Geschichte/Politik

Ein eigenwilliger Zugang zu Geschichte und Politik – Simon Schwartz

Packeis. Simon SchwartzDem im Jahr 2012 mit dem Max-und-Moritz-Preis des Erlanger Comicfestivals ausgezeichneten Comic-Zeichner Simon Schwartz gelingt es, akribisch recherchiertes historisches Material in spannende Graphic Novels umzusetzen. Sein Debüt drüben! erzählt die Geschichte der schwierigen Ausreise seiner Eltern aus der DDR nach Westberlin. In Packeis schildert er die Abenteuer des afroamerikanischen Polarforschers Matthew Henson.

Autobiografische Comics müssen nicht ausgewogen sein, auch irrationale Gefühlslagen und radikaler Subjektivismus haben dort ihre erhellende und unterhaltsame Berechtigung. Von seriösen historischen Arbeiten sind dagegen eher stimmige Fakten und kritische Distanz zum Geschehen zu erwarten. Wie es gelingen kann, in einer ästhetisch und erzählerisch intelligenten Kombination beider Formen eine atemraubende Wahrhaftigkeit zu erzeugen, haben beispielhaft Art Spiegelman in Maus und Marjane Satrapi in Persepolis gezeigt.

Innerfamiliäre deutsch-deutsche Teilung

Auch dem autobiografischen Geschichts-Comic drüben! von Simon Schwartz gelingt es, Texte und Bilder zu einem tiefen Einblick in eine historische Realität, in diesem Falle der Teilung Deutschlands, zu montieren. Der 1982 in Erfurt (DDR) geborene Illustrator erzählt in seinem Graphic-Novel-Debüt die Geschichte von der schwierigen Ausreise seiner Eltern aus der DDR nach Westberlin (BRD) und von der nie verheilenden Wunde, die diese Entscheidung schlägt. Denn während seine Großeltern väterlicherseits zeitlebens glühende Anhänger des realsozialistischen Staates sind, mehren sich im Umfeld von Simons Eltern angesichts des rigiden staatlichen Umgangs mit gemäßigten Regimekritikern die Zweifel am System. Ohne jemanden zu informieren, stellen die jungen Eltern deshalb einen Ausreiseantrag – und tatsächlich: nach diversen Schikanen durch den „Sicherheits“-Apparat werden sie 1984 in einer „Hauruckaktion“ quasi des Landes verwiesen. Die Großeltern väterlicherseits verweigern in Folge dieses „Verrats“ jeden Kontakt mit ihrem Sohn und dessen Familie.

Diashow Simon Schwartz
Diashow

Krikelkrakel-Objekte von Simon Schwartz

Eine ungeheure Wut über die Unfähigkeit seiner Familie, miteinander zu reden, habe drüben! motiviert, sagt Simon Schwartz rückblickend. Eine Gemütslage, die der fertigen Arbeit aber nicht mehr anzusehen ist. Im Gegenteil, in klaren, geradezu nüchternen Schwarzweißbildern versucht er Antworten für diese schwer nachzuvollziehende Form der radikalen, innerfamiliären deutsch-deutschen Teilung zu finden. Dabei ist drüben! keine böse Abrechnung mit dem DDR-Staat, sondern vielmehr eine Annäherung an die unterschiedliche Bereitschaft seiner Bewohner, sich mit den offensichtlichen Missständen zu arrangieren. Während der DDR-Staat für Simons Großeltern – sein jüdischer Großvater musste die Verschleppung vieler Verwandter in die Vernichtungslager der Nazis miterleben – ein Schutzraum bedeutet, an den sie einfach glauben wollen, wird er für die nächste Generation immer mehr zu einer unerträglichen Zumutung.

