Jysch, Arne

Am Film orientierte Dramaturgie – Arne Jysch

Als „erster Comic über den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan“ beworben und rezipiert, rief Arne Jyschs Comic-Debüt Wave and Smile im Sommer 2012 ein starkes Medienecho hervor. Arne Jysch lebt und arbeitet als Storyboard-Zeichner in Berlin. Zurzeit arbeitet er an dem Berlin-basierten Krimi-Realfilm Point of View, bei dem er Regie führt.

Diashow Arne Jysch
Diashow

Die fetten schwarzen Großbuchstaben lassen keinen Zweifel an Ort und Zeit des Geschehens. „Afghanistan Provinz Kunduz 2009“ ist dort im Stil einer von der US-Armee gern benutzten Schablonenschrift zu lesen. Zu sehen sind auf dem darunterliegenden ganzseitigen Bild zwei erkennbar afghanisch gekleidete Männer, die neben einem Uralt-Schrottpanzer auf einem kargen Hügel sitzen und etwas im weit entfernten Tal beobachten.

Wave and Smile

Es liegt eine angespannte Stille auf dieser ersten Seite des Comics Wave and Smile von Arne Jysch. Auf zwei kleineren Panels wird der Gegenstand des Interesses der scheinbar gelassenen Beobachter quasi herangezoomt: es ist ein Militärkonvoi, der bei seiner Fahrt über die sandige Piste Staub aufwirbelt. Dann findet ein abrupter Perspektivwechsel statt, jetzt sind wir nah bei den Insassen der Militärfahrzeuge und werden Zeuge, wie die Situation eskaliert. Der Konvoi wird beschossen. „TATA TATAT TATAT TATAT TATATA“ rattern die Maschinengewehre im Gefecht mit den Angreifern, in gezackten Sprechblasen sind die über Funk gebrüllten Kommandos zu verfolgen. In nunmehr sehr kleinteiligen, unruhig wirkenden Panels sind Soldaten „in Action“ zu sehen – es sind deutsche ISAF-Einsatzkräfte, die da kämpfen.

Konzipiert als Film und Comic

So dynamisch beginnen sonst US-amerikanische Actionfilme, denkt man, und liegt damit auch gar nicht so falsch. Denn der Zeichner und Autor von Wave and Smile Arne Jysch kommt eigentlich aus der Filmbranche. Studiert hat Jysch Regie und Zeichentrick in Hamburg und Babelsberg, als Storyboard-Zeichner verdient er zurzeit seinen Lebensunterhalt. Wave and Smile hat er deshalb sowohl als Filmidee als auch als Comic konzipiert, die Zusage des Hamburger Carlsen-Verlags gab schließlich den Ausschlag, das Thema „deutsche Streitkräfte in Afghanistan“ als Graphic Novel umzusetzen.

Arne Jysch pflegt einen realistischen Strich, der es ihm nach eigenen Angaben erlaubt, relativ zügig voranzukommen. Seine skizzenhaften Bleistiftzeichnungen sind anschließend in sandigen Tönen aquarelliert. Durchaus gekonnt spielt er mit den Konventionen des Seitenlayouts, wenn etwa Granaten die Panelrahmen durchschneiden oder der gedolmetschte Dialog mit Einheimischen in einer arabisierten Schrift wiedergegeben wird.

Hauptmann Menger und seine Mitspieler

Die Dramaturgie ist dabei deutlich am (kommerziellen) Film orientiert, bis hin zum „klassischen Helden“, dessen Schicksal exemplarisch auf den 200 Seiten aufgeblättert wird. Hauptmann Menger, ein maskuliner Typ mit Verantwortungsgefühl, grämt sich über seine gescheiterte Ehe und den Verlust von Kameraden. Gar nicht verwinden kann er die Entführung seines Kameraden Marco durch die Taliban. Wieder zurück in Deutschland plagen ihn Schuldgefühle, er zeigt Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er kehrt schließlich nach Afghanistan zurück, um im pakistanischen Grenzgebiet nach Marco zu suchen. Ihm zur Seite steht, stellvertretend für den zivilen Blick auf Afghanistan, eine junge Fotografin, die noch am ehesten Kontakt zur lokalen Bevölkerung aufnimmt.

Die Einheimischen werden als ambivalente Persönlichkeiten vorgestellt. Der Klanführer vor Ort ist einerseits ein berüchtigter „Massenmörder“, andererseits ein treusorgender Familienvater und bietet den deutschen Soldaten Schutz. Die fühlen sich wiederum durch ihren vagen Auftrag von der eigenen Regierung im Stich gelassen. „Gewinkt und gelächelt“ – die „Wave and Smile“-Schilder gab es wohl tatsächlich in jedem Camp – wird hier schon lange nicht mehr. Der „humanitäre“ deutsche Auslandseinsatz ist längst zu einem Kriegseinsatz geworden, bei dem die als zurückhaltend und besonnen beschriebenen deutschen Soldaten weder vom Feind, den Taliban, noch vom alliierten Partner, den USA, bezüglich ihres Kampfverhaltens sonderlich ernst genommen werden.

Starkes Medienecho und hoch gelobte Detailtreue

Als „erster Comic über den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan“ beworben und rezipiert, rief Wave and Smile im Sommer 2012 einiges Medienecho hervor. Von Tageszeitungen über die öffentlich-rechtlichen Sender bis hin zu Bundeswehr-Publikationen interessierten sich plötzlich viele Medien für die Graphic Novel. Die Startauflage verkauft sich binnen kürzester Zeit. Dabei erhielt Jysch, der weder bei der Bundeswehr noch jemals in Afghanistan war, auch Lob für seine Detailtreue. Der spezielle Hubschraubertyp, die Ausrüstung, das Camp aber auch die Darstellung der Soldaten und ihres Alltags wurden vor allem auch von den dort sich im Einsatz befindenden Personen als realistisch gelobt. Der Fokus auf das Menschliche und das überdurchschnittlich knackige Aussehen der Militärs sind sicher schmeichelhaft. Aus dem linken politischen Spektrum gab es folgerichtig massive Kritik. Deutsche Soldaten würden hier im Stil von Landserheften heroisiert und andererseits zu Opfern der Umstände stilisiert. Bürgerliche Medien hoben dagegen den gelungenen Einblick in die unbekannte Parallelexistenz in dem fernen Land hervor.

Mit derselben Motivation ist Arne Jysch zu dem Thema gekommen. Vor dem ersten Bleistiftstrich hat er ein Jahr lang intensiv recherchiert. Zahlreiche deutsche und englischsprachige Filme und Bücher hat er gesichtet, aber eben auch mit der Pressestelle der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums eng kooperiert. Das stimmige „Setting“ verdankt sich den Bildern von der deutschen Fotojournalistin Julia Weigelt, die als „embedded journalist“ in Afghanistan tätig war. Welche Position man auch immer zu Wave and Smileeinnehmen mag, die Diskussion zeigt, wie umstritten das deutsche militärische Engagement in Afghanistan hierzulande nach wie vor ist. Arne Jysch plant keinen weiteren Comic zu diesem Themenkomplex.


Katja Lüthge
ist Journalistin und schreibt unter anderem für die „Berliner Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“. 2005 kuratierte sie in Berlin die Ausstellung „Mit Superman fing alles an. Jüdische Künstler prägen den Comic“.

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März 2013

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