Geschichte/Politik

Sechs Fragen an: Paula Bulling

Paula Bulling, 1986 in Berlin geboren, hat an der Hochschule für Kunst und Design in Halle an der Saale studiert. Die reiselustige Illustratorin und Zeichnerin war bereits als Schülerin in Ecuador, es folgten Reisen nach Argentinien und in die USA, nach Syrien und nach Israel. Bulling lebt in Berlin, verbringt ihre Sommer aber regelmäßig in Frankreich. Im Sommer 2012 hat sie an dem Austauschprogramm Comic-Transfer des Goethe-Instituts teilgenommen und war in Paris.

Dein Buch „Im Land der Frühaufsteher" ist 2012 im Avant-Verlag erschienen und dokumentiert die Flüchtlingspolitik in Sachsen-Anhalt. Wie entstand die Geschichte?

Das Buch ist während meines Studiums in Halle entstanden. Über den Filmemacher Maman Salissou Oumarou habe ich Leute in mehreren Flüchtlingsheimen kennengelernt, die ich regelmäßig besucht habe. Dabei habe ich viele Porträts gezeichnet. Daraus entstanden spontan erste Kapitel, die miteinander verknüpft werden mussten ... Als ich realisiert habe, was das für eine Aufgabe ist, steckte ich schon viel zu tief drin, um einen Rückzieher zu machen. Innerhalb von zwei Jahren ist schließlich das Land der Frühaufsteher entstanden.

Du engagierst dich selbst politisch für Asylsuchende. Welche Hoffnungen, welche Bedeutung misst du deinem Comic in dieser Hinsicht bei?

Der Comic ist für mich auch ein politisches Projekt. Aber eben nicht nur. Ich hoffe, es ist ein Buch mit einer klaren Haltung geworden, und gleichzeitig auch eine schöne und spannende Lektüre. Ich denke, konkrete politische Arbeit und künstlerische Auseinandersetzung können sich gut ergänzen, denn beides geht eine Sache von verschiedenen Seiten an und entfaltet seine Wirkung in unterschiedliche Richtungen.

Du arbeitest mit Tuschefeder und Aquarellfarben, warum?

Bei Im Land der Frühaufsteher habe ich jegliches Material benutzt, das mir in die Finger gekommen ist. Zurzeit habe ich mich auf Pinsel und Aquarellfarben eingeschossen. Mir gefällt die Spontaneität dabei, man hat die Zeichnung nie hundertprozentig unter Kontrolle. Und man ist gezwungen, direkt und ohne Krampf draufloszuzeichnen.

Zusammen mit Maman Salissou Oumarou arbeitest du derzeit an dem Buch „Youssouf“, in dem es um einen Afrikaner geht, der sein Land verlässt.

Salissou und ich kennen uns aus der Zeit, in der ich mit Im Land der Frühaufsteher angefangen habe. Schon damals haben wir ein erstes Skript für Youssouf entwickelt. Wir möchten zeigen, was einen Menschen dazu bewegt, sein Land, seine Familie, sein Leben hinter sich zu lassen. Es geht nicht um die Geschichte einer Flucht, sondern um die Zeit davor. Die Story ist soweit fertig, jetzt suchen wir nach Wegen, sie zu realisieren.

Du hast Keramik und Illustration in Halle studiert. Was ist davon geblieben?

Ich habe im Keramikstudium eine ziemlich klassische Zeichenausbildung bekommen. Von Knochen über tote und lebende Pflanzen, Tiere bis hin zum Menschen. In der Illustrationsklasse durfte ich das alles wieder verlernen. Ich habe das Keramikstudium nach dem Vordiplom aufgegeben, weil ich konzeptueller arbeiten wollte, und Keramik als Material recht langwierig und eigen ist. Ich vermisse das plastische Arbeiten ungemein, aber mir fehlen die Zeit und die Ruhe dazu. Und Comic scheint mir von der Arbeitsweise mehr zu liegen, ich mag diesen Rhythmus, unter Menschen sein, mich mit etwas intensiv befassen, und dann in Ruhe zeichnen.

Was macht eine gute Illustration aus?

Lebendigkeit, Spaß, Poesie.

Rieke Harmsen führte das Interview.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2012
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