Mit wenigen Strichen skizziert Schwartz die Innenwelten seiner zeichnerisch aufs Notwendigste reduzierten Protagonisten, die er in nostalgiefreie, überschaubare Kulissen stellt. Eine leicht gewellte Augenbraue, die Misstrauen oder Unbehagen ausdrückt, die stets verbittert nach unten gezogenen Mundwinkel der Großmutter oder die immer ein wenig staunend nach oben blickenden Augen des ratlosen Kleinkindes Simon müssen reichen, um die Persönlichkeit und Gemütslage der Personen zu kennzeichnen. Vor allem das Kind erscheint dabei als machtloser Teilnehmer und nicht als Akteur der Geschichte. Es wird wohl diese sehr gelungene Darstellung aus der Perspektive des Kindes gewesen sein, weshalb drüben! 2010 eine Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch erhielt. Anfang 2012 auch auf Französisch erschienen, erlebt drüben! in Deutschland nun schon die vierte, mit zusätzlichen Hintergrundinformationen erweiterte Auflage.

Mythische Welten

Das akribische Recherchieren von historischem Material ist dem Zeichner Simon Schwartz zur großen Leidenschaft geworden – das belegt auch seine zweite Graphic Novel Packeis (2012). Mit in eisiges Blau getauchten Bildern und wechselnden Zeitebenen, rekonstruiert er die Geschichte des afro-amerikanischen Polarreisenden Matthew Henson (1866–1955), der als ruhmlos gebliebene rechte Hand des skrupellosen Robert Peary mutmaßlich als erster namentlich bekannter Mensch 1909 den Nordpol erreichte. Auch wenn Packeis einerseits eine klassische Abenteuergeschichte ist, so ist andererseits der zynische Rassismus der in jeder Beziehung chauvinistischen weißen Entdecker gegenüber den Inuit ausgesprochen abstoßend.

Mit bildnerischen Mitteln zeigt Schwartz auch die Entzauberung und Zerstörung mythischer Welten durch die Eroberer. Immer wieder streut er traumhaft anmutende tribalistische Szenen in die sonst kontrolliert und plakativ wirkenden Seiten. Die Masken der übersinnlichen Figuren wirken dabei weit weniger bedrohlich als die Fratzen der erfolgssüchtigen Männer. Ja, für einige winzige Momente scheint sogar ein grundsätzlich anderes Geschichtsverständnis, als das auf rücksichtslosen Fortschritt und Eroberung gerichtete, möglich.

Der eigenwillige literarische Zugang zu Geschichte und Politik beschert Simon Schwartz zuweilen auch ungewöhnliche Aufträge: Für die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Erfurt gestaltete er 2012 einen 7x40 Meter großen Bildfries. Für das großformatige Gemälde griff Schwartz auf eine Auswahl von über hundert historischen Fotos von Ereignissen der friedlichen Revolution im Herbst 1989 in Thüringen zurück. Für die Zeitung Der Freitag zeichnet Schwartz ausserdem regelmäßig eine Comic-Reihe: Unter dem Titel Vita Obscura stellt er einmal im Monat eine unbekannte oder obskure Person der Geschichte.

Erfolgreich ist Schwartz allerdings auch mit einer völlig anderen Auftragsproduktion: Sein Kindermalbuch Krikelkrakel im Friedrich-Oetinger-Verlag erfreut sich bei jungen Maltalenten einer so großen Beliebtheit, dass Schwartz etliche Folgeprodukte mit seinen Zeichnungen versehen durfte. Katzen und Mäuse, Raupen und Computermännchen, Bären und Piraten zieren nun Stempel und Malrollen, Stifte und Platzsets. Und wer weiß, vielleicht wird aus einem der Kinder, dass mit Krikelkrakelzeichnet, mal ein künftiger Comicautor?

Katja Lüthge
ist Journalistin und schreibt unter anderem für die „Berliner Zeitung“, die „taz“ und die „Frankfurter Rundschau“. 2005 kuratierte sie in Berlin die Ausstellung „Mit Superman fing alles an. Jüdische Künstler prägen den Comic“.

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Juni 2012

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