an Politik und ihren naiven Umgang mit dem Neonazismus als auch eine laxe Handhabung seitens der Gesellschaft und der Zeitzeugen auf. In ihrem Comic Waffenhändler (1998) prangert sie die über das III. Reich hinaus bestehenden politischen und wirtschaftlichen Verbindungen und Seilschaften an, die auch heutzutage noch die Fäden im Hintergrund ziehen.
Gemeinsam mit Laura Bartels hat Isabel Kreitz für die Deutsche Welthungerhilfe einen Comic über die Entwicklungshilfe in Bolivien gemacht. Trotz des ernsten Themas gelang es dem Duo mit Die Leidenschaft des Herrn Lührs (2001) den informativen Teil mit einer spannenden und heiteren Geschichte über einen kartoffelverliebten Koch auszuschmücken. In diesem Comic tritt das humoristische Talent der idealistischen Comic-Zeichnerin Kreitz zutage, die ihr tägliches Brot mit humorvollen Comic-Strips, wie den Ottifanten und ihrer eigenen an einer Imbissbude spielenden Serie Heiss & Fettig verdienten muss.
Ihr bisher ambitioniertestes Projekt hat die „Ausnahme“-Comiczeichnerin und -autorin Kreitz mit dem voluminösen 258seitigen Comicbuch Die Sache mit Sorge (2008) realisiert. Vor der Erstellung der schwarzweißen Bleistiftzeichnungen erforschte Kreitz ausgiebig die Geschichte Richard Sorges, der „Stalins Spion in Tokio“ war, so auch der Untertitel des Comics.
Um den Lebemann Sorge ranken sich diverse Mythen und Legenden. Als kommunistischer Widerständler wird er in der ehemaligen DDR als Held verehrt, während er in der Geschichtsschreibung des damaligen Westdeutschlands kaum Beachtung findet. Von 1933 an spioniert Sorge für den sowjetischen Militärgeheimdienst den deutschen Botschafter Eugen Ott aus, sowie die in Tokio lebenden Nazigrößen. Nach seiner Verhaftung durch den japanischen Geheimdienst wird er 1944 hingerichtet. Kreitz setzt sich in ihrem spannend erzählten Comic mit dem kontroversen Charakter Richard Sorges auseinander und deckt auf, wie er nach seinem Tod zum Spielball politischer Interessen wurde.
Für ihre Comics recherchiert Isabel Kreitz akribisch genau die historischen Schauplätze und schafft mit ihrem realistischen Zeichenstil eindrucksvolle und zugleich atmosphärisch dichte Szenerien.
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.
Copyright: Goethe-Institut Stockholm
info@stockholm.goethe.org
Mai 2009


















