Geschichte/Politik

Comic-Ikone der alternativen Szene – Gerhard Seyfried

Copyright: Eichborn VerlagDiashow Gerhard Seyfried
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Das Leben des Comiczeichners, Karikaturisten, Drehbuchautors und Literaten Gerhard Seyfried ist geprägt von der 68er Studentenrevolte. Damals noch in München lebend, wurde er nach zwei Jahren Studium von der Akademie für das Graphische Gewerbe verwiesen, weil er einen Streik gegen die Notstandsgesetze organisierte. Daraufhin arbeitete er als selbstständiger Grafiker und Karikaturist und mauserte sich mit seinen frechen Zeichnungen zur Comic-Ikone der alternativen Szene.

Sein vollbärtiger Anarcho-Zwerg mit Bombe und Steinschleuder gehörte zur Grundausstattung einer jeden Wohngemeinschaft. Genauso wie sein „Bullen-Aufkleber“, der die Ordnungshüter gleich an der Eingangstür darauf hinwies, dass sie unerwünscht seien. Beide Figuren wurden von ihm für die linke Satirezeitung „Das Blatt“ entworfen und waren so beliebt, dass sie zu den meistgedruckten – und – geklauten Illustrationen der 70er Jahre gehörten.

Seine satirischen und zynischen Arbeiten sieht Seyfried in der Tradition von Wilhelm Busch und Karl Valentin, während zu seinen zeichnerischen Vorbildern zwei sehr unterschiedliche Vertreter gehören. Dies sind zum einen Gilbert Shelton und seine Hippie-Kultserie Fabulous Freak Brothers, und zum anderen Carl Barks, dessen Entenhausengeschichten damals in der linken Szene aufgrund der vermeintlich versteckten USA-Ideologien harsch kritisiert wurden.

Ende der 70er Jahre zieht es Seyfried nach Berlin, wo er 1981 mit Invasion aus dem Alltag sein erstes farbiges Album veröffentlicht. Darin erzählt er die Erlebnisse einer WG, die zwar den alten politisch aktiven Demo-Zeiten nachtrauert, aber im Grunde an einem guten Joint mehr interessiert ist als an der Änderung des Systems. In Das schwarze Imperium (1986) beweist Seyfried Selbstironie, indem er sich selbst als kapitalistischen Protagonisten inszeniert, der als Besitzer einer Kunstwerke AG mit knapp werdender Zeichnertusche spekuliert und damit ungewollt eine Umweltkatastrophe auslöst. Mit dem Album Flucht aus Berlin (1990) reagiert Seyfried mit schwarzem Humor auf die deutschdeutsche Wiedervereinigung.

In den folgenden Jahren arbeitet Seyfried mit der 25 Jahre jüngeren Franziska Riemann alias Ziska zusammen und entwirft mit ihr düstere, futuristische Zukunftsvisionen im Stil von Bob Wilsons Esoterik- und William Gibsons Cyberspace-Büchern, so u. a. Future Subjunkies (1991) und Space Bastards (1993). Danach wendet er sich mit Let the bad times roll (1997), Bullen, Bonzen und Berliner, Starship Eden (1999) und Wo soll das alles enden (1978/2005) wieder verstärkt politischen Themen wie dem Neonazismus oder dem Filz der Parteien und Industriellen zu.

Eine Gesamtausgabe aller bisherigen Publikationen von Seyfried und Ziska gibt es in dem 699seitigen Prachtband Die Comics – Alle (2007), in dem sich als besondere Zugabe neben weniger bekannten Comickurzgeschichten die neue fantastische Erzählung Der Fluch der Nipponziege findet. Darüber hinaus hat Seyfried sich mit seinen literarischen Publikationen Herero (2003), Tupamaros (2004) und Gelber Wind (2008) und Verdammte Deutsche (2012) einen Namen als politisch-historischer Schriftsteller gemacht.

In Blogs, Comics und Cartoons für Tageszeitungen oder Magazine verknüpft er seine schriftstellerischen und zeichnerischen Ambitionen und kommentiert Alltagsbeobachtungen unter gesellschaftspolitischen Fragestellungen. In Form von Comics und essayistischen Texten kommentiert er Alltagsbeobachtungen unter gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Ob links oder rechts, Sponti oder Bonze, Seyfrieds spitze Feder kennt kein Pardon.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Januar 2013

